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Hochschulabschluss: Investitionsmodell Student

In die eigene Bildung zu investieren, ist »eine sehr attraktive Form der Vermögensbildung«, bilanziert die OECD in ihrem Bildungsbericht. Akademiker zahlen mehr Steuern und werden seltener arbeitslos.

Investitionsmodell Dieter, Student im siebten Semester, trägt Hornbrille, dazu dicke Cordjacke und Schal. Sieht aus wie ein zerstreuter Philosoph, ist aber ein cleverer Student der Wirtschaftswissenschaften, der seine Bank dazu brachte, sein Studium zu finanzieren - zinsgünstig, versteht sich. Sein Studium an der privaten Uni Witten-Herdecke sei Sicherheit genug, sagt der gelernte Bankkaufmann, und eine gute Zukunftsinvestition. Sein Professor Birger Priddat bestätigt das: »Unsere Absolventen können mit einem Einstiegsgehalt von 35.000 Euro und mehr rechnen.«

Studieren lohnt sich. Eine internationale Untersuchung der OECD belegt, dass sich Investitionen in Bildung nicht nur ideell, sondern auch in Euro und Cent auszahlen. »Von dem Ergebnis waren wir selbst überrascht«, sagt OECD-Manager Andreas Schleicher, der die Zahlen für Deutschland und weitere 30 Nationen diese Woche in London vorstellte.

Abitur und Studium bringen demnach im Schnitt mehr als eine Geldanlage bei der Bank. Denn wer länger lernt, verliert zwar zunächst einige Jahre an Einkommen, weil er später in den Beruf einsteigt, verdient dann aber deutlich besser. Durchschnittlich neun Prozent Rendite, errechneten Schleichers Statistiker, bringe die Investition Akademikern in Deutschland, Phasen der Jobsuche und Arbeitslosigkeit eingeschlossen, gegenüber den schlechter ausgebildeten. Für Länder wie USA und England mit kürzeren Studienzeiten errechnete die OECD sogar Traumrenditen von jährlich über 15 Prozent.

Investitionen in die eigene Bildung seien für den Einzelnen »eine sehr attraktive Form der Vermögensbildung«, bilanziert die OECD in ihrem über 400 Seiten starken Bildungsbericht. Auch Wirtschaft und Gesellschaft profitierten vom wachsenden »Humankapital«: Akademiker bedeuten höhere Produktivität, sie zahlen mehr Steuern und werden seltener arbeitslos. Statistisch gesehen sei das Risiko für Hochschulabsolventen mit 2,6 Prozent nicht mal halb so groß wie jenes von Gleichaltrigen ohne Studium.

»Eine gigantische Verschwendung«

Beim Vergleich von 100.000 Bildungsbiografien kamen die OECD-Statistiker zu verblüffend präzisen Ergebnissen. Schon die Investition ins Abitur etwa schlägt gegenüber dem Hauptschulabschluss mit mehr als zehn Prozent plus pro Jahr zu Buche. Akademiker haben wiederum gegenüber Abiturienten einen kapitalen Vorteil. Und: Auch das Studium der Geisteswissenschaften kann sich rentieren, wie die stern-Beispielrechnung zeigt. »Das Klischee vom taxifahrenden Philosophen hat noch nie gestimmt«, sagt Schleicher, »Studenten brauchen länger bei ihrer Berufswahl, verdienen dann aber bis zur Rente kontinuierlich mehr.«

Alles Zahlenspiele? Darf man Wissen und Fähigkeiten mit Geld aufwiegen, das Verständnis von Hegel und Heisenberg mit Sparkonten vergleichen? Man darf, sagt Schleicher. »Wir haben einen zu engen Kapitalbegriff, der bezieht sich nur auf Geld.« Die Bedeutung des Grips-Kapitals sei in Deutschland noch nicht erkannt: »Der Bau einer Autobahn in Ostdeutschland gilt als Zukunftsinvestition, Ausgaben für Bildung dagegen werden als Kostenfaktor verbucht.«

Es geht den Bildungsforschern dabei nicht nur um schnödes Erbsenzählen, sondern um den richtigen Umgang mit Bildung als kostbarer Ressource. Kaum ein Kostenfaktor schlägt bei deutschen Studenten so sehr zu Buche wie die langen Studienzeiten von durchschnittlich sechs Jahren - gegenüber 4,8 Jahren in den anderen OECD-Staaten. »Das bedeutet 60.000 bis 80.000 Euro Einkommensverlust pro Student«, kritisiert der Kölner Bildungsökonom Dieter Dohmen. »Eine gigantische Verschwendung.«

Ingrid Eißele/Tilman Wörtz

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