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Deutscher Schulpreis: 50.000 Euro für Dortmund

Deutschland beste Schule liegt im Ruhrgebiet: An der Grundschule Kleine Kielstraße in der Dortmunder Nordstadt werden Kinder aus vielen Nationen unterrichtet und zwar so vorbildlich, dass die Schule mit dem Deutschen Schulpreis 2006 ausgezeichnet wurde.

Von Catrin Boldebuck

"Die beste Schule Deutschlands ist ... die Kleine Kielstraße." Janni springt auf, reißt die Arme hoch und jubelt. Der 10-Jährige ist Schulsprecher der Grundschule aus Dortmund. Seine Schulleiterin Gisela Schultebraucks-Burgkart umarmt ihn; minutenlanger Beifall. Begleitet von Eltern, Lehrer und Schülern ihrer Schule gehen die beiden auf die Bühne des ZDF im Berliner Zollernhof.

Die Auszeichnung vergibt die Robert Bosch Stiftung und die Heidehof Stiftung in Kooperation mit dem stern und dem ZDF in diesem Jahr zum ersten Mal. Die Dortmunder Schule erhält ein Preisgeld von 50.000 Euro. 481 Schulen haben sich für den Deutschen Schulpreis beworben - private und staatliche, Gymnasien, Haupt-, Real-, Gesamt-, Grund- und Sonderschulen. 18 kamen in die engere Wahl und waren bei der Preisverleihung mit Bundespräsident Horst Köhler dabei: Vom Gymnasium, über Haupt- und Realschulen bis hin zur privaten Sonderschule. Köhler sagt: "Lehrer sind für mich die Helden Alltags. Wir wollen gute Vorbilder hervorheben, ihr Beispiel soll Schule machen."

So wie das von Schulleiterin Schultebraucks-Burgkart aus Dortmund. Auf der Bühne kämpft die 54-Jährige kurz mit den Tränen: "Dieses Gefühl bei der Preisverleihung ist mit nichts zu vergleichen. Das ist eine wunderbare Anerkennung unserer Arbeit, ein Ansporn für die Zukunft." Als die Schule 1994 gegründet wurde, diskutierte sie mit ihren Kollegen nicht welche Bücher angeschafft werden sollten, sondern: "Was für eine Schule wollen wir?" Heute weiß sie die Antwort: Wie die Kleine Kielstraße." Die Mischung und Vision und Pragmatismus ist ihr Erfolgsgeheimnis.

Auch Janni und seine Mitschüler sind stolz auf ihre Schule. Sie sind mit dem Bus nach Berlin gefahren. "Als wir die vielen großen Schüler bei der Preisverleihung gesehen haben, habe ich schon sehr viel Respekt bekommen, sagt der Viertklässler. "Aber wir sind eine tolle Schule. Wir haben den Preis verdient." Nun wünschen sich die Schüler einen Ausflug mit der ganzen Schule.

Die Grundschule aus Dortmund macht vor allem ihre Lage zur Siegerschule: Sie liegt mitten in einem sozialen Brennpunkt, der Nordstadt von Dortmund. 83 Prozent der Schüler kommen aus Migrantenfamilien oft mit schwieriger sozialer Situation und Deutsch als Zweitsprache. Trotzdem hat die Schule es geschafft, von den 72 Viertklässlern aus dem Jahrgang 2004 zwei Drittel aufs Gymnasium oder die Gesamtschule zu schicken, darunter 42 Migrantenkinder. An der Kleinen Kielstraße gehen Erst- und Zweitklässler gemeinsam in eine Klasse. Gewalt wird nicht geduldet. Die Lehrer bereiten ihren Unterricht gemeinsam vor. Die Türen zu den Klassenzimmern stehen immer offen und die Eltern werden per Vertrag zur Mitarbeit verpflichtet; die Schule kümmert sich um den Stadtteil.

Johan van Bruggen gehört zu der elfköpfigen Experten-Jury. Er hat in den Niederlanden jahrzehntelang Schulen inspiziert. Die Dortmunder Grundschule hat ihn tief beeindruckt. "Sie hat das beste Konzept, macht systematischen Unterricht, es herrschen klare Regeln. Sie macht die Kinder stark für die Welt von heute und morgen. Von der Kleinen Kielstraße können sich alle Schule etwas abgucken - auch Gymnasien."

Vier Schulen bekamen Anerkennungspreise (je 10.000 Euro): die Hamburger Max-Brauer-Schule, die Jenaplan-Schule in Jena, die Offene Schule Kassel Waldau und die Integrierte Gesamtschule Franzsches Feld.

Ziel des Deutschen Schulpreises ist es, nicht nur gute Schulen zu finden und zu belohnen, sondern die Preisträger zu Vorbildern zu machen, damit deren Erfahrungen an andere reformwillige Schulen weiterzugeben. Ein Reform-Netzwerk soll entstehen. Eine stille Revolution soll in der Schule angezettelt werden, von der Lehrer, Schüler und Eltern in ganz Deutschland profitieren: Sie erfahren, was eine gute Schule ausmacht.

Julia Herdramm, 32, ist Lehrerin an der Dortmunder Siegerschule. Sie freut sich vor allem auf die Akademie Für Schulentwicklung, an der alle Preisträger-Schulen teilnehmen werden. "Hier sind so viel tolle Schulen. Viele sind echte Kaliber. Ich freue mich schon sehr auf den Austausch mit ihnen."

Der Wettbewerb geht weiter: Ab 1. März 2007 können sich alle interessierten Schulen für den Deutschen Schulpreis bewerben.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: die Laudatio für den Hauptpreisträger der Grundschule Kleine Kielstraße

Laudatio für Grundschule Kleine Kielstraße, Dortmund

Schon neun Monate vor der Einschulung macht sich die Schule mit Lebenssituation und Entwicklungsstand der Kinder vertraut, und