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bochum: Ruhr-Uni im 21. Jahrhundert

Auf der Suche nach dem Fortschritt

Auf der Suche nach dem Fortschritt

Wir schreiben das Jahr 2001 und das neue Jahrtausend hat nun auch rechnerisch begonnen; ein Jahrtausend, das momentan vom Glauben an die Götze »fortschrittliche Technologiegesellschaft« geprägt zu sein scheint. Die Ruhr-Universität Bochum (RUB) bildet da beileibe keine Ausnahme: So begrüßt sie Angestellte und Studenten mit fortschrittlichen Vokabeln wie Qualitätspakt, stimmenden Rahmenbedingungen oder Kooperation in einer optimistischen Zukunft.

Vorab sei die Frage erlaubt, was fortschrittliche Technologiegesellschaft eigentlich bedeutet. Gut, es handelt sich um Techniken, die das menschliche Leben erleichtern sollen. Aber ist alles, was neu und modern ist, auch fortschrittlich, oder sind es nicht vielmehr der Nutzen und die Effizienz einer Technik, die den Fortschritt begründen?

Die Ruhr-Universität rühmt sich damit, verstärkt neue Techniken in den Bereichen Medizin und Naturwissenschaften einzusetzen, um den Bereich Forschung anzukurbeln und verweist auf den Gewinn renommierter Preise unter der Schirmherrschaft des Bundesforschungsministeriums im Jahre 2000. In Kooperation mit der Wirtschaft werden Finanzmittel dafür verwendet, hochmoderne Lehrstühle im Feld der Informationstechniken zu schaffen, damit heimische Absolventen zukünftig im internationalen Vergleich bestehen können. Und die Universitätsverwaltung samt Datenbestand wird komplett digitalisiert, damit Studenten moderne Techniken wie Chipkarte und Internet optimal nutzen können.

Die Realität indes ist ernüchternd. Eine Vielzahl von Rechnern mit Internetzugang in Bochum ist ständig außer Betrieb. Die Terminals für den Einsatz der Chipkarte sind begrenzt und bei nicht selten auftretenden Problemen fehlt leider der im Zuge des Fortschritts wegrationalisierte menschliche Ansprechpartner. Die altehrwürdige Karteikarte hat noch lange nicht ausgedient. Dafür wird den Studenten aber in Aussicht gestellt, sich zukünftig am heimischen PC auf digitalem Wege in Vorlesungen und Seminare einklinken zu können - ähnlich der Möglichkeit, bereits die Universitätsbibliothek via Internet zu konsultieren. Damit könnte zwar dem Problem überfüllter Hörsäle entgegengewirkt werden, aber diese Technik dient eher der menschlichen Leere denn der universitären Lehre. Und bisher habe ich auch noch kein Buch im Internet gefunden, das ich über meinen Bildschirm hätte lesen können, so dass der veraltete Bibliotheksbestand nicht länger ins Gewicht fiele. Womit wir schließlich beim leidigen Thema Geld angekommen wären. Fortschritt heißt, sinnvoll in die Zukunft zu investieren, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und positive Aspekte zu übernehmen. Und an den ohnehin schon knappen Finanzmitteln werden ein Großteil der Bochumer Lehrstühle nicht beteiligt.

Hochschulen sind Bildungsinstitute, Bildung ist Wissen und die Vermittlung eben jenes Wissens zu sichern, ist Aufgabe einer fortschrittlichen Bildungspolitik. Gefragt sind tiefgreifende Reformen und Modernisierungen der Lehrinhalte und des Studienangebotes. Daher müssten die Verantwortlichen aus Politik und Hochschulen zuerst in die Basis, also die Studenten investieren, um überhaupt eine geistige Elite ausbilden zu können. Den Sinn einer Stufung des Studiums in ein Bachelor-/Master-Programm, wie es die RUB betreibt, zweifeln Vertreter aus Wissenschaft und Wirtschaft gleichermaßen an, weil das Kind nur einen anderen Namen bekomme. Letztlich werde sich nur der Verwaltungsaufwand verringern. Zwar wünsche ich nachfolgenden Studentengenerationen, nicht von den Mühlen der Bürokratie zermahlen zu werden und sich im Vorgespräch zur Anmeldung der Anmeldung für die Zwischenprüfung im Magister-Nebenfach Geschichte wiederzufinden, aber unter Fortschritt verstehe ich etwas anderes.

In diesem Sinne wünsche ich uns ein wirklich fortschrittliches neues Jahrtausend. (sh)

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