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HAMBURG: »Sorry, keine Zeit!«

Wer eine Examensarbeit schreibt, sieht außer Bücherbergen nicht viel

Wer eine Examensarbeit schreibt, sieht außer Bücherbergen nicht viel

9.12 Uhr - ich sitze wie jeden Morgen in der Bibliothek. Den frischen Milchkaffee im Pappbecher habe ich zwischen der Bushaltestelle und der Staatsbibliothek getrunken, denn mir ist mir wieder einmal die Milch ausgegangen. Der braune Fleck auf meiner Hose wird dies noch den ganzen Tag bezeugen. Egal, ich bin in der Examensphase und da hat man ja bekanntermaßen ein Stylingattest.

Links neben mir liegen drei Bücher. Keines davon weist weniger als dreihundert Seiten auf. Das Kopieren wäre bei jedem Buch zu teuer und somit tippe ich die wichtigsten Passagen in den Laptop. Ein Laptop ist eine feine Sache: Man kann ihn überall hin mitnehmen und problemlos arbeiten. Blöd ist nur, dass in der Bibliothek permanent ein Adlerauge auf dem tragbaren Klein-PC haften muss, während man aus dem anderen Blickwinkel heraus das Buch aus dem Regal nimmt. Wenn das Buch dann auf den oberen Regaletagen steht, ähnelt diese Prozedur einer wackeligen Artistendarbietung.

Zweites Problem: Ich habe zwar eine gut recherchierte Bücherliste, dennoch werde ich auf die Hälfte der Literatur erst einmal verzichten müssen. Entweder sind die Bücher nämlich ausgeliehen oder mindestens dreimal vorgemerkt.

Probleme und ein schlechtes Gewissen gehören wohl dazu

Am nächsten Tag mache ich mich auf, um die noch fehlende Unterschrift eines Professors zu besorgen - ich möchte mich endlich für die Examensprüfung anmelden. Ich klopfe also am Sekretariat an: »Guten Tag, ich möchte zu Herrn Mayer, um eine Unterschrift für das Prüfungsamt zu bekommen. ... Ach so, bis nächste Woche in London. ... Ja, ich rufe dann noch mal an. Danke«.

Enttäuscht gehe ich zurück in die Bibliothek und stelle mich an den Stichwortkatalog. Ich ziehe die Schublade »Wa-We« heraus und durchblättere die Karteikarten: Wechselstrom, Wedding, Wedekind. Triumphierend schreibe ich mir alle zugehörigen Signaturen auf und gehe dem »Frühlings Erwachen« in der Freihandsammlung entgegen.

Danach sitze ich wieder an meinem Arbeitstisch und durchforste das gefundene Material. Es ist Donnerstag, 15.32 Uhr. Draußen scheint die Nachmittagssonne. Ich würde gerne einen Kaffee trinken und mich mit Freundinnen treffen. Geht aber nicht. Ich muss die Wedekindliteratur bis zum Wochenende schaffen. Also, tapfer weiterlesen.

Um 19.00 Uhr verlasse ich die Bibliothek und rufe eine Freundin an. Ich denke an Wedekind und daran, dass er neben dem Schreiben auch ein Genussmensch war, der sich gern in Kneipen und Cafes aufgehalten hatte. Der Abend wird dann auch sehr nett und lustig. Nach zwei Stunden gehe ich allerdings nach Hause - ich habe ein schlechtes Gewissen. (yk)

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