Ladenschluss-Bilanz Leere Läden und klingelnde Kassen

Gut ein halbes Jahr nach Freigabe der Ladenöffnungszeiten ziehen die Einzelhändler eine recht gemischte Bilanz: Während sich einige durchaus über höhere Umsätze in den späten Abendstunden freuen, lassen andere den Rollbalken wieder früh herunter.

Der Unternehmer Peter Dussmann kann sich freuen über die lange Ladenöffnung: In seinem Berliner Kulturkaufhaus tummeln sich noch in den späten Abendstunden Bücherwürmer und Musikfans. "Die Erwartungen sind übertroffen", betont Sprecher Steffen Ritter. Dussmann, der sich selber gerne als Pionier an der Anti-Ladenschluss-Front sieht, war am 17. November 2007 einer der ersten, der sein Kaufhaus in Berlin-Mitte rund um die Uhr öffnete. Deutschlandweit ziehen die Einzelhändler gut ein halbes Jahr nach Freigabe der Ladenöffnung aber eine eher gemischte Bilanz: Während einige durchaus höhere Umsätze in den späten Abendstunden verzeichnen, lassen andere die Rollläden wegen fehlender Kundschaft wieder wie ehedem spätestens um 20.00 Uhr herunter.

Völlige Freigabe in Berlin

Berlin hatte als erstes Bundesland im vergangenen November den seit 50 Jahren geltenden Ladenschluss fast völlig freigegeben. Seit der Föderalismusreform ist die Ladenöffnung Sache der Länder. Bis auf Bayern und das Saarland sind die Geschäftsöffnungen mittlerweile weitgehend liberalisiert. Doch in jedem Bundesland gibt es andere Regelungen. Und auch die Einzelhändler machen davon unterschiedlich Gebrauch.

"Ein gewisses Chaos ist der Preis der neuen Freiheit", betont Nils Busch-Petersen vom Einzelhandelsverband Berlin Brandenburg. Derzeit fehle es in vielen Einkaufsstraßen und -zentren noch an Koordination. In Dussmanns Kulturkaufhaus in Berlin kann man von Juli an wieder zwei Mal im Monat auch nachts shoppen. Im Dezember soll das an jedem Wochenende möglich sein.

Mehr Bedarf bei Lebensmitteln

"365 Tage Öffnung bis spät in die Nacht, so ein Trend zeichnet sich nicht ab", heißt es hingegen beim Hauptverband des Deutschen Einzelhandels HDE. "Langfristig wird es wohl auf einen Dienstleistungsabend wie einst den langen Donnerstag hinauslaufen", betont Sprecher Hubertus Pellengahr. Bei den Lebensmittelhändlern würden sich die längeren Öffnungen aber durchaus stärker durchsetzen.

"Wir sind noch in der Lernphase. Generell macht eine tägliche Öffnung bis 22.00 Uhr noch keinen Sinn", betont KarstadtQuelle- Sprecher Jörg Howe. Die neue Freiheit werde derzeit vorrangig in den 1-A-Lagen der Innenstädte genutzt. Vor allem in den Gourmetabteilungen der Kaufhaus-Flaggschiffe KaDeWe in Berlin oder Alsterhaus in Hamburg herrsche am späten Freitagabend großer Andrang. Außerdem werde das Sonntags- und Eventshopping gut genutzt.

Bei Touristen lohnt sich lange Öffnungszeit

Für eine Zwischenbilanz sei es noch zu früh, heißt es beim zum Metro-Konzern gehörenden Kaufhof. "Wir müssen jeden Monat einmal gesehen haben, um ein Urteil zu fällen", sagt Sprecher Steffen Kern. Die 113 Warenhäuser mit ihren rund 23.000 Beschäftigten hätten derzeit ganz unterschiedlich offen. Allein in Berlin gebe es vier unterschiedliche Regelungen. Vor allem da, wo es viele Touristen hinzieht, lohne sich die Spätöffnung. "Die Verbraucher müssen sich erst mal an die neuen Öffnungszeiten gewöhnen", sagt auch Metro-Sprecher Albrecht von Truchseß.

Der schwedische Möbelhändler Ikea mit seinen 41 Einrichtungshäusern in Deutschland berichtet von guten Erfahrungen. Da, wo es erlaubt ist, sei von Montag bis Donnerstag bis 21.00 Uhr, freitags und samstags sogar bis 22.00 Uhr geöffnet. "Vor allem in den Abendstunden werden die großen Anschaffungen gemacht. Eine Küche oder Wohnzimmereinrichtung lässt sich dann entspannter kaufen", sagt Sprecher Kai Hartmann.

Innebstadtlagen besser besucht

Die Liberalisierung habe sich ausgezahlt, resümiert der Handelsverband BAG, der vor allem die großen Kaufhäuser in den Innenstädten vertritt. Auch wenn einige Unternehmen sogar wieder um 18.00 Uhr schließen, spreche das nicht gegen die neuen Regelungen. "Der Wert liegt in der Entscheidungsfreiheit", betont BAG- Sozialexperte Peter Schröder. Hemmnis seien aber noch die Zuschläge, die an die Beschäftigten abends und am Wochenende gezahlt werden müssen. "Das ist ein Anachronismus, der nicht mehr in die heutige Zeit passt."

Die Zuschläge sind auch Streitpunkt in den derzeit laufenden Tarifverhandlungen. Die Gewerkschaft ver.di will sie in jedem Fall für die rund 2,7 Millionen Beschäftigten erhalten und sie teils sogar ausweiten. Die liberalisierten Öffnungszeiten sind der Gewerkschaft ohnehin ein Dorn im Auge, und das nicht nur, weil sie "familienfeindlich und belastend" für die Mitarbeiter sind. "Das bringt keinen zusätzlichen Umsatz. Die Leute geben deswegen ja nicht mehr Geld aus", betont ver.di-Sprecherin Cornelia Haß.

Einzelhandel hinkt Konjuntkur hinterher

Ob die Spätöffnungen die Umsatzdelle durch die höhere Mehrwertsteuer seit Anfang des Jahres ausgleichen können, ist noch unklar. "Ohne die Mehrwertsteuererhöhung wäre in diesem Jahr ein Plus von 2 Prozent möglich gewesen. Jetzt müssen wir froh sein, wenn wir nominal 1 Prozent erreichen", sagt Branchensprecher Pellengahr. Generell hinke der Einzelhandel immer gut ein Jahr hinter der allgemeinen Konjunkturentwicklung her. Und wie sich die gestiegene Konsumlaune auf den Umsatz im Handel auswirken wird, bleibt noch zu abzuwarten. Die Branche sieht daher auch in den Tarifverhandlungen kaum Verteilungsspielraum.

Maren Martell/DPA DPA

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