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Sozialer Brennpunkt Wilhelmsburg: Wie Michel Abdollahi und ein Hamburger Verein Kindern helfen, ihr Leben zu meistern

Im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg mangelt es an Vielem – oft auch an sozialen Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen. Fernsehmoderator Michel Abdollahi und der Verein Zweikampfverhalten bringen ihnen bei, wie man Konflikte ohne Gewalt lösen kann.

Michel Abdollahi steht mit zwei Jugendlichen auf einem Bolzplatz

Michel Abdollahi (r.) kümmert sich im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg um Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien

Michel Abdollahi kommt im auffälligen lilafarbenen Jackett und sucht sofort den Kontakt zu den beiden Jüngsten im Raum. Jawid, 14, und Sayed, 12, begrüßt der bekannte Fernsehmoderator als Erste – mit Ghettofaust natürlich. Die beiden sind vor etwa zweieinhalb Jahren aus Afghanistan nach Deutschland gekommen und leben in einer Unterkunft für Geflüchtete im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg.

Es sind vor allem Jungs wie sie, um die sich Abdollahi und der Verein Zweikampfverhalten kümmern: Kinder, die aus einem sozial benachteiligten Umfeld kommen, deren Eltern oft überfordert sind und die in der Schule als Problemfälle gelten. Das Ziel des Projekts: jungen Menschen aus Wilhelmsburg beizubringen, Konflikte verbal und ohne körperliche Gewalt zu lösen.

Wilhelmsburg – zwischen Hipster-Viertel und Problemstadtteil

Wilhelmsburg galt in Hamburg lange als einer der Problemstadtteile schlechthin, mit hohem Migrantenanteil, hoher Arbeitslosigkeit und wenig Infrastruktur. Das hat sich zwar in Teilen geändert: In den vergangenen Jahren entstanden auf der Elbinsel viele neue Wohnungen, Großevents wie die Internationale Bauausstellung (2007–2013) oder die Internationale Gartenschau 2013 sollten die Gegend aufwerten, Studenten entdeckten den Stadtteil für sich, mittlerweile gilt Wilhelmsburg als nächstes Hipster-Viertel. Das größte Problem vieler Bewohner scheint nun darin zu bestehen, dass ihre Umgebung nicht zu schnell und nicht zu sehr gentrifiziert wird.

Doch auch wenn Hamburgs flächenmäßig größter Stadtteil gerade einen Imagewandel erlebt, können die Entwicklungen nicht alle Schwierigkeiten übertünchen. Immer noch bergen die besonderen religiösen, sozialen und familiären Umstände viel Konfliktpotenzial, das sich an den Schulen, auf der Straße oder in den Familien entlädt.

Sport ist ein wichtiger Bestandteil des Programms

Sport ist ein wichtiger Bestandteil des Programms

Abdollahi zeigt Kindern, wie sie mit Konflikten umgehen können

Der Verein Zweikampfverhalten hat es sich zur Aufgabe gemacht, dort anzusetzen, wo Lehrer und Eltern nicht mehr weiterkommen – "und das passiert hier ziemlich oft", sagt Michel Abdollahi. Seit zehn Jahren arbeitet er nun schon mit dem Verein zusammen. Damals, als Abdollahi zwar schon ein in Hamburg namhafter Poetry Slammer, aber noch kein landesweit bekannter Moderator und Künstler war, holte ihn Zweikampfverhalten-Gründerin Rebekka Henrich an Bord. "Wir waren auf der Suche nach Vorbildern", erzählt Henrich. Bis heute führt der Deutsch-Iraner an Schulen und in anderen Kursen gelegentlich Rhetoriktrainings für Kinder und Jugendliche durch. Außerdem arbeitet er als Botschafter für den Verein.

In einem Umfeld, in dem Streit und mitunter auch Gewalt zum Alltag dazugehören, versucht ein Team von Trainern und Tutoren den Kindern und Jugendlichen soziale Kompetenz zu vermitteln. Im Rhetoriktraining stellen sich die Teilnehmer zum Beispiel auf einen Tisch und erzählen zwei Minuten von einem Thema ihrer Wahl. Die Erfahrung, dass ihnen zugehört wird, machen viele sonst eher selten. "Sie sollen die Schüchternheit ablegen, ohne dabei bewertet zu werden", erklärt Abdollahi. "Wir wollen zeigen: Deine Meinung ist wichtig, du bist wichtig, wir wollen hören, was du denkst."

Beim Rhetoriktraining lernen Schüler, ihre Meinung mit Argumenten zu vertreten

Beim Rhetoriktraining lernen Schüler, ihre Meinung mit Argumenten zu vertreten

In anderen Kursen lernen die jungen Wilhelmsburger, wie sie Freundschaften knüpfen und auf Menschen zugehen können. Im Coolness-Training geht es darum, sich in Rollenspielen bereits frühzeitig auf Konfliktsituationen vorzubereiten, um dann eben nicht einfach zuzuschlagen. Dinge, die für viele jungen Menschen selbstverständlich sind. In Wilhelmsburg ist die Arbeit an den Schulen aber oft ein "Knochenjob", berichtet Abdollahi aus langjähriger Erfahrung: "Wir hatten Kinder, die nur am Schreien waren und nichts machten, was du wolltest."

Wilhelmsburger Erfolgsgeschichten: Aus Teilnehmern werden Mitarbeiter

Doch das Engagement lohnt sich. Etwa 400 Teilnehmer pro Jahr nehmen an den Kursen teil, 80 Prozent davon sind Jungen. Sie geben das Gelernte weiter und bringen Geschwister und Freunde mit. Das Paradebeispiel für einen gelungenen Fall ist Arwin Mostauli. Früher war er selbst ein Hitzkopf, bis ihn sein Fußballtrainer in ein Coolness-Training von Zweikampfverhalten vermittelte. Jetzt arbeitet der 23-Jährige fest angestellt bei dem Verein und absolviert einen dualen Studiengang. Er ist nicht nur Vorbild für die Jungs, sondern steht auch exemplarisch für die Art und Weise, wie Zweikampfverhalten neue Mitarbeiter gewinnt.

Mittlerweile arbeiten zehn Hauptamtliche für den Verein. Möglich wurde das vor allem durch eine 500.000-Euro-Spende der SKala-Initiative von BMW-Erbin Susanne Klatten. Zuvor arbeitete der Verein oft "am Rande des Wahnsinns und des Existenzminimums", wie es Michel Abdollahi beschreibt. Nun soll erst einmal die Arbeit in Wilhelmsburg stabilisiert werden – in einigen Jahren sind dann vielleicht auch andere Stadtteile dran.

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