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Buchauszug

Das Kinderkriegen wird schöngeredet

Regine Schneider, Autorin von über 20 Büchern, darunter "Sieben Gründe, keine Kinder zu kriegen“, berichtet aus eigener Erfahrung, wie schwer es Frauen in Deutschland gemacht wird, Mutter zu sein.

Kinderlosigkeit

Ich bin mehr oder weniger zufällig Mutter geworden. Wenn ich erst mal "ordentliche Verhältnisse" geschaffen hätte, also mir eine Existenz aufgebaut und dann den passenden Mann dazu gesucht hätte, wäre ich nie Mutter geworden. Ich bin da reingerasselt.

Ich lebte damals mit einem Mann zusammen, der partout keine Kinder wollte, aber ich hatte einen Geliebten, Ismail, Student in Wuppertal. Ich arbeitete bei einer Lokalzeitung, war eine der wenigen Journalistinnen in Deutschland, die über Autos schrieben. Und dann bekam ich das Angebot, als Autoredakteurin nach Hamburg zur Frauenzeitschrift Brigitte zu gehen. Mein Traum!

Kaum in Hamburg, endlich auf dem Olymp gelandet, stellte ich noch in der Probezeit fest, dass ich schwanger war. Tja, und dann musste ich mich entscheiden. Aber ich brauchte nur eine Nacht, dann war für mich klar, dass ich dieses Kind bekommen würde. Ich war 36, wollte ja grundsätzlich Kinder, und ich dachte, wenn du jetzt abtreibst, kriegst du vielleicht nie wieder ein Kind.

Ich heulte und heulte

Trotzdem bin ich erst mal in eine tiefe Depression gefallen. Ich war doch nach Hamburg gekommen, um Karriere zu machen. Ismail, den Vater des Kindes, hatte ich in Wuppertal zurückgelassen, weil ich mir mit ihm keine Zukunft vorstellen konnte. Nun, da meine Pläne so verquer verliefen, war ich verzweifelt und niedergeschlagen. Aber alle, die hörten, dass ich schwanger war, fielen mir mit Tränen in den Augen um den Hals und riefen: "Wie schööööön!" Auch in der Geburtsvorbereitung traf ich nur auf selig lächelnde Eltern und Mütter, die ihren Bauch streichelten. Und ich war depressiv, weil alles so unsicher war. Ich nahm psychologische Hilfe in Anspruch, es wurde besser. Aber kaum dass meine Tochter Selma geboren war, bekam ich eine postnatale Depression.

Die Mutterliebe ist sofort nach der Geburt da. Aber sie macht nicht sofort glücklich, nicht unbedingt. Es gibt Frauen, die sind total happy und alles ist easy und toll, aber bei mir war das nicht so. Ich heulte und heulte. Und der Besucherstrom im Krankenhaus riss nicht ab. Alle brachten Geschenke, mit denen ich nichts anfangen konnte, große Sonnenblumen zum Beispiel. Am fünften Tag habe ich Ismail vor der Krankenhaustür postiert und ihm befohlen: "Schick alle weg!"

Muttersein ist schwer

Und dann kam ich mit dem Baby nach Hause und war erst recht völlig überfordert. Man kann sich nicht vorstellen, wie sehr sich das Leben durch ein Kind verändert. Man denkt, man kriegt was Tolles, was Niedliches, so was Ähnliches wie einen Hundewelpen. Um den muss man sich zwar auch kümmern, aber er stellt das Leben nicht komplett auf den Kopf. Mit einem Baby ist man in der ersten Zeit rund um die Uhr fremdbestimmt. Das ist so krass. Ich war am Ende, richtig am Ende. Ich konnte nicht schlafen. Die Hormone sorgten dafür, dass mir der Schweiß ausbrach, wenn Selma nur den leisesten Pieps von sich gab. Ich stürzte sofort zu meinem Kind, um zu sehen, ob es noch lebte.

Wenn du Fernsehen guckst und es werden Bilder vom Krieg gezeigt, fängst du an zu heulen, weil du die Vorstellung nicht erträgst, dass so etwas deinem Baby passieren könnte.

Weil ich alleinerziehend war, Ismail und ich lebten nicht zusammen, kam damals noch das Jugendamt zu Kontrollbesuchen vorbei. Die kamen manchmal um die Mittagszeit und ich war noch nicht angezogen, weil meine Tochter mich so auf Trab gehalten hatte. Ismail war so anständig gewesen, nach Hamburg zu ziehen, um für sein Kind da zu sein. Er konnte die Familie allerdings nicht alleine ernähren. Also musste ich drei Monate nach Selmas Geburt wieder arbeiten.

