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Krieg im eigenen Land: Plötzlich müssen die Deutschen fliehen

Dieses Jahr kamen Millionen Flüchtlinge nach Europa, weil das Leben in ihrem Heimatland unmöglich ist. 2001 hat Janne Teller in "Krieg" die Geschichte umgedreht, Deutsche müssen fliehen. Sichern Sie sich das beeindruckende Buch gratis als E-Book.

Von Jana Felgenhauer

Janne Teller hat 2001 mit "Krieg – stell dir vor, er wäre hier" ein Buch geschrieben, das heute aktueller denn je ist. stern-Leser können das E-Book gratis herunterladen.

Janne Teller hat 2001 mit "Krieg – stell dir vor, er wäre hier" ein Buch geschrieben, das heute aktueller denn je ist. stern-Leser können das E-Book gratis herunterladen.

"Dein großer Bruder hat schon früh bei einem Vorfall mit einer Mine drei Finger der linken Hand verloren und unterstützt gegen den Willen deiner Eltern die Milizia. Deine Schwester wurde von Granatsplittern am Kopf verletzt. Deine Großeltern starben, als eine Bombe ihr Pflegeheim traf." Mit diesen drastischen Schilderungen konfrontiert Janne Teller ihre Leser in "Krieg – stell dir vor, er wäre hier". Das Buch der dänischen Schriftstellerin, das jetzt als E-Book erscheint, kam 2001 heraus, inzwischen hat sie es bereits für zehn verschiedene Länder übertragen: Jeder Leser soll sich mit den fliehenden Protagonisten identifizieren können – und das funktioniert erschreckend gut.

Bevor Janne Teller Schriftstellerin wurde, hat sie für die Europäische Union und die Vereinten Nationen in Krisengebieten auf der ganzen Welt gearbeitet. Seither schrieb sie gesellschaftskritische Essays, Kurzgeschichten und Romane wie "Odins Insel" und " , alles was dir fehlt". Der Roman "Nichts – was im Leben wichtig ist" war in Dänemarks Schulen zunächst verboten, weil Lehrer protestierten, er mute den Schülern zu viel zu. Später erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Derzeit lebt Janne Teller in Berlin und arbeitet an einem neuen Buch. Der stern hat mit ihr gesprochen.

Vor 15 Jahren schrieben Sie Ihren Text "Krieg – stell dir vor, er wäre hier", in dem europäische Kinder zu Flüchtlingen werden. Der Text ist so aktuell wie nie, warum haben Sie ihn damals geschrieben?

Ich war 2001 sehr wütend darüber, wie Flüchtlinge in Dänemark behandelt wurden, die Stimmung war hasserfüllt. Flüchtlingsfamilien, zusammengepfercht auf elf Quadratmeter, Kinder, die nicht in die Schule gehen dürfen. Ich wollte, dass die Leser sich – buchstäblich – in das Schicksal der Flüchtlinge hineinversetzen.

In unseren Schulen treffen die Kinder jetzt auf viele aus fremden Kulturen. Wie werden sie miteinander klarkommen?
Ich denke, dass Kinder und Jugendliche sehr tolerant sind, weil sie von klein auf mit unterschiedlichen Kulturen aufwachsen. Wichtig ist, dass alle dieselben Bildungschancen haben. Es muss gemischte Klassen geben, damit die Flüchtlinge von den Muttersprachlern lernen. Aber die Menschen, die zu uns kommen, müssen auch unsere Werte schätzen, zum Beispiel Frauen zu respektieren. Wir sollten uns fragen: Wollen wir in Europa nach den guten alten ethischen Prinzipien weiterleben – oder aufgeben?

Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit, an diese Grundsätze erinnern Sie im Nachwort zu "Krieg". Warum fällt es vielen Menschen schwer, Empathie für Flüchtlinge aufzubringen?
Teilweise sind die modernen Medien schuld daran. Empathie hängt mit Vorstellungskraft zusammen, und da wir durch Facebook und Co. ständig mit Informationen überflutet werden, müssen wir in unserem Inneren keine eigenen Bilder mehr entwickeln. Das schafft Distanz. Nur ein gutes Buch kann es schaffen, dass man sich in eine andere Welt hineindenkt. Es könnte auch uns passieren, dass wir fliehen müssen. Vielleicht nicht einmal wegen eines , sondern wegen des Klimawandels oder einer Naturkatastrophe.

