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Christof Bosch zum United World College: "Die Schüler tragen diesen Geist in die Welt"

Das erste deutsche United World College konnte nur durch die großzügige Unterstützung der Robert Bosch Stiftung entstehen. Ihr Kurator Christof Bosch erzählt, warum das im Sinne seines Großvaters ist.

Christof Bosch unterstützt mit der Robert Bosch Stiftung Projekte, die den Geist seines Großvaters widerspiegeln

Christof Bosch unterstützt mit der Robert Bosch Stiftung Projekte, die den Geist seines Großvaters widerspiegeln

Im Grundstein für das United World College in Freiburg haben Sie die Biografie Ihres Großvaters mit eingemauert. Warum haben Sie das getan?
Weil er, der aus einem kleinen Dorf stammt, mit seinem Lebensweg und seiner Orientierung die Grundlage dafür gelegt hat, dass es die Robert Bosch Stiftung gibt, die sich heute für solche Projekte wie das United World College einsetzen kann.

Jahrelang haben Sie sich persönlich dafür eingesetzt, dass ein College in Deutschland eröffnet wird.


Zuerst überzeugte mich einfach die Idee und dann sind zwei unserer drei Kinder auf so ein College gegangen, meine Tochter war in Norwegen, mein Sohn in Bosnien. Er ist gerade erst zurückgekehrt.

Stiftung und Unternehmen haben zusammen 44 Millionen Euro für diese eine Schule investiert. Dafür hätte man viele kleine Schulen in Entwicklungsländern eröffnen können. Wäre das Geld dadurch nicht besser angelegt gewesen?


Das eine schließt das andere nicht aus. Ich glaube, dass wir mit der Gründung des United World Colleges dazu beitragen werden, viele andere zu gründen. Denn die Schüler tragen diesen Geist in die Welt.

Bei der Eröffnung wirkten Sie emotional sehr bewegt. Warum geht Ihnen das so nahe?
Es ist so wichtig für die Leben der jungen Leute, die hier zusammen kommen. Viele haben besondere Schicksale: Wir haben einen Schüler aus dem Irak, der ist noch gar nicht hier, weil er nicht aus seinem Land ausreisen darf. Wir haben Schüler, die auf der Straße aufgewachsen sind oder aus Flüchtlingslagern und Kriegsgebieten stammen. Und wir haben Schüler aus gut behüteten, wohl versorgten Elternhäusern. Entscheidend ist die Gemeinsamkeit über die Gräben hinweg, die hier entstehen kann.

Wie hätte Ihr Großvater die Schulgründung gefunden?


Ich glaube, es hätte ihm sehr gut gefallen. Denn sie entspricht einfach dem, was er wollte: Völkerversöhnung und Bildung.

Er war mit Kurt Hahn, dem "Erfinder" der World Colleges befreundet.

Wir wissen nicht sehr viel über diese Bekanntschaft, denn es gibt kaum Dokumente, vor allem nicht nach der Emigration von Kurt Hahn 1933. In diesen Zeiten traute man sich ganz einfach nicht, die Dinge schriftlich zu machen. Der Besuch in Schottland bei Kurt Hahn war die letzte Auslandsreise meines Großvaters zwei Jahre vor seinem Tod 1942. Wir wissen aber, wie es anfing: Nach dem Ersten Weltkrieg trafen sich die beiden in der sogenannten "Heidelberger Vereinigung", die für eine Revision des Versailler Vertrags warb, sodass er für alle Parteien erträglich geworden wäre. Der Versailler Vertrag gilt ja als eine Wurzel für den Zweiten Weltkrieg.

Die Robert Bosch Stiftung engagiert sich vor allem für Bildung. Warum liegt Ihnen gerade dieses Thema so am Herzen?
Ein entwickelter Geist ist Voraussetzung zur Lösung jeder Frage - so verstehe ich Bildung. Ein Geist, der die Offenheit besitzt, sich mit Fragen zu beschäftigen, der weiß, wie er Informationen beschaffen und auf ihre Objektivität prüfen kann. Sonst hat die zivilisierte Welt keine Chance.

Vor ein paar Tagen hat die Robert Bosch Stiftung die Einsetzung eines Nationalen Bildungsrates gefordert. Was kritisieren Sie am Bildungsföderalismus?