Bei der Brigitte wurde ich fairerweise übernommen. Die hätten die Probezeit ja auch nutzen können, um mich zu entlassen. Ich wusste das sehr zu schätzen. Genützt hat es mir allerdings nichts, denn ich war so was von unfähig in dieser Zeit, ständig müde, überfordert. Und einen Teilzeitvertrag kriegte ich nicht. Deshalb habe ich Selma zur Tagesmutter gegeben. Bis zu 900 Mark habe ich damals für Kinderbetreuung bezahlt, das war echt happig, ein großer Teil meines Gehalts ging dafür drauf. Als Alleinerziehende hätte ich zwar Anspruch auf einen Krippenplatz gehabt. Aber das habe ich mich nicht getraut, weil man als Mutter unten durch war, wenn man sein Kind in die Krippe gab. Das war absolut verpönt. Davon habe ich mich unter Druck setzen lassen.

Probleme im Job - und ein schlechtes Gewissen

Schon als ich Selma bei der Tagesmutter ließ, musste ich mir von anderen Müttern Vorwürfe anhören: "Warum kriegst du denn erst ein Kind, wenn du es jetzt abschiebst?" Ismail hat sich zwar ums Kind gekümmert, so gut er konnte. Aber er war vor allem damit beschäftigt, beruflich Fuß zu fassen, hatte nicht immer Zeit. Und er regelte die Kinderbetreuung gerne nach Männerart.

Einmal kam ich von einer Dienstreise zurück, freute mich auf Mann und Kind, doch niemand war zu Hause. Ich ging auf den Balkon. Da rief meine Nachbarin von oben: "Regine, rate mal, wer bei mir ist – Selma." "Und wo ist Ismail", fragte ich zurück.
 "Ach, unsere Männer sind ins Fitness-Studio gegangen." Heute kann ich darüber lachen, damals habe ich getobt.


Ich habe dann beruflich kürzergetreten, wie es so schön heißt. Selma war zehn, elf Stunden bei der Tagesmutter. Und ich war nach zehn, elf Stunden in der Redaktion, mit meinen Kräften am Ende, wurde meinem Kind überhaupt nicht mehr gerecht. Weckte sie morgens, brachte sie zur Tagesmutter, holte sie abends wieder ab, brachte sie ins Bett. Also kündigte ich meine feste, unbefristete Redakteursstelle bei der Brigitte. Verzichtete auf ein regelmäßiges Gehalt, Rentenansprüche, soziale Sicherheit.

Immerhin war die Chefredakteurin so fair, mir einen Vertrag als "feste freie Mitarbeiterin" anzubieten. Damals war ich froh und glücklich, dass ich nicht arbeitslos wurde. Ich bekam eine monatliche Pauschale gezahlt, konnte mir meine Zeit einteilen.

Opfer des Muttermythos

Selma habe ich trotzdem noch zur Tagesmutter gegeben, aber nicht mehr so lange. Und trotzdem, immer wenn meine Tochter ein Wehwehchen hatte, musste ich mir anhören: "Du gibst das Kind ja auch den ganzen Tag weg. Kein Wunder, dass das Kind dauernd erkältet ist." Diese gesellschaftliche Verlogenheit, die einem vorgaukelt, wie toll es ist, ein Kind zu kriegen, und dass du überhaupt nicht drauf vorbereitet bist, was wirklich auf dich zukommt, hat mich auf die Idee gebracht, mein erstes Buch "Oh Baby" zu schreiben. Ich wollte erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu bekommen. Deshalb habe ich andere Mütter interviewt. Die waren richtig erleichtert, endlich darüber sprechen zu können, wie schwer es mit einem Baby ist. Das Buch hat sich sehr gut verkauft, vielleicht, weil viele Frauen darauf gewartet haben, dass endlich mal eine Mutter die Wahrheit sagt.

Später habe ich dann noch das Buch "Gute Mütter arbeiten" geschrieben. Es war interessant, wie die Frauen reagierten, wenn ich in den neuen Bundesländern aus meinem Buch vorlas. Die Mütter dort fragten mich: "Warum muss man im Westen so’n Buch schreiben? Was habt ihr denn für Probleme?" Oder: "Wieso habt ihr denn ein schlechtes Gewissen? Die Kinder werden doch in der Krippe ordentlich betreut. Die werden beschäftigt, kriegen zu essen, haben kleine Freunde." In der DDR hatten Frauen es leichter gehabt, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Da war es selbstverständlich, dass eine Frau arbeiten ging. Nach der Wende hätten wir das ruhig übernehmen können.