Sollten wir Kinder mit brutalen Bildern, zum Beispiel aus Syrien, konfrontieren?
Natürlich kommt es darauf an, wie sensibel das Kind ist. Ich finde aber schon, dass sie immer die Wahrheit erfahren sollten. Schon allein damit sie verstehen, was die Kinder mitgemacht haben, die jetzt in ihren Klassen sitzen.

Anstatt in die Schule zu gehen, verkauft Ihr Protagonist auf dem Markt Kuchen. In seiner Heimat wäre er auf ein Gymnasium gegangen, hätte vielleicht studiert. Was sollen unsere Politiker jetzt tun, um die Situation für junge Flüchtlinge besser zu machen?
Zunächst betonen, dass wir alle gleich sind. Und dann vor allem die Energie der jungen Männer in etwas Konstruktives bündeln. Man sollte ihnen Arbeit in sozialen Projekten verschaffen, dann hätten sie etwas, worauf sie stolz sein können.

"Wenn bei uns Krieg wäre, wohin würdest du gehen?" lautet der erste Satz. Wie reagieren junge Leser auf Ihren Text?
Das Buch ist für alle, kann aber schon von Zwölfjährigen gelesen werden. Die Geschichte hat eine gewisse Schockwirkung – für Europäer! Flüchtlinge, jung und alt, schrieben mir aber, dass der Text genau die Situationen aufgreift, die sie durchgemacht haben.

Was für Reaktionen kamen von Erwachsenen?
Vor zwei Jahren gab es in einem schicken Berliner Viertel einen Aufstand, weil ein Asylbewerber-Wohnheim gebaut werden sollte. Da haben die Angestellten des jüdischen Museums 100 Exemplare von "Krieg" gekauft und sie in die Briefkästen der Anwohner geschmissen. Es wurde auch schon als Theaterstück aufgeführt und bei Eröffnungen von Flüchtlingswohnheimen vorgetragen.

Wovor genau haben die Menschen Angst?
Es gibt viele rechtspopulistische Parteien, die die Bevölkerung davor warnen, dass jetzt ganz viele Terroristen zu uns kommen. Das hat natürlich Einfluss darauf, wie Flüchtlinge bei uns behandelt werden. Doch niemand wird als Terrorist geboren. Viele dieser jungen Menschen sind in Europa geboren worden und schließen sich dann erst der IS-Ideologie an. Wir müssen uns die Frage stellen, wie Menschen zu Terroristen werden und wie wir das verhindern können. Viele von ihnen fühlen sich gedemütigt, nicht ernst genommen und suchen im Extremismus ihr Ventil. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Menschen keine verlorenen Seelen in der Gesellschaft sind.

Betrachten Sie den Zulauf der rechten Parteien in Europa mit Sorge?
Die rechten Parteien sind in vielen Ländern keine Außenseiter mehr, sondern stehen in der Mitte und lenken von dort die Debatten. Das macht mir Angst. Man sollte sich nicht mehr so stark mit seiner Nation identifizieren, weil man glaubt, sie sei besser als andere. Der Charakter eines Menschen zeigt sich doch erst durch seine Handlungen und die Verantwortung, die er übernimmt. Wir sind nur zufällig hier geboren und aufgewachsen – es hätte auch anders sein können.

2011 hat Janne Teller das Anliegen, das sie mit ihrem Buch verfolgt, in einem Video für den Hanser Verlag geschildert. 

Für stern-App-User: stern-Leser können das E-Book vom 26.11. bis 3.12.2015 gratis herunterladen, verwenden Sie dazu den Download-Code 2611Teller und klicken Sie auf diesen Link

"Krieg – stell dir vor, er wäre hier" ist auch im Buchhandel erhältlich, übersetzt von Sigrid Engeler und in der gedruckten Version wunderschön illustriert von Helle Vibeke Jensen. Sie können es für 6,90 Euro beim Hanser Verlag bestellen.

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