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"Vögeln fürs Vaterland?": "Frauen mit Kindern stelle ich nicht ein" - die Geschichte einer jungen Mutter

Kinder sind für Frauen in Deutschland ein berufliches Risiko, wie die Geschichte von Alexandra zeigt. Die Mutter zweier Kinder findet trotz guter Ausbildung nur noch Hilfsjobs.

Eine junge Mutter liegt mit einem Baby im Bett (Symbolbild)

Das Arbeitsleben muss sich den Bedürfnissen der Kinder anpassen, findet unsere Autorin (Symbolbild)

Kinder zu haben, war für mich ein absoluter Herzenswunsch. Aber ich bin spät Mutter geworden, mit 36. Ich war viel auf Reisen, habe das unabhängige Leben genossen. Mein Partner wollte auch noch warten. Nach dem Abitur habe ich Krankenschwester gelernt und auch in dem Beruf gearbeitet. Aber dann merkte ich, dass ich mehr Verantwortung tragen wollte. In Hamburg wurde damals gerade der neue Studiengang "Pflegewissenschaften" eingerichtet. Das habe ich dann studiert. Obwohl ich einen sehr guten Abschluss gemacht habe, musste ich leider feststellen, dass es recht schwer ist, als Pflegewirtin einen Job zu finden. Tatsächlich habe ich nach langer Zeit und mit viel Glück eine Trainee-Stelle als Assistentin der Leitung eines großen Klinikkonzerns bekommen. Aber schon nach einem Monat wurde mir betriebsbedingt gekündigt, so dass ich in die Arbeitslosigkeit rutschte. Inzwischen war ich Mitte 30 und ich dachte: Es ist mir jetzt wurscht, was mit dem Beruf ist, ich möchte jetzt einfach gerne Kinder. Mein Partner war nun auch so weit.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Vögeln fürs Vaterland? Nein, danke!" von Kerstin Herrnkind, das jetzt im Westend-Verlag erschienen ist. Vorangegangen waren zwei Artikel im stern.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Vögeln fürs Vaterland? Nein, danke!" von Kerstin Herrnkind, das jetzt im Westend-Verlag erschienen ist. Vorangegangen waren zwei Artikel im stern.

2006, mit 36, kurz vor meinem 37. Geburtstag, habe ich dann meine Tochter bekommen. Ich war überglücklich. Endlich ein Kind. Nachdem unsere Tochter acht Monate alt war, haben wir geheiratet. Wir waren zu dem Zeitpunkt schon zehn Jahre ein Paar, wollten sowieso zusammenbleiben. Außerdem war es steuerlich günstiger und ich war über meinen Mann nun krankenversichert. Ich habe schnell gemerkt, dass ich gerne Mama war und gerne mit meiner Tochter zusammen sein wollte. Keinen Gedanken verschwendete ich daran, mich schnell wieder zu bewerben, um in den Beruf zurückzukommen. Alle meine Freundinnen, Bekannte und Nachbarinnen arbeiteten nach einem Jahr spätestens wieder. Mir war schon bewusst, dass ich da eine andere Schiene fahre als andere Frauen. Aber ich wusste einfach: Ich will bei meinem Kind sein. Ich will meine Tochter nicht abgeben. Ich kam gut mit ihr zurecht, obwohl sie mein erstes Kind war. Es war eine sehr, sehr glückliche Zeit. Über die Rente habe ich mir nie Gedanken gemacht. Ich dachte immer: Ich bin glücklich, wie es im Moment ist. Ich war also ganz zufrieden mit meinem Leben. Nur meine Umwelt nicht. Viele Leute dachten, ich hätte keinen Beruf und wäre nun froh, dass das als Vollzeitmutter nicht so auffallen würde. Ich habe sie dann aufgeklärt und gesagt: "Klar habe ich einen Beruf, ich habe sogar ziemlich viel Zeit in meine Ausbildung investiert. Aber jetzt, wo ich das Kind habe, merke ich, dass andere Dinge wichtig sind." Aber die Leute, tadelten mich: "Aber deine Tochter muss doch mal in den Kindergarten. Die Kinder werden da doch viel besser gefördert." Sie meinten sogar, es sei schlecht für meine Tochter, "nur bei der Mutter zu Hause sein". Ich musste mir auch oft anhören, wie altmodisch und rückwärtsgewandt ich leben würde. Dass ich mich auf dem Geld eines Mannes ausruhen würde. Und wie unemanzipiert das sei. Ich war oft so perplex, dass ich gar keine richtige Antwort parat hatte.