Die Betonung des Regionalen ist eine gute Sache, weil es viel mit Identität zu tun hat. Aber in einer Welt zunehmender Mobilität, in der sich Bildung rasch erneuern und entwickeln muss, da sind Bildungsinstitutionen überfordert, die sich auf Landesebene von einander abgrenzen und nur mühsam kooperieren. Das System ist übersteuert. Ein Beispiel: Wir haben derzeit viele nationale und regionale Tests im Schulalltag, mit denen wir versuchen, die Leistung der Schüler zu bewerten und die Qualität von Schule zu messen. Wir brauchen aber wenige, wirklich gut gemachte nationale Prüfungen, und wir müssen daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Vom Wiegen allein wird die Sau ja nicht fetter. Wir reden viel zu wenig über Unterrichtsqualität, den Alltag in der Schule - das sind Fragen, wo wirklich konkrete Verbesserungen machbar sind. Stattdessen neigen wir in Deutschland zu Symbolthemen, die leicht zu erfassen scheinen. Die Diskussion um G8 versus G9 ist so ein Thema: Da meint der eine G8 sei gut, weil modern und schnell, der andere wiederum argumentiert, G9 sei gut, weil die Kinder freier und mit mehr Gelassenheit lernen könnten. Dabei kann Unterricht mit G9 furchtbar sein, und mit G8 wunderbar, oder auch umgekehrt. Es kommt darauf an, wie er gemacht wird.

Seit 2006 vergibt die Bosch Stiftung zusammen mit der Heidehof Stiftung den Deutschen Schulpreis. Was hat er gebracht?
Der Schulpreis existiert jetzt lange genug, dass man ihn als Stichprobe nutzen kann. Es hat sich kein bestimmter Schultyp etabliert, der immer als Sieger hervorgeht, kein Bundesland erweist sich als systematisch besser, sondern wenn man schaut, warum sich eine Schule gut entwickelt hat, zeigt sich: Meist haben sich Teams um einen Schulleiter gebildet, die es geschafft haben, sich die Handlungsfreiheit zu erarbeiten, um über Jahre ein gute Schule aufzubauen. Völlig egal, ob das ein Gymnasium ist oder eine Förderschule. Ich bin wirklich begeistert von dieser Entwicklung: Der Schulpreis ist nicht nur eine Preisverleihung, bei der eine Plakette verliehen wird, die man sich irgendwo hinhängt, sondern hat sich zu einer Bewegung für gute Schule entwickelt.

Cartoon-Video Deutscher Schulpreis: So sollten alle Schulen sein

Kann eine Stiftung mehr bewegen als der Staat?
Wir brauchen den Staat, die Unterstützung von Behörden und Schulträgern. Die Hälfte der laufenden Kosten fürs United World College übernimmt das Land Baden-Württemberg, ohne die Politik wäre es nicht gegangen. Gleichzeitig hat eine Stiftung mehr Handlungsmöglichkeiten, wir müssen nicht immer überlegen: Das, was wir jetzt hier machen, lässt sich das auch im ganzen Land umsetzen?

Sie sind der Sprecher der Familie Bosch. Empfinden Sie das Erbe als große Verantwortung?


Ja, ich muss einer Menge unterschiedlicher Anforderungen gerecht werden. Wir haben ja nicht das Testament meines Großvaters im goldenen Rahmen bei uns zu Hause hängen. Sondern Traditionen müssen gelebt werden und sie verändern sich.

Ist ein Unternehmen, das soziale Verantwortung ernst nimmt, erfolgreicher als eines, das sich rein an den Zahlen orientiert?


Ich glaube tatsächlich, dass es kein Zufall ist, dass die Bosch GmbH nach über 125 Jahren ganz gut dasteht. Sondern dass unser Erfolg auf der starken Orientierung an Werten beruht, die auch Mitarbeiter prägen, an dem Klima, gemeinsam Lösungen für die Zukunft zu finden.

Christof Bosch, 55, ist der Enkel von Robert Bosch und Sprecher der Familie. Der Stuttgarter Unternehmensgründer Robert Bosch, auch der "rote Bosch" genannt, hatte in seinem Testament verfügt, "Gesundheit, Erziehung, Bildung, Förderung Begabter, Völkerversöhnung und dergleichen ..." zu fördern. Jährlich investiert die Robert Bosch Stiftung rund 70 Millionen Euro in Projekte zur Völkerverständigung, Bildung, Gesellschaft und Kultur sowie Gesundheit und Wissenschaft. Seit 2006 vergibt sie zusammen mit der Heidehof Stiftung den Deutschen Schulpreis, unterstützt werden sie dabei vom stern und der ARD.

Lesen Sie mehr zum Thema im neuen stern Extra "Schule & Erziehung", das Heft ist seit dem 29. September im Handel.

Interview: Catrin Boldebuck

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