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C. Tauzher: Die Pubertäterin Was ist das Schlimmste, das beim Ferienjob passieren kann? Die Eltern kommen vorbei!

Kellnerin mit zwei Salattellern
Wenn die Eltern ins Bistro kommen: "Schön das ihr da seid. Könnt ihr bitte wieder gehen."
© Wavebreakmedia / Getty Images
Die Teenagerin hat ihren ersten Ferienjob angetreten, sie arbeitet in der Gastronomie. Christiane Tauzher und der Rest der Familie kündigen sich zum Mittagessen an. Das geht natürlich gar nicht!

Corona ist Schuld, dass das Pflichtpraktikum der Teenagerin abgeblasen wurde. Der Besitzer des Restaurants, in dem sie Teller jonglieren hätte sollen,  sandte der Wombi einen freundlichen Brief, in dem er bedauerte, ihren Praktikumsplatz coronabedingt streichen zu müssen.

Die Wombi sah nun betrübt drei untätigen Sommermonaten entgegen. „Ich kann ja nichts dafür“, erzählte sie Verwandten und Freunden am Telefon, „ja, ich habe mich schon sehr gefreut im Sommer zu arbeiten. Jetzt noch einen anderen Job zu finden, ist so gut wie unmöglich.“ Sie schickte ein paar tiefe Seufzer hinterher – geradezu herzzerreißend, wie sehr sie sich grämte.

 Ach, wie gut war es da, dass dem Olaf ein alter Schulfreund einfiel, der ein schickes französisches Bistro in der Wiener Innenstadt betreibt und der sich bereit erklärte, die Wombi für sechs Wochen als Kellnerin aufzunehmen. Wir ließen die Katze nach dem Abendessen aus dem Sack. „Ist das nicht toll?“, fragte ich erwartungsvoll. „Ja. Toll“, bestätigte die Wombi und war anscheinend sprachlos vor lauter Freude.

Eine Woche später machte sie sich in einer von mir frisch gebügelten Servierbluse auf zum allerersten Arbeitstag ihres jungen Lebens. „Was, wenn ich etwas falsch mache?“, fragte sie. „Dann entschuldigst du dich und versuchst es das nächste Mal besser zu machen. Du bist dort, um zu lernen. Niemand geht davon aus, dass du perfekt bist“, beruhigte ich sie. „Doch, du willst immer, dass ich perfekt bin“, erwiderte sie. „Ich bin aber zum Glück nicht dort“, sagte ich augenrollend, „also kannst du dich entspannen.“

Eine Woche später ...

Eine Woche ist seither vergangen, und die Wombi klagt über schmerzende Füße. Ihr Körper ist die aufrechte Position über Stunden nicht gewöhnt.

„Wir kommen dich am Freitag besuchen“, kündigte ich an, „bitte reservier uns einen Tisch.“

Wombi: „Kannst du nicht selber anrufen? Es ist peinlich für mich, einen Tisch für meine Mutter und meinen Bruder zu reservieren.“

Ich fand nicht heraus, worin die Peinlichkeit genau bestehen würde, machte aber klar, dass ich nicht selber anrufen würde. 

Freitag, 12.30 Uhr betraten wir das „Le Bol“ am Neuen Markt, und ich war überrascht und erfreut, dass uns die Wombi zum besten Tisch des Lokals geleitete und die Peinlichkeit der Family-Reservierung auf sich genommen hatte.

„Bitte verhaltet euch unauffällig“, raunte sie mir durch die Maske zu. Wir bemühten uns. Als sich am Nebentisch eine Frau darüber mokierte, warum die Wombi nur den leeren Teller ihres Freundes abservierte und ihren weitere fünf Minuten am Tisch stehen ließ, klärte der kleine Bruder die Frau darüber auf, dass die Kellnerin seine große Schwester sei. Die Wombi war zu diesem Zeitpunkt gerade in der Küche, sie hätte uns, wäre sie Zeugin dieser Peinlichkeit gewesen, garantiert hinausgeschmissen.

Und jetzt schnell weg mit euch!

Nachdem sie unsere Teller gleichzeitig abserviert hatte, sagte sie zu uns, dass wir jetzt am besten ein Eis essen gehen sollten. Kurzum: Sie wollte uns schnellstmöglich weghaben.

Wombis kleiner Bruder hätte noch so gern die Küche des Lokals gesehen. Ein Wunsch, der ihm nicht erfüllt wurde. „Bitte geht jetzt“, sagte die Wombi flehend. Niemand, der nicht hier arbeitet, darf in die Küche. Das sei wie im Flugzeug. Der Pilot könne es auch nicht leiden, wenn die Stewardess ständig Passagiere ins Cockpit schauen lasse. „Das lenkt von der Arbeit ab“, sagte die Wombi.

Der kleine Bruder war traurig darüber, doch die Aussicht auf ein großes Eis, stimmte ihn wieder fröhlich.

Als wir uns verabschiedeten, winkte uns die Wombi verhalten und kein Lächeln kam ihr über die Maske.

Abends erzählte sie dem Olaf, dass es nicht angenehm sei, bei der Arbeit besucht zu werden. Natürlich hatte der Olaf Verständnis dafür und versprach dem Lokal fernzubleiben.

Als ich etwas später die Schmutzwäsche aus Wombis Zimmer holte, hörte ich wie sie mit einer Freundin telefonierte: „Ich würde mich echt total freuen, wenn du vorbeischaust. Klar reserviere ich dir einen Tisch. Voll nett, dass du dich extra für mich so lang ins Auto setzt. Hab dich auch lieb. Bis dann.“

Dass ich mit Wombis kleinem Bruder den weiten Weg aus der Peripherie in die Stadt sogar mit Straßenbahn und U-Bahn auf mich genommen hatte, zählte nicht. Wir hätten die 22 Kilometer auch zu Fuß kommen können und es wäre trotzdem keine Erwähnung wert gewesen. Jetzt war ich diejenige, die seufzte.

Es ist eben ein Unterschied ob Passagiere der Economy oder Passagiere der First Class ins Cockpit schauen wollen.


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