HOME
Kolumne

"Mein geliebtes Ich": Claudia Roth: "Was wird immer über meine Haarfarbe geschrieben! Als gäbe es nichts Wichtigeres!

Niemandem kommen wir näher als uns selbst. Und sind uns doch auch immer wieder fremd: Um dieses Spannungsverhältnis geht es in der Kolumne "Mein geliebtes Ich". Hier sprechen Prominente über den Umgang mit sich selbst. Dieses Mal: Claudia Roth. 

Von Frank Lübke (Fotografie) und Alexandros Stefanidis (Interview)

In der Öffentlichkeit gilt Claudia Roth als schrill, doch sie hat auch eine ruhige, verletzliche Seite

In der Öffentlichkeit gilt Claudia Roth als schrill, doch sie hat auch eine ruhige, verletzliche Seite

Ein Jahr lang haben der Fotograf Frank Lübke und der Journalist Alexandros Stefanidis für die Kolumne "Mein geliebtes Ich" Prominente in ungeahnter Pose porträtiert. Für sie wurde schnell klar: Jeder Mensch hat eine zweite Seite, die manchmal hell erstrahlt, manchmal im Dunkeln bleiben soll. Oft haben sie diese freilegen können – zum Erstaunen der Leser wie auch der Dargestellten.

Der stern veröffentlicht nun zwölf dieser ungewöhnlichen Porträts online: dieses Mal Claudia Roth. Die Grünen-Politikerin ist seit 2013 Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags. Von 1982–1985 war sie Managerin der Rockband "Ton Steine Scherben". 1985 wurde sie Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, und 1989 wurde sie ins Europäische Parlament gewählt. Neun Jahre später wechselte sie in die Bundespolitik. 2001 wählten die Grünen Claudia Roth erstmals zur Parteivorsitzenden.

stern: Frau Roth, fürs Bunte sind Sie bekannt. Warum trägt Ihr anderes Ich Schwarz?

Roth: Ich habe lange damit gerungen, dass ich nur auf das Klischee der lauten, schrillen Claudia reduziert werde. Das Schwarz symbolisiert für mich das ruhige, introvertierte, manchmal auch verletzliche und traurige Ich. Auch dieses Ich gehört zu mir.

Wann kommt es zum Vorschein?

Als öffentliche Person wird jeder meiner Schritte verfolgt, jeder Satz beäugt. Da bin ich froh, wenn ich nachts nach Hause komme und die Tür hinter mir zumachen kann. Ist die Tür einmal zu, empfinde ich auch Einsamkeit. Das Foto transportiert das.

Rührt die Einsamkeit daher, dass Sie sich falsch verstanden fühlen?

Nein. Aber manchmal fühle ich mich ungerecht behandelt. Eine meiner großen Stärken war und ist, dass ich gut zuhören kann. Mit dem Klischee, ich sei laut und schrill, ist das aber nur schwer vereinbar.

Sie sind seit den 70er Jahren politisch aktiv, kennen das Geschäft. Tut es Ihnen noch weh, wenn Sie öffentlich als Heulsuse tituliert werden?

Ich sehe es nicht ein, mich an solche Beschimpfungen zu gewöhnen. Gerade in schwierigen Momenten empfinde ich das als verletzend. Es kann nicht sein, dass man in der Politik keine Gefühle mehr zeigen, nicht mehr Mensch sein darf! Zumal als Frau noch andere Dinge dazukommen.

Inwiefern?

Was wird immer über meine Haarfarbe geschrieben! Als gäbe es nichts Wichtigeres! Frau Merkel geht es ja nicht anders. Auch ihr Aussehen, ihre Kleidung, ihre Frisur sind ständig Thema.

Woher zieht Ihre fröhliche Seite eigentlich Energie?

Ich bin kein inhaltsleerer Polit-Junkie. Wenn ich für meine Überzeugungen angegriffen werde, schalte ich in den "Jetzt erst recht"-Modus. Sollen sie mich Gutmensch nennen, wenn ihnen schlechte Menschen lieber sind. Außerdem sehe ich kleine Schritte schon als Erfolg. Etwa wenn es mir gelingt, dass eine um Asyl suchende Familie nicht unrechtmäßig abgeschoben wird.

Ganz schön klischeehaft, das Beispiel, finden Sie nicht?

Mag sein. Aber mein Herz ist auf der Seite der Schwächeren. Und da bleibt es.


Dieser Text erschien ursprünglich im Heft Nr. 35 am 24. August 2017.