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In der Arbeitswelt ist nichts sicher

Wir haben dann versucht, ein zweites Kind zu kriegen. Das klappte erst mal nicht, was mich in eine ziemlich tiefe Krise stürzte, weil ich unbedingt ein zweites Kind wollte. Als drei Jahre später endlich mein Sohn geboren wurde, war das für mich ein Riesengeschenk. Ich dachte, natürlich bleibe ich zu Hause, ich genieße jede Minute. Das habe ich mit meinem Mann auch so besprochen. Meine Tochter ging mit dreieinhalb zwar in den Kindergarten, aber ich wollte sie nicht in die Ganztagsbetreuung geben. Ich war froh, dass ich sie nachmittags wieder zu Hause hatte. Sie war müde, sie war bockig und ich wollte für sie da sein. Ich wollte meine Kinder nicht abgeben, um dann wieder in die Tretmühle des Berufslebens zu kommen, nur um den Anschluss nicht zu verpassen. Gerade die Erfahrung, dass man mich betriebsbedingt entlassen hatte, nachdem ich einen Monat fest angestellt gewesen war, hat mir gezeigt, dass in der Arbeitswelt nichts sicher ist. Man kann sich noch so anstrengen und glauben, man würde unentbehrlich sein. Am Ende wird man doch gekündigt.

Inzwischen waren wir von der Großstadt in eine kleinere Stadt umgezogen. Plötzlich traf ich mehr Frauen, die bei ihren Kindern geblieben waren. Frauen, die in Teilzeit arbeiteten, die ganz selbstbewusst sagten: "Ich arbeite nur ein paar Stunden. Ich muss am Nachmittag fit sein. Ich kann nicht den ganzen Tag arbeiten und dann auch noch den Haushalt erledigen und für die Kinder da sein." Auf den Spielplätzen hatte ich nicht mehr das Gefühl, so eine Exotin zu sein.

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Schlechte Jobangebote

Als mein Sohn drei Jahre alt war und in den Kindergarten kam, habe ich wieder angefangen, einen Job zu suchen. Ein Jahr lang habe ich gesucht. Dann fand ich einen Job in einer Apotheke, in der ich Medikamente für Krankenhäuser zusammenstellte. Das habe ich vormittags gemacht, sodass ich nachmittags wieder zu Hause war. Der Job war auch ganz sinnvoll, weil ich meine medizinischen Kenntnisse wieder ein bisschen nutzen konnte, auch wenn er nicht gut bezahlt wurde. Mit dem Chef habe ich mich nicht verstanden, sodass ich nach einem Jahr gekündigt habe. Dann habe ich wirklich lange, lange gesucht. Beim Arbeitsamt sagte man mir: "Sie müssen flexibel sein, Sie müssen den Arbeitgebern entgegenkommen." Das Arbeitsamt hat mich auch zu verschiedenen Veranstaltungen geschickt, bei denen es um die Rückkehr von Frauen in den Beruf ging. Ich kriegte vom Arbeitsamt auch durchaus Angebote. Aber die waren immer schwer zu realisieren. Ich bekam zum Beispiel das Angebot, eine Nachtwache in ihrer Pause zu vertreten, und zwar in der Zeit von 22 Uhr abends bis um vier Uhr morgens. Ich hätte nachts sechs Stunden gearbeitet, dafür wäre der nächste Tag, weil man ja müde ist, völlig durcheinandergeraten. Schlecht bezahlt war der Job auch noch. Ich hätte lieber ganze Nächte gearbeitet anstatt nur ein paar Stunden. Ich bekam auch Angebote von Zeitarbeitsfirmen. Allerdings hatten die nur Jobs in Kliniken, die weiter entfernt lagen. Wie soll ich mit zwei Kindern um sechs Uhr morgens in einer Stadt anfangen, die 20 Kilometer entfernt liegt? Die Wege sind zu weit, da komme ich nicht hin.

Ich habe mich ziemlich reingehängt, gesucht und geguckt, aber da war nichts Brauchbares. Zufällig bin ich dann an einer Wäscherei vorbeigegangen, die eine 450-Euro-Kraft suchte. Ein halbes Jahr habe ich dann tatsächlich als Büglerin in dem Geschäft gearbeitet. Doch dann sagten sie mir, dass ich zu langsam sei. Danach habe ich die Hauswirtschafterin in einem Hotel vertreten. Aber nach sechs Wochen bin ich auch da gekündigt worden. Über eine Nachbarin habe ich Kontakt zu einer Frau bekommen, die ihre Mutter besser versorgt wissen will, weil die zusehends dement wird. Außerdem putze ich Ferienhäuser. Der Job ist sehr flexibel, wenn ich Zeit habe, kann ich arbeiten. Meine beiden Jobs, die angemeldet sind, bringen mir zusammen so um die 300 Euro ein. Ich hätte viel lieber einen besser bezahlten Job mit festeren Arbeitszeiten.

