VG-Wort Pixel

Kinderschutzbund warnt Die Gefahren der Kinder auf der Flucht vor dem Krieg

Ein Mädchen im lila Kleid steht im Vordergrund abseits von einer größeren Gruppe Flüchtlinge vor einem Bahn-Waggon.
Für unbegleitete Kinder ist die Flucht vor dem Krieg besonders gefährlich
© Robert Atanasovski/AFP
Die Kinder, die sich ohne Begleitung auf den Weg nach Europa machen, werden immer jünger. Im Gespräch mit dem stern weist der Verbandspräsident des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, auf deren Gefahren hin.
Von Jenny Kallenbrunnen

Der Deutsche Kinderschutzbund ist besorgt über die Situation der Flüchtlingskinder in Deutschland und Europa. Verbandspräsident Heinz Hilgers spricht von einer "humanitären Katastrophe". Es sei "unvorstellbar", was immer mehr Kinder an den Landesgrenzen erleiden müssen.

"Inzwischen kommen schon Zehnjährige ohne Eltern"

"Die Kinder kommen an der europäischen Grenze teilweise durchnässt an und müssen dort dann zum Teil auf gefrorenem Boden liegen", sagt Hilgers dem stern. Das ergehe Kindern und auch bereits Säuglingen so, die zusammen mit Erziehungsberechtigten auf der Flucht sind.

Doch auch die Kinder, die sich ganz alleine auf den Weg nach Europa machen, werden laut Hilgers im Schnitt immer jünger. Noch vor einigen Monaten waren die unbegleiteten Minderjährigen Flüchtlinge durchschnittlich 16 Jahre alt; "inzwischen kommen auch schon Zehnjährige ohne Eltern", sagt Hilgers und berichtet von einem Fall, bei dem ein zwölfjähriges Mädchen allein mit einem vierjährigen Geschwisterkind nach Deutschland kam. Die beiden seien in Kroatien heimlich in einen Lkw geklettert, der nach Deutschland fuhr. "Sie kamen total ausgehungert und dehydriert hier an", sagt Hilgers.

Überall lauern Gefahren für Kinder

Die winterlichen Temperaturen, Hunger und Durst sind dabei nur einige der Risiken, denen die Kinder ausgesetzt sind. Dazu kommt die Gefahr des Menschenhandels mit eventuell verheerenden Folgen. "So einem Kind, das allein unterwegs ist, muss während der Flucht auch der ein oder andere Erwachsene geholfen haben, sonst geht es nicht", sagt Hilgers. "Dabei besteht natürlich immer die Gefahr, dass jemand das nicht ganz uneigennützig tut." Missbrauch oder andere Formen der Gewalt sind hier große Risiken, denen Kindern auf ihrem Weg auch durch den Menschenhandel durch Schlepper ausgesetzt sind. Obgleich dem Kinderschutzbund hierfür innerhalb von Europas keine konkreten Fälle bekannt sind, gilt diese Gefahr als allgegenwärtig während der Flucht. 

Nicht zu unterschätzen ist auch die Gefahr in Deutschland selbst, wie etwa der Fall des missbrauchten und ermordeten Flüchtlingsjungen Mohamed zeigt. Auch von den ehrenamtlichen Helfern kann eine Gefahr ausgehen. Hier kann und soll freilich niemand unter Generalverdacht gestellt werden. Doch unter Tausenden Freiwilligen kann sicherlich auch mal ein schwarzes Schaf sein. Zwar benötigen Ehrenamtliche, die in Flüchtlingsunterkünften arbeiten wollen, grundsätzlich ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis, ehe sie beginnen dürfen. Doch damit nehmen es manche Einrichtungen gerade am Anfang nicht so genau, um niemanden abzuschrecken, der sich in seiner Freizeit unentgeltlich engagieren will. 

"Die Schikanen der Regierung rufen Kriminalität hervor"

Hilgers fordert: "Die Regierungen müssten diese ganzen Schikanen sein lassen, denn all diese Regelungen rufen immer wieder neue Kriminalität hervor."  So kritisiert Hilgers scharf, dass Flüchtlinge immer wieder tagelang an den einzelnen Landesgrenzen warten müssen. "Das sind jedes Mal vier bis fünf Tage - an der bulgarischen Grenze, an der von Mazedonien, an der serbischen Grenze, dann in Kroatien, Slowenien, Österreich und wieder an der deutschen Grenze. Damit ist niemandem geholfen", sagt Hilgers, "im Gegenteil: Die Menschen kommen dann eben später hier an, sind geschwächt und krank und müssen von uns erst einmal medizinisch versorgt werden." 

Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbunds, spricht in grauem Anzug und weißem Hemd am Mikrofon.
Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbunds
© Markus Scholz/DPA

Wie geht es für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutschland weiter?

Oft würden die Kinder zunächst in Heimen untergebracht: "Das ist nicht gerade förderlich." Schließlich sind Kinder, die in Deutschland aufwachsen, aus ganz anderen Gründen im Heim. "So ein Kind, das allein eine Flucht aus dem eigenen Land antritt, muss ja auch ungeheure Talente haben", sagt Hilgers. "So ein motiviertes, engagiertes Kind und die sehr verhaltensoriginellen Kinder, die in Deutschland aufgewachsen sind - das passt nicht zusammen."

Zudem seien die Kosten in Heimen mit rund 270 Euro pro Tag sehr hoch. "Wir setzen uns für Kompetenzzentren ein, in denen man den speziellen Bedürfnissen von unbegleiteten Flüchtlingskindern gerecht werden kann", sagt Hilgers. "In der jetzigen Notsituation empfehle ich Wohngruppen für die älteren sowie gut ausgebildete und vorbereitete Pflegefamilien für die jüngeren Flüchtlingskinder." Darüber hinaus bräuchten die Kinder in Deutschland einen Vormund. Der Kinderschutzbund bildet geeignete Ehrenamtliche als Paten und Vormunde aus.

Auf rund 500.000 schätzt Hilgers die Zahl der Kinder und Jugendliche unter den Kriegsflüchtlingen in Deutschland am Ende des Jahres. Davon sei etwa ein Fünftel nach Traumatisierungen therapiebedürftig. "Doch wie wollen Sie 100.000 Kinder therapieren lassen? So viele Kinder- und Jugendtherapeuten gibt es gar nicht." Daher sollen laut Hilgers auch entsprechende Schulungen für die pädagogischen Fachkräfte in Schulen und Kindertageseinrichtungen stattfinden, die einen sensiblen Umgang mit traumatisierten Kindern ermöglichen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker