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GESCHICHTE: Dunkle Zeiten

Hungersnöte, schwere Krankheiten und ein ständiger Streit ums Land: Da fehlte nicht mehr allzu viel, bis die Gesellschaft in Neuengland des 17. Jahrhunderts zur Hexenjagt blies.

Die Augen rechts: Wer auf dem Highway 95 an Boston vorbei weiter in Richtung Norden fährt, entdeckt nach einigen Meilen, bei der Ausfahrt Danvers, einen langgestreckten Hügel. Zwischen Bäumen und Sträuchern sind die Türme eines gewaltigen Backsteinbaus zu erkennen: »Witches Castle« nennen die Einheimischen das Gebäude, die Hexen-Burg, der offizielle Name ist »Danvers Asylum for the Criminally Insane«.

Von 1874 bis 1982 wurden hier Schwerverbrecher, die als unzurechnungsfähig galten, bis an ihr Lebensende eingekerkert, ihre Leichen später dann auf dem Gelände in anonymen Gräbern verscharrt. Der Name »Witches Castle« für die inzwischen stillgelegte Anstalt stammt aus noch älteren Zeiten. Vor 300 Jahren hieß das Städtchen Danvers noch Salem Village. Rund um den Hügel lebten die Siedler, die 1692 in bis heute unvergessenen Prozessen als Hexen verurteilt wurden.

Das Leben war beschwerlich im Neuengland zu Ende des 17. Jahrhunderts. Wenige Jahre zuvor hatten die Siedler sich mit den Indianern von Massachusetts noch erbitterte Kämpfe um Land und Leben geliefert. In der Folge litt die Gemeinde immer wieder unter Hunger und Krankheiten; es gab viel Neid, viele Konflikte, meist ging es dabei um Landbesitz. Pastoren und Gemeindevorstände trugen zu einem entbehrungsreichen Leben bei, indem sie selbst den Kindern Gesang, Tanz und andere »leichtsinnige« Ablenkungen untersagten.

In den frostigen Nächten des Januars 1692 hockten sich die neunjährige Pfarrerstochter Elizabeth Parris und ihre elfjährige Cousine Abigail Williams an den Herd zu Tituba, der indianischen Sklavin der Familie. Sie schlug die Mädchen mit allerlei wunderlichen Geschichten in ihren Bann, erzählte von einer unsichtbaren Welt, die bevölkert war von Geistern und Dämonen. Von Hexen, die nachts auf ihrem Besen zum Teufel ritten, und von kleinen Mädchen, die von diesen Hexen mit einem Fluch belegt wurden und sich fortan seltsam aufführten.

Eines Morgens zeigten Elizabeth und Abigail Symptome wie die Kinder in Titubas Geschichten: Sie wälzten sich auf dem Boden, warfen die Bibel durch den Raum, und beim nächsten Kirchbesuch unterbrachen sie den Pfarrer immer wieder mit gotteslästerlichen Zwischenrufen. Bis heue machen sich Schriftsteller und Geschichtsforscher Gedanken über das Verhalten der Cousinen: Wollten sie lediglich vom Teufel Besessene spielen? Genossen sie all die plötzliche Aufmerksamkeit und damit verbundene Macht? War ihr Verhalten ein kindlicher Protest gegen eine rigide Umwelt? Oder waren die beiden tatsächlich von einer rätselhaften Hysterie erfasst?

Elizabeth und Abigail schienen andere Mädchen anzustecken, nach kurzer Zeit waren es schon neun, die durch seltsames Verhalten auffielen. Die erwachsene Bevölkerung, Priester und andere einflussreiche Männer des Ortes kamen zum Schluss, dass der Grund dafür nur Hexerei sein konnte. Als Gegenmittel verordnete die Kirche der Gemeinde das Fasten und ein noch intensiveres Beten. Eine Nachbarin bereitete aus Roggen und dem Urin der Mädchen einen Hexenkuchen zu, der an einen Hund verfüttert wurde.

