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H. Hell: Was ich über Sex gelernt habe Treue – eine der letzten großen Herausforderungen

Frauenhände streicheln einen nackten Männeroberkörper
Heißer Typ. Trotzdem treu bleiben?
© Colourbox.de
In unserer egozentrischen, tindernden Gesellschaft gibt es keinen Mangel an Seitensprung-Möglichkeiten, wenn das Sexleben langweilig wird. Aber fordert ein neuer Partner plötzlich Treue, steht man vor einem Riesenproblem: Wie soll das gehen?

Einer meiner ehemaligen Liebhaber hat mal gesagt: "Wenn das Frühstück wichtiger ist als der Sex, dann sollte man gehen."

© Eiko Weishaupt

Henriette Hell: Love from Hell

Henriette Hell wurde 1985 geboren und arbeitet als Journalistin/Autorin in Hamburg und unterwegs auf ihren Reisen rund um den Globus. Ihr Buch "Achtung, ich komme! In 80 Orgasmen um die Welt" ist 2015 erschienen und wurde prompt zum Bestseller. 2017 folgte "Erst kommen, dann gehen – Die Sexbibel fürs 21. Jahrhundert". Henriette schreibt gerne, ehrlich und lässig über Sex, weil sie findet, dass das viel zu wenig Leute tun.

Damals habe ich ihm applaudiert und geantwortet: "Das ist das Beste, was ich seit Langem gehört habe!" Weil mir nichts mehr Angst machte als Unlust. Lahmer Sex. Dauerhafte Flaute im Bett. In einer längeren Beziehung bleibt das leider nicht aus. Wer das nicht erträgt, flieht. Oder geht fremd. "Material zur Abwechslung" ist ja dank Tinder & Co. rund um die Uhr verfügbar. Und es tut hin und wieder gut, gegen Regeln zu verstoßen (wenn man das schon im Büro nicht kann). Einen heimlichen Geliebten zu haben, das ist böse – und geil. Weil man damit quasi unsere heuchlerische Gesellschaft fickt.

Monogamie ist unrealistisch

Trotzdem bin ich jetzt – mit fast 30 – bereit, mich dieser ultimativen Herausforderung zu stellen: Ich bin an einer erwachsenen, ehrlichen, monogamen Beziehung interessiert, da schwer verliebt. In den perfekten Mann. Er hat mir gesagt, dass er mich verlässt, wenn ich ihn bescheiße. Da schlottern mir die Knie, denn ich frage mich immer noch: Kann ich treu sein? Geht das überhaupt? Tragen wir nicht alle das Fremdgeh-Gen in uns? Immerhin betrügen 43 Prozent der Deutschen ihren Partner – obwohl sie ihn lieben! Helmut Schmidt hat's getan. David Beckham auch. Und Sie auch, wetten?! Die Gründe dafür sind mannigfaltig und lassen sich in einer Typologie veranschaulichen. Hier eine Auswahl:
1. Der "Sylvie van der Vaart"-Typ – Sie wollen sich begehrt fühlen. Am liebsten von aller Welt. Ein (Ehe-)Mann reicht Ihnen nicht als Bestätigung.
2. Der "Jörg Kachelmann"-Typ – Sie haben immer mindestens drei verschiedene Beziehungen gleichzeitig am Start. Es dreht sich bei Ihnen alles darum, bloß nicht aufzufliegen. Das törnt Sie an.
3. Der "Kristen Stewart"-Typ – Ihre Beziehung, in der Sie aus Imagegründen gefangen sind, ödet Sie an. Deshalb treiben Sie es mit jemandem, der das Gegenteil von ihrem Freund ist.
4. Der "Dominique Strauss-Kahn"-Typ – In Ihren Augen ist Fremdvögeln bloß ein "kleiner moralischer Fehler", der Ihnen halt hin und wieder mal – hoppla! – passiert.
5. Der "Kate Hudson"-Typ – Sie glauben nicht an Monogamie. Deshalb gönnen Sie sich hin und wieder einen Seitensprung und verzeihen auch Ihren untreuen Partnern großzügig.
6. Der "Tiger Woods"-Typ – Sie können gar nicht anders. Sie sind krank. Ja, echt! Sexsucht ist eine (fast schon) anerkannte Krankheit, deren Heilchancen extrem schlecht stehen. Pech gehabt.
7. Der "Jesse James"-Typ – Sie vögeln fremd, um Ihre Minderwertigkeitskomplexe (Ihr Partner ist wesentlich erfolgreicher als Sie) zu kompensieren.
8. Der "Elizabeth Taylor"-Typ – Nur ein/e Partner/in zurzeit? Pfff! Sie doch nicht, das wäre glatte Verschwendung.
9. Der "David Beckham"-Typ – Sie dachten, Sie wären es Ihrem Image als Sexsymbol schuldig, mehr als nur eine Frau zu beglücken. In Wahrheit war es ein Riesenfehler.

Blöderweise kann man ja nicht mal wirklich selbst entscheiden, wie "unmoralisch" man ist. Das hängt laut US-Studien von der Gen-Variante DRD4 ab: Träger sind um 50 Prozent anfälliger für Seitensprünge! Wer dennoch treu sein möchte, muss tricksen: Eine Freundin macht grundsätzlich nach zwei Jahren mit ihren Partnern Schluss, "weil der Sex dann lahm wird". Auf diese Weise geht sie nicht fremd, hat aber nonstop wilden Sex. 

Bringt es ein "Freifickschein"?

Eine andere Freundin hat mir erzählt, dass sie seit sechs Jahren (!) nicht mehr mit ihrem Partner geschlafen hat. Sie ist Anfang 40. Und sagt, sie und ihr Mann seien sich "psychisch treu". Er hätte ihr einen "Freifickschein" ausgestellt. Auch nicht schlecht. Wenn man sich liebt, aber keine körperliche Anziehungskraft mehr vorhanden ist, muss man sich eben etwas einfallen lassen. Das betrifft uns alle. "Dauerhafte Sicherheit und häufiger, guter Sex schließen sich aus", sagt sogar die Psychotherapeutin Kirsten von Sydow von der Universität Hamburg. 

Was macht unser Sexleben nachhaltig geil? 

Ich will das nicht! Ich geb' mich damit nicht zufrieden! Ich will meinen Mann ewig begehren! Aber was ist das Geheimnis eines nachhaltig geilen Sexlebens? Zuerst sollte man vermutlich mit diesem Alles-oder-nichts-Denken aufhören. Kate Hudson hält Monogamie zum Beispiel für unrealistisch. Trotzdem glaubt sie, dass Paare treu sein können – man soll es damit aber nicht übertreiben. Wenn ihr Mann eine Affäre hat, "dann will ich es einfach nicht wissen. Solange in unserem Haus alles gut läuft, lass dich bitte nicht erwischen". Sie selbst fühle sich ebenfalls von ihren sexuellen Energien beherrscht. Man müsse sich immer vor Augen halten: "Andere Menschen nicht zu verletzen, steht an erster Stelle."

Einen Versuch ist das allemal wert.  

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