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C. Tauzher: Mutter in Rage und ihre Kinder: Was tut das Kind nicht alles für einen Hamster

Christiane Tauzher ist unsere neue stern-Stimme. Sie erzählt Geschichten aus dem fast perfekten Alltag einer Mutter von zwei Kindern. Zum Start der Kolumne schildert sie, was ihre Tochter alles auf sich nimmt, um endlich einen Hamster zu bekommen. 

Ein dsungarischer Zwerghamster

Ein dsungarischer Zwerghamster hatte es der Mücke angetan (Symbolbild)

Picture Alliance

Die Mücke kam eines Tages von der Schule und wünschte sich einen Hamster. Schuld daran war ihre Freundin, die ein Referat vor der Klasse gehalten hatte, bei dem herauskam, dass ein Leben ohne Hamster zwar möglich, aber sinnlos sei. Über den Hamster, den die Freundin der Mücke zu Anschauungszwecken in einer kleinen rosa Transportbox in die Schule mitgebracht hatte, fielen Dutzende kleine Hände her. Am Ende des Tages war sein Fellchen ganz dünn vom vielen Gestreicheltwordensein.

"Bitte, lieber Gott", flehte die Mücke nun an jedem Abend vor dem Schlafengehen, "mach, dass ich einen Hamster bekomme."

Es kam Ostern, und es kam der Geburtstag der Mücke. "Ich wünsche mir nichts, außer den Hamster", sagte sie.

Um keine falsche Hoffnung bei ihr zu wecken, gab ich ihr den Rat, noch einen anderen Wunsch zu äußern, da sie sonst das "Nichts" bekommen würde. Es war erst ein paar Tage her, dass wir unsere Kamikaze-Hasen, die der Mücke fast ein Auge ausgekratzt hatten, losgeworden waren. Der erste Bauer nach der Stadtgrenze hatte sich ihrer erbarmt. Insgeheim wünschte ich den Hasen, dass sie bald der Fuchs holen würde.

"Ich will nicht schon wieder ein neues Tier im Haus", erklärte ich der Mücke.

"Aber der Hamster ist so klein", sagte sie und zeigte mit Daumen und Zeigefinger, wie klein er war, "der macht keine Arbeit und kann mir auch nicht wehtun."

Meine Antwort war "Nein". Zwei Hunde und ein Baby reichten mir für den Moment.

"Ich verzichte auch auf alle Schokohasen zu Ostern und auf alle Schokoschirmchen zu Weihnachten", sagte die Mücke.

Ich musste mich verhört haben. "Bist du dir sicher?", fragte ich nach, "das würdest du für den Hamster tun?"

"Alles würde ich tun, wirklich alles", versprach die Mücke und legte sich theatralisch eine Hand aufs Herz.

Hundert Punkte bis zum Hamster

"Gut", dachte ich und arbeitete einen Hundert-Punkte-Stufenplan aus, anhand dessen mir die Mücke beweisen konnte, wie sehr sie den Hamster wirklich wollte. Die Punktevergabe war nach Schwierigkeitsgrad der Aufgaben gestaffelt. Drei Punkte brachten Geschirrspüler ausräumen, Wäsche aufhängen und staubsaugen. Fünf Punkte gab es für eine Stunde Radfahren, zwei Bonuspunkte obendrauf für zehn Liegestütz. Ein gelesenes Buch (Minimum zweihundert Seiten – "Gregs Tagebücher" galten nicht – zu viele Zeichnungen) war acht Punkte wert. Da ich nach den Hasen überhaupt keine Lust hatte, mich mit den Bedürfnissen eines Hamsters zu befassen, setzte ich das Studium eines Fachbuches über Nager auch auf die Liste der Bedingungen.

Die Mücke umarmte mich stürmisch, als ich ihr den Arbeitsplan überreichte. Noch am selben Tag vertiefte sie sich in das dickste Buch, das sie fand. Vierhundertvierundvierzig Seiten "Unendliche Geschichte" würden sie dem Hamster um sechzehn Punkte näherbringen. Bevor sie zu lesen begann, hatte sie sich natürlich bei mir erkundigt, ob sich die Punkteanzahl für ein sehr dickes Buch verdoppeln würde. In vier Tagen war es geschafft, und die Mücke konnte alle meine Fragen zum Inhalt beantworten. Erst nachdem ich sicher war, dass sie jedes Kapitel gelesen hatte, trug ich die sechzehn Punkte in die Liste ein.

Als Nächstes war die Mücke besessen davon, jeden Tag mehrmals auf den Berg zu radeln. Sie legte einen sportlichen Eifer an den Tag, der bemerkenswert war. Die Arbeiten, die nur drei Punkte brachten, begann sie erst gar nicht.

So kam es, dass sie nur knapp vierzehn Tage für die hundert Hamster-Punkte brauchte.

