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C. Tauzher: Die Pubertäterin Mutter heult, Tochter gähnt: Mit der Teenagerin zum ersten Mal "Pretty Woman" gucken

Richard Gere und Julia Roberts in "Pretty Woman"
Hach! Sie waren soooo schön damals! Und soooo jung!
© United Archives / kpa Publicity / Picture Alliance
Für Christiane Tauzher war "Pretty Woman" der Film ihrer Jugend. Grund genug, ihn endlich einmal mit der pubertierenden Tochter gemeinsam zu gucken. Der Abend läuft nicht ganz so wie erhofft.

Wie wir da so Schulter an Schulter saßen, zwischen uns die knisternde Chipstüte, fiel mir auf, dass ich alt war. Die Schulter neben mir gehörte meiner bald 16-jährigen Tochter, der Film, der von einer DVD ablief, war beinahe doppelt so alt wie sie. "Pretty Woman" war meine Idee gewesen. Nicht ahnend, dass mich DER Kultfilm meiner Jugend, den ich zwischen 14 und 25 mindestens dreißig Mal gesehen hatte, so sehr mitnehmen würde. 

Als Vivian (Julia Roberts) in den berühmten Lack-Overknees das erste Mal durchs Bild stöckelte – atemberaubend schön, wild und so JUUUUUUUUNG, seufzte ich voller Inbrunst und vergaß, dass ich den Mund voller Chips hatte. Ein Chips-Bröckchen verfing sich im Seufzer der Erkenntnis, und ich hustete mir die Seele aus dem Leib. Die Teenagerin stoppte den Film an der Stelle, als Vivian zu Edward (Richard Gere) ins Auto stieg. "Geht's wieder?", fragte sie und klopfte mir den Rücken. Ich nickte.

Oh, Gott. Er sah wahnsinnig gut aus. So cool, lässig, charismatisch und irgendwie auch verletzlich. Diese Augen, dieser Gang, diese Ausstrahlung, diese breiten Schulter. Hach ...

"Was hat der für eine behämmerte Frisur?" Zwischenruf Wombi.

Was soll an seinen Haaren nicht perfekt sein?

Ich sah mir Richards Haare an und konnte nicht erkennen, was daran nicht perfekt sein sollte. "Damals trug man solche Frisuren", sagte ich ausweichend. "Total lächerlich", kommentierte die Wombi. In diesem Moment hätte ich sie gern von der Couch gekippt. Die Jungs ihrer Generation trugen die Haare wie Yorkshire Terrier.

Vivian wartete nach ihrer Verwandlung zur Lady im schwarzen Cocktail-Kleid an der Bar auf Edward. "Fallen", der Song von Lauren Wood setzte ein, und bei mir liefen die Tränen. Es war so schön, so romantisch. Man konnte das Knistern zwischen Vivian und Edward auch nach 30 Jahre spüren.

"Sehr realistisch ist das aber nicht", motzte die Wombi. Ich hielt ihr die Chipstüte unter die Nase. Zum Glück langte sie kräftig zu und ihr Mund kaute anstatt zu kommentieren.

Vivian sprang gerade die Schnecke, beim Versuch sie auszuhöhlen, vom Teller. Ich wusste, was jetzt kam und grinste, so wie schon dreißig Mal zuvor an dieser Stelle. "Schlüpfrige kleine Scheißerchen", entfuhr es ihr. Ich sah die Wombi von der Seite an. Sie gähnte.

"Glaubst du echt, dass ein Multimillionär wie dieser Edward eine Prostituierte ohne Tischmanieren zu einem wichtigen Geschäftsessen mitnehmen würde?" Die Wombi hatte den Mund wieder frei. "Es ist ein Film, ein modernes Märchen", verteidigte ich Vivian und Edward. "Modern?", fragte die Wombi und lachte spöttisch. Leider waren die Chips alle.

Am Ende des Films, als Vivian Edwards Angebot ausschlug, sein Langzeit-Betthase zu werden, und er sich spontan dazu entschied mit ihr eine Liebesbeziehung und kein Geschäft einzugehen, verschwamm der Abspann vor meinen überfließenden Augen. Ich saß wie in Trance vor dem Fernsehapparat und wäre ich alleine gewesen, hätte ich den Film noch einmal angeschaut. Aber mit der Wombi war das nicht möglich.

Und ...?

"Und wie hat es dir gefallen?", fragte ich mit dünner Stimme, bemüht darum, meine Aus-der-Fassung-Verfassung nicht zu sehr vor ihr zur Schau zu tragen. Mich hatte der Film in meine Vergangenheit versetzt. Gefühle, Wünsche, Träume, alles, was mich mit 14 Jahren ausmachte, kam mit Vivian und Edward wieder hoch. Die Wombi fand den Film "ganz okay" und "herzig."

Nachts als alle schon schliefen googelte ich Bilder von Julia Roberts und Richard Gere. Sie war wunderschön gealtert, er war schlohweiß, über 70 und hatte eine halb so alte Frau plus Baby. 

Noch Tage später, hielt mich der Film in seinem Bann. Ich lud mir den Song "Fallen" aufs Handy und hörte ihn in Dauerschleife. Diese weißen Ohrhörer ohne Kabel, die ich bei der Wombi hasse, wurden meine neuen Freunde. Vivian und Edward waren überall dabei. Bei der Gartenarbeit, bei der Kaffeepause, in der Badewanne, im Auto, vor dem Computer.

"Kannst Du mal diese Dinger aus den Ohren nehmen?", fragte mich die Wombi und tippte mir auf die Schulter, als ich summend auf die Kaffeemaschine zutanzte. Sie zog mir eines aus dem Ohr. Auf ihrem Gesicht breitete sich Staunen aus: "Du hörst noch immer dieses Pretty-Woman-Lied? Das kann nicht gesund sein. Bitte, wie oft noch?"

Noch tausende Male. Bis es wieder eine Zeit lang genug ist.

Wombis Erinnerungen, in denen sie in dreißig Jahren schwelgen wird, finden genau jetzt statt. Sie weiß es nur noch nicht. Ich hoffe, ein Edward und eine Vivian sind auch darunter.


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