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hamburg: Über Klischees und Realitäten

Wie viele Studierende verbringt Seraina Sattler ein Semester im Ausland. Die Schweizerin berichtet über ihre Erfahrungen an der Uni Hamburg.

Wie viele Studierende verbringt Seraina Sattler ein Semester im Ausland. Die Schweizerin berichtet über ihre Erfahrungen an der Uni Hamburg.

»So was kommt in der Schweiz sicherlich nicht vor«, flüstert mir eine Kommilitonin zu. Wir sitzen in einem Seminar über die Geschichte der DDR, und der Professor kämpft mit seiner Stimme gegen den von außen kommenden Baulärm an. Der Lärm gewinnt, wir können den Referenten nicht verstehen. Nichts Ungewöhnliches für mich. Während der ersten fünf meiner sechs Semester wurde ein Flügel der Universität Zürich total renoviert. Aber das weit verbreitete Klischee der perfekten Schweiz scheint sich hartnäckig zu halten.

Ein bisschen enttäuscht bin ich allerdings schon. Die Hanseaten - so dachte ich - haben ohne Zweifel eine schöne, repräsentative Uni gebaut. Ich lag falsch. Beton schmückt den ganzen Campus. Von den erwarteten Schnörkeln und in den Stein gemeißelten bildungspolitischen Inschriften keine Spur. Die Gebäude wurden wohl ausnahmslos in den sechziger Jahren erbaut und scheinen seither keinen Handwerker gesehen zu haben. Der Lift im so genannten »Philosophenturm« gibt Furcht erregende Töne von sich, und ich zweifle an seiner Sicherheit. Erst nachdem ich die 13 Stockwerke ein paarmal zu Fuß erklommen habe, setzt sich die Bequemlichkeit durch, und ich wage es, mich vom Lift nach oben befördern zu lassen. Den Hamburgern sind wohl die inneren Werte wichtiger als die äußeren. Zumindest, was die Uni angeht. Die Schere zwischen dem äußeren Erscheinungsbild und der Qualität der Veranstaltungen geht hier weit auf, und ich bin froh, dass es die äußeren Werte sind, die vernachlässigt werden.

»Du kommst aus der Schweiz und machst ein Austauschsemester in Deutschland?« Immer wieder muss ich mich auf die rhetorische Frage mit leicht missbilligendem Unterton einlassen. Ich versuche, mich zu rechtfertigen, indem ich Gründe für meinen Aufenthalt in Deutschland aufzähle, die ich mir extra zur Beantwortung dieser Frage ausgedacht habe: schöne Stadt, interessante Veranstaltungen an der Uni, schöne Sprache, Medienstadt, Großstadtfeeling, liegt in der Nähe der mich interessierenden Ex-DDR und der landschaftlich schönen Ost- und Nordsee und vieles mehr. Das sind allerdings inzwischen so viele Gründe, dass ich jedes Mal die Hälfte vergesse. Dann sieht es so aus, als wenn ich völlig planlos und ganz und gar zufällig in Hamburg gelandet wäre. Eigentlich stimmt das. Genauso gut hätte es mich nach Berlin, Straßburg oder Rom verschlagen können. Eine Fremdsprache zu erlernen oder zu vertiefen, scheint aber für viele der einzige legitime Grund zu sein, ein Semester im Ausland zu verbringen. Ein Italiener wird niemals nach dem Grund seines zeitlich beschränkten Aufenthaltes in Deutschland gefragt. Ist doch klar: die Sprache, die Sprache und nochmals die Sprache! Doch was ist mit der Kultur? Ist die Kultur an die Sprache gebunden? Ist die deutsche Kultur die gleiche wie die schweizerische? Den Antworten auf diese Frage bin ich auf der Spur. Spannende Diskussionen mit Deutschen und Austauschstudenten über unsere Kulturunterschiede sind an der Tagesordnung.

Manchmal frage selbst ich mich, warum ich mein Auslandsemester nicht in Frankreich, Italien oder wenigstens England verbringe. Fremdsprachen lernen ist doch so was Schönes und Praktisches. Ich habe einen Kompromiss gefunden: Jeden Dienstagabend spreche ich Spanisch - an der Volkshochschule Hamburg. (sat)

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