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Diskussion über Schulbildung: Lernen - aber richtig!

Im Streit um Nainas Tweet wurde oft gefordert, dass Schule Kinder alltagsfit machen soll. Dabei gibt es so viel Wichtigeres, das sich zu lernen lohnt, als den Umgang mit Steuern und Versicherungen.

Von Ulrike Posche

Es gibt in meiner Familie einen 16-Jährigen, der sich für Kunst interessiert. Für die Moderne wie für die niederländische Malerei des Goldenen Zeitalters. Vermeer, Ruisdael und so. Er erkennt auf Bildern, wo der Künstler mit Menschenhaar gestrichelt hat. Das ist beeindruckend!

Und auf der anderen Seite: Warum ausgerechnet Kunst-Leistungskurs? Warum kein MINT-Fach? Mathe, Technik, Internet? Warum nicht "Economics" - wenigstens im Nebenfach? Was soll aus einem werden, der sich fürs Brotlose begeistert? Man sorgt sich. Denn der Gedanke, dass auch Kunst und Dichtung, Literatur und selbst das Schreiben von Gedichten Arbeit und Aufgabe sein kann, ist uns effizient Optimierten ja leider abhanden gekommen.

Ist MINT das einzig Wahre?

Helmut Schmidt sagt zum Umgang mit der Kunst: "Nur wer richtig sehen lernt, der wird möglicherweise über unsere Zeit, über unsere Welt mehr erfahren als aus hundert Fernsehsendungen, die uns keine Muße lassen zu Kontemplation und zum Nachdenken". Schmidt hat früher selbst gemalt. Aber sind Muße und Kontemplation wichtig für eine Gesellschaft? Wichtig wie MINT?

Im vergangenen Juni führte die Performance-Künstlerin Marina Abramovic Besucher durch die nackten Räume der Londoner Serpentine Gallery. Manche hielt sie am Arm. Andere schwieg sie an. Oft stand sie nur da und ließ ihre Energie strömen. Es gab Menschen, die begannen zu weinen. Andere fühlten sich erleuchtet. Hunderte junger Menschen standen Schlange, um das Abenteuer am eigenen Leib zu erleben.

Und doch gibt es auch 18-Jährige, die fragen sich: "Was soll das?" "Was bringt mir das für mein Leben?" Arme Kinder. Die sehen nicht. Die ahnen nicht, "wie viel Gärung der Jugend" (Helmut Schmidt) in den Experimenten der Moderne steckt. Die interessieren sich plötzlich für Steuern, für Miete und Versicherungen.

Mein Gott, wie traurig!

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