Bei den Recherchen zu dem Buch ist mir klar geworden, dass auch ich ein Opfer dieses Mütter-Mythos war, dem wir hier in Deutschland immer noch anhängen. Die Franzosen und Schweden haben ein vollkommen anderes Mutterbild. Für die ist es kein Problem, Kinder betreuen zu lassen. Und dort sind die Betreuungsmöglichkeiten auch um ein Vielfaches besser.

Frauen werden in Deutschland richtig missbraucht

Außerdem gibt es hierzulande an jeder Ecke diese hundertprozentigen Supermütter, die sich gegenseitig das Leben schwer machen. Wenn ich mit meiner Tochter auf den Spielplatz ging, nahm ich mir was zu lesen mit. Und erntete böse Blicke von den Müttern, die mit ihren Kindern im Sandkasten saßen. Das ist auch so eine Falle, in die Mütter tappen. Sie zetteln untereinander einen Konkurrenzkampf an: Wer hat das beste, das schönste und das klügste Kind?

Es ist auch ein Wahnsinn, wie man sich als Mutter entblödet, alles zu tun, nur damit man dazugehört. Du musst im Kindergarten Kuchen backen, später in der Schule auch. Du musst das Kinderfrühstück ausrichten. Die Kinder müssen bestimmte Sachen anhaben, dazu gehört zum Beispiel die Diskussion über das Für und Wider von Stoffwindeln oder Wegwerfwindeln. Du wirst von anderen Müttern permanent unter Druck gesetzt.

Ich bin davon überzeugt, dass ich beruflich eine ganz andere Karriere gemacht hätte, wenn ich kein Kind bekommen hätte. Und das geht vielen Frauen so. Dass ich ein Kind bekommen habe, hat mein Leben bestimmt und ihm eine völlig andere Richtung gegeben.

Wenn ich kaufmännisch versiert gewesen wäre, hätte ich das alles nicht gemacht. Aber ich bin nicht so. Nun kriege ich für mein Lebenswerk eine kleine Rente. Ich habe in Euro und Cent einen hohen Preis dafür gezahlt, dass ich ein Kind bekommen habe. Wenn ich alles zusammenrechne, hat mich meine Tochter ein schickes Einfamilienhaus gekostet. Aber mir ist auch bewusst, dass ich vieles erlebe, weil ich eben diesen Preis gezahlt habe.

Ich habe Glück gehabt mit meiner Tochter. Sie war nicht immer pflegeleicht. Die Pubertät war richtig heftig, da bin ich auf dem Zahnfleisch gegangen, da hätte ich sie am liebsten sonst wohin gewünscht. Aber sie ist ihren Weg gegangen und ist ein gelungenes Kind. Inzwischen höre ich aber von Eltern, dass sie sagen, wenn sie gewusst hätten, was auf sie zukommt, hätten sie keine Kinder bekommen. Und ich kann das verstehen, auch wenn ich heute froh bin, meine Tochter zu haben.

Man macht mit Kindern extreme Erfahrungen, die einen in der Persönlichkeitsentwicklung weiterbringen, und die möchte ich nicht missen. Aber die Gesellschaft redet das Kinderkriegen schön. Frauen werden in Deutschland richtig missbraucht. Sie sollen Kinder in die Welt setzen und niemand sagt ihnen, was sie erwartet – emotional und finanziell.

Frauen müssten auch mehr zusammenhalten. Als Frau ist man nämlich immer die Dumme – als Mutter, die zu Hause bleibt, als Teilzeitmutter, als Kinderlose. Kinderlose zu bestrafen, ist für mich die Zuspitzung dieser verlogenen Politik. Ich frage mich auch immer häufiger: Warum sollen deutsche Frauen eigentlich Kinder kriegen? Gibt es nicht genug Kinder auf der Welt?

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch: "Vögeln fürs Vaterland? Nein, danke! Bekenntnisse einer Kinderlosen" von Kerstin Herrnkind. Anstoß für den Westend-Verlag, das Buch herauszubringen, waren zwei Artikel auf stern.de.


Protokoll: Kerstin Herrnkind

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