Immer und immer wieder wurden die Mädchen befragt, wer sie zur ihrem Verhalten angestiftet hätte, bis sie schließlich drei Namen nannten: Tituba, die Sklavin, Sarah Good, eine alte pfeiferauchende Bettlerin, und die verkrüppelte Sarah Osborne, die ohnehin als wunderlich galt und schon seit einem Jahr nicht mehr in der Kirche gesehen worden war. Alle drei Frauen wurden der Hexerei angeklagt.

Der Kreis der angeblichen Teufelsdiener wurde schnell größer: Führende Bewohner von Salem sorgten dafür, dass Gemeindemitglieder, auf deren Grundstücke sie es abgesehen hatten, als Werkzeuge Satans verhaftet wurden. Aufgrund der Aussagen der Mädchen erhoben die Behörden schließlich Anklage gegen mehr als 150 Menschen. 20 von ihnen - Männer und Frauen, jung und alt - wurden hingerichtet. 19 von ihnen endeten am Galgen, einer starb unter der Last schwerer Steine, die Richter auf seinem Brustkorb aufschichten ließen. Erst im Herbst 1692 hatte der Verfolgungswahn ein Ende, noch in Haft befindliche Salemer kamen wieder frei.

Die Salemer Hexen-Prozesse von 1692 gelten heute als erschreckendes Beispiel für Aberglauben und Intoleranz, als Mahnmal, welch barbarische Folgen Hysterie, Gier und politischer Opportunismus haben können. Jahrhundertelang wollten die Bürger des Ortes nichts von diesem finsteren Kapitel ihrer Geschichte wissen. Immer noch ist umstritten, wo genau die Hinrichtungen der Männer und Frauen aus Salem Village stattfanden. Fest steht lediglich, dass die Unglücklichen dafür zurück ins Dorf gebracht wurden und dass der Galgen oder die Bäume, an denen 19 Menschen ihr Ende fanden, in der Umgebung von »Witches Castle« gestanden haben.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg machte sich Salem an die Aufarbeitung der Hexenjagd. Zwar war bereits im Jahr 1711 für die meisten im Hexenwahn verurteilten eine Generalamnestie ausgesprochen worden, doch Ann Pudeator, die am Galgen starb, wurde erst 1957 für unschuldig erklärt; für die letzten fünf Frauen erfolgte die Rehabilitation sogar erst im Laufe des Jahres 2001.

Salem hat sich seit den 50er Jahren zu einer Touristen-Attraktion entwickelt. Der Bürgermeister ernannte den Ort 1952 zur »Witch City«, und so reitet heute eine Bilderbuch-Hexe auf ihrem Besen im Stadtwappen, kleine Hexen schmücken die Fahrzeuge der örtlichen Polizei, auch Kneipen, Läden und sogar eine Biermarke führen Hexen im Schilde. Im Stadtzentrum infomiert das Hexen-Museum (www. salemwitchmuseum.com) über die Geschichte der Prozesse: In einer hohen, verdunkelten Halle werden nacheinander Szenen angeleuchtet mit den Hauptfiguren des Hexenwahns als lebensgroße Puppen. Dazu berichtet eine düstere Stimme von den vergangenen Ereignissen.

Vor wenigen Jahren hat das Museum sein Angebot um einen zweiten Raum erweitert: Hier erfährt der Besucher, dass die angeblichen Teufelsdiener meist Frauen waren, die sich auf Kräuterheilkunde verstanden und so traditionelles Wissen ihrer Dorfgemeinschaften bewahrten und weitergaben. Das Museum verfügt zudem über einen gut sortierten Laden mit Büchern zur Geschichte Salems sowie Andenken aller Art - von Hexenpuppen bis zu Leinensäckchen mit verschiedenen heilkräftigen Kräutermischungen.

Wer das Museum verlässt und durch die Stadt spaziert, sieht, dass viele der Häuser aus dem späten 17. Jahrhundert liebevoll renoviert wurden und ebenfalls kleine Museen sind, zudem gibt es ein Mahnmal, das an die Opfer der Hexenjagd erinnert. Die dunkle Vergangenheit ist heute Salems Kapital.

Andreas Mink, 44, wohnt in Neuengland und arbeitet in New York als Redakteur beim »Aufbau«

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