"Frauen mit Kindern stelle ich nicht ein"

Als ich die Ausbildung zur Krankenschwester gemacht habe, war ich davon überzeugt, dass das ein guter Brotberuf ist, mit dem man immer sein Geld verdient. Das ist aber leider nicht so. Jedenfalls nicht, wenn man zwei kleine Kinder hat. Ich habe an unserem Wohnort alle Kliniken und ambulanten Pflegedienste abtelefoniert oder angeschrieben: "Ich habe Zeit von acht bis 13 Uhr. In dieser Zeit kann ich Sie im Frühdienst verstärken." Aber ich bekam nur Absagen. Es hieß: "Wir brauchen jemanden, der absolut flexibel ist." Ich habe auch gehört: "Wir haben schon genug Frauen mit Kindern im Dienstplan. Wir stellen nicht noch eine Mutter ein." Der Leiter eines Altenheims sagte mir am Telefon glatt: "Frauen mit Kindern stelle ich nicht ein." Auch die ambulanten Pflegedienste wollen Leute, die möglichst flexibel sind. Ich habe gefragt: "Können Sie für mich als Mutter nicht eine kürzere Tour stricken, so von acht bis 13 Uhr?" Ich bekam zur Antwort: "Nein, das geht nicht, das schafft zu viel Unmut in der Belegschaft, weil die anderen dann auch solche Touren wollen." Es kann doch nicht sein, dass man Kinder dem Arbeitsleben anpassen muss. Das Arbeitsleben muss sich den Bedürfnissen der Kinder anpassen. Hierzulande darf man sich in der Arbeitswelt nicht anmerken lassen, dass man Familie hat.

Nun lebe ich also vom Gehalt meines Mannes. Klar, das ist nach dem neuen Unterhaltsrecht riskant. Aber ich kann die Änderung des Unterhaltsrechts sogar nachvollziehen. Aus Sicht der Männer ist es schon gerecht, dass man der Frau in den Hintern tritt und sagt, du kannst dich nicht auf dem Lebensstandard ausruhen, den du hattest, als wir zusammenlebten, du musst arbeiten gehen. Aber aus Sicht der Mütter und Kinder ist es natürlich hart zu sagen: So, das Kind ist drei Jahre alt, nun musst du arbeiten gehen und das Kind muss funktionieren. Die Kinder können ja nicht mal richtig krank sein, weil die Mutter schon wieder in den Startlöchern steht und arbeiten muss.

Nein, ich habe keine Angst, von meinem Mann verlassen zu werden. Ich habe eher Angst davor, dass wir feststellen, wir passen nicht mehr zusammen und dass ich dann trotzdem aus finanziellen Gründen mit meinem Mann zusammenbleibe, weil ich mir den eigenen Ast nicht absägen kann. Ich habe auch keine Angst, im Alter arm zu sein, aber mir ist bewusst, dass mir das blühen kann. Nun ist es so, wie es ist. Ich finde es nur ungerecht, dass ich so viel Energie in meine Ausbildung und ins Studium gesteckt habe und nun mit jemandem gleichgestellt werde, der die Schule abgebrochen und nie was gelernt hat. Das fuchst mich schon. Dann denke ich: Eigentlich hätte ich was anderes verdient. Trotzdem finde ich nicht, dass man das Muttersein irgendwie belohnen muss, zum Beispiel mit einer Mütterrente. Wenn ich fürs Kinderkriegen einen finanziellen Ausgleich kriege, macht mich das nicht wirklich zufrieden. Deshalb finde ich die Mütterrente keine wirklich gute Idee. Mir würde viel mehr helfen, wenn es leichter wäre, wieder Fuß im Beruf zu fassen, sodass endlich mal was in Bewegung gerät. Aber ich habe das Gefühl, es bewegt sich nichts auf dem Arbeitsmarkt. Was nicht nur an mir liegen kann. Andere Frauen haben auch gute Ausbildungen und gehen putzen, weil sie nichts anderes finden. Eine meiner Freundinnen ist Speditionskauffrau. Ihr Sohn ist gerade in der ersten Klasse. Auch sie findet nichts, bekommt zu hören: "Wir können Sie nicht einstellen. Was machen Sie denn, wenn ihr Kind krank ist?" Sie findet nicht mal mehr einen Bürojob, obwohl sie nur ein paar Jahre raus ist. Das kann doch nicht wahr sein. Sie hat doch nichts verlernt. Da ist doch im System was falsch, wenn gut ausgebildete Frauen mit Kindern keine qualifizierte Arbeit mehr finden, weil sie eine Weile ausgestiegen sind. Ich kann auch nicht glauben, dass es einen Fachkräftemangel gibt, auch nicht in der Pflege, wenn ich das in der Tagesschau höre, staune ich. Wenn es so wäre, hätte ich längst einen Job.

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Der Text ist ein Auszug aus dem Buch: "Vögeln fürs Vaterland? Nein, danke! Bekenntnisse einer Kinderlosen" von Kerstin Herrnkind. Anstoß für den Westend-Verlag, das Buch herauszubringen, waren zwei Texte auf stern.de.