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d-magazin: MIT LEO IMMER VORNEWEG

Ihr Hobby Seifenkistenfahren bescherte der 18-jährigen Nikola Schütze aus Berlin eine ungewöhnliche Gastfamilie ? und ein spannendes Austauschjahr in Deer Park/Washington

Eine Woche vor ihrem Abflug war Nikola Schütze zumindest eines klar: Das Austauschjahr fing nicht gut an. Eine Woche vor ihrem Abflug in die USA hatte sich die Berlinerin das Schlüsselbein gebrochen. Gut, fliegen konnte sie natürlich. Aber dass sie dort gleich an ihrem ersten Wochenende an einem Rennen teilnehmen würde, und dann auch noch gewinnen ? »nee«, sagt Nikola, »das hätte ich nicht gedacht.«

Hilfreich war natürlich, dass sie beim Rennen sitzen konnte. Die 19-Jährige ist nämlich Seifenkistenrennfahrerin ? und um nichts in der Welt hätte sie in Amerika ein Jahr lang auf ihren geliebten Sport verzichtet. Und so hatte Nikola schon lange vor ihrem Austauschjahr eine Suchaktion gestartet, um eine Gastfamilie mit dem gleichen Hobby zu finden. Die Schülerin hatte Glück: Es meldeten sich sogar mehrere Familien, die sie aufnehmen wollten. »Ich habe mich für die Robinsons entschieden, weil sie schon Gastschüler hatten«, erzählt Nikola. So kam die Berlinerin nach Deer Park, einem kleinen Dorf in der Nähe von Spokane/Washington.

Genau wie Nikola fährt auch ihre gleichaltrige Gastschwester Annie Seifenkisten und schleppte sie natürlich gleich zum Rennen mit. Und so war die Deutsche gleich mittendrin: in ihrem Sport und auch in seinem Ursprungsland. Der Sport entstand nämlich 1932, als ein amerikanischer Journalist die Idee hatte, aus Waschmittelkisten (»soap boxes«) Fahrzeuge zu bauen. Mittlerweile gibt es in den USA etwa 5000 Fahrer ? in Deutschland sind es mit 4000 beinahe genauso viele. Ihr Ziel: die abschüssigen und oft kurvenreichen Strecken, die meist als Rennpisten dienen, als Schnellster zurückzulegen. Wer gewinnen will, braucht nicht nur eine technisch ausgereifte Seifenkiste, sondern auch die richtige Strategie.

»Manchmal liegen wir vor dem Rennen auf dem Asphalt, um die schnellste Strecke zu ertasten. Wer nicht auf der Ideallinie fährt, hat keine Chance auf den Sieg«, erklärt Nikola. Obwohl der Sport aus den USA nach Deutschland kam, sind die Rennen in beiden Ländern verschieden. In Amerika sind die Strecken kürzer und nicht so steil, außerdem gibt es nur wenige Kurven. Selten wird ein Fahrer schneller als 25 Stundenkilometer. »Da hatte ich natürlich gute Chancen«, berichtet Nikola, »aus Deutschland war ich bis zu 70 Stundenkilometern gewohnt.«

Mit neun saß die Berliner Göre zum ersten Mal in einer Kiste. Heute geht sie in bis zu 15 Rennen im Jahr mit »Leo« an den Start, ihrem knallgelben Gefährt mit Leopardenflecken. Und das sehr erfolgreich: 1998 war sie sogar Deutsche Meisterin in der Klasse der luftbereiften Seifenkisten.

Die Begeisterung für ihr Hobby war nicht das einzige, was die Schülerin mit den Robinsons verband. »Schon zwei Wochen nach meiner Ankunft hat man Annie und mich «Double Trouble» genannt, weil wir dauernd Unsinn gemacht haben«, erzählt Nikola grinsend und erinnert sich, wie ihre Gastmutter, die eine Black-Jack-Schule hat, ihr das Glücksspiel beibrachte. Weil die Robinsons viel bescheidener leben als Nikolas Familie zu Hause, hat die Schülerin in Amerika auch gelernt, dass überquellende Kühlschränke keine Selbstverständlichkeit sind. »Meine Berliner Freunde sagen, dass mein Zuhause ein Konsumtempel sei«, sagt Nikola. Obwohl sie in den USA auf einige Dinge verzichten musste, steht für sie fest, »dass solche Erfahrungen nicht schaden können«.

Mit dieser Einstellung wurde sie in Amerika schnell beliebt.

Deer Park hat gerade mal 1 600 Einwohner? da fällt eine Gastschülerin auf. »Auf der Straße haben mich sogar Leute gegrüßt, die ich gar nicht kannte«, erzählt sie. Nikola war allerdings auch überall dabei: Neben den Seifenkistenrennen spielte sie Tennis, machte im Winter beim Snowboarden mit und fuhr im Sommer zum Baden. Auch auf der Senior Prom, dem Schulabschlussball, fehlte sie natürlich nicht: Mit einem Haufen Freunde mietete sie ein Hotelzimmer, um dort nach dem offiziellen Ball bis zum nächsten Morgen weiterzufeiern. Die einzigen, mit denen die Gastschülerin in Amerika nicht klar kam, waren die bei den Jungs sehr beliebten Cheerleader. Für Nikola steht fest: »Die mochten mich nicht, weil die Jungs mich mochten.« Da könnte sie Recht haben: Immerhin hatte sie in Amerika sechs Monate lang einen festen Freund.

Der krönende Abschluss ihres Austauschjahres war das Seifenkistenrennen »NDR National Championships«, am dem sie mit ihrer eigenen ? extra aus Deutschland eingeflogenen ? Kiste teilnahm. Auch wenn sie dort nicht gewann, hat ihr das Rennen in Saginaw so gut gefallen, dass sie bald wieder mitfahren will. Selbst wenn das nicht klappen sollte, hat Nikola beschlossen: »Ich möchte auf jeden Fall nochmal nach Amerika. Am liebsten aufs College in Spokane.«

Rennen darf sie nur fahren, bis sie 21 Jahre alt ist, so lauten die Seifenkistenregeln. Weil sie aber auch im Beruf nicht ganz auf ihr Hobby verzichten mag, will die Gymnasiastin Englisch und Sport studieren, um Lehrerin zu werden. Und vielleicht wird sie die erste sein, zu deren Unterrichtsplan Seifenkistenrennen gehören.

Miriam Schreuer und Frank Schinski

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