Der Hamster rückt immer näher ...

Die Anschaffung des Hamsterbuches fraß sieben Wochen Taschengeld auf, aber die Mücke beklagte sich nicht und lernte emsig alles, was es über den dsungarischen Zwerghamster zu wissen gab. Spätestens als sie mich aufforderte, sie abzuprüfen, schwante mir Böses. Der Hamster war in greifbare Nähe gerückt, obwohl er das Gegenteil hätte tun sollen.

"Wo wohnt denn so ein Hamster", fragte ich sie beiläufig.

Die Mücke konnte genaue Angaben über Beschaffenheit, Größe, Höhe, Einrichtung und Abstand der Gitterstäbe eines Hamsterkäfigs machen.

"Aha", sagte ich, "keine Ahnung, wo man so etwas günstig herbekommt."

Sofort erkundigte sich die Mücke und brachte einen Flohmarkt für Tierzubehör in Erfahrung. Hinter meinem Rücken wickelte der Olaf den Kauf eines gebrauchten, günstigen Käfigs ab. Selig saß die Mücke vor dem leeren Hamsterkäfig, den der Olaf vom anderen Ende der Stadt geholt hatte, und schob das putzige Rindenhäuschen von links nach rechts.

"Jetzt können wir den Hamster kaufen gehen", sagte sie fröhlich.

"Wir?", fragte ich, "ich will überhaupt keinen Hamster. Du willst den Hamster."

Die letzte Hürde war die Schwierigste. Im Zoogeschäft anzurufen, um zu fragen, ob es Hamsterbabys vorrätig gebe, überforderte die Mücke: "Ich kann das nicht!" "Ich trau mich nicht!" "Ich hab' Angst anzurufen!"

Als ich wissen wollte, wovor sie sich genau fürchten würde, fand sie keine Erklärung. "Was kann im schlimmsten Fall passieren, wenn du anrufst?", fragte ich.

Sie zuckte mit den Schultern.

"Schade", sagte ich, "jetzt hast du es so weit geschafft und jetzt gibst du auf."

Der Olaf erklärte sich natürlich sofort bereit, im Zoogeschäft anzurufen, und die Mücke schöpfte Hoffnung.

"Nein", sagte ich, "entweder du erledigst das selbst, oder es gibt eben keinen Hamster."

Mit hängenden Schultern kroch sie an diesem Abend in ihr Bett und vergaß sogar auf das Hamstergebet. Der Olaf fand, dass ich es übertreibe.

Während die Mücke schlief, legte ich ihr einen Zettel mit der Telefonnummer der Tierhandlung auf den Schreibtisch. Daneben malte ich ein Herz, und hinein schrieb ich "Du schaffst das!"

Drei Tage Kampf mit sich selbst

Es vergingen drei Tage, in denen die Mücke mit sich rang. Der Zettel war schon völlig verknittert, so oft hatte sie ihn in der Hand gehalten und überlegt, ob sie sich trauen sollte. Dann, am vierten Tag, rief sie an und fragte mit piepsiger Stimme nach den Hamstern. Sie stellte fest, dass es gar nicht so schwer war und dass ihr die Verkäuferin, die in der Tierhandlung das Telefon abhob, nicht den Kopf abriss. Wir machten uns also auf, den Hamster zu holen.

"Stimmt's – du bist das Mädchen, das mit mir telefoniert hat", begrüßte die Tierhändlerin die Mücke, "dich habe ich mir gemerkt – so oft kommt das nicht vor, dass ein Kind anruft. Ich habe dir den schönsten Hamster reserviert."

Vor Stolz und Freude wuchs die Mücke um mindestens zehn Zentimeter. Die fünfzehn Euro, die das Hamsterlein kostete, steuerte ich bei.

Das Zwerghamstermädchen, das den Namen Conchita bekam, wurde bei uns zweieinhalb Jahre alt. Von mir ließ sie sich nicht einmal angreifen, was mir sehr recht war. Die Mücke nahm ihre Aufgabe als Hamstermutter mehr als ernst. Kein einziges Mal musste ich sie daran erinnern, den Käfig zu säubern oder das Trinkwasser zu wechseln.

Was kommt nach dem Hamster?

Als Conchita in einem für Zwerghamster schon betagten Alter in den Kleintierhimmel auffuhr, weinte die Mücke sehr. Nach einer angemessenen Trauerzeit fragte sie mich, ob sie sich auch ein eigenes Pferd verdienen könne.

Mit dem Hintergedanken, dass die Liste diesmal so lang sein würde, dass die Mücke frühestes mit fünfundzwanzig alle Punkte abgearbeitet haben konnte, nickte ich vielversprechend.

"Gar keine schlechte Idee", sagte ich, "ich denke darüber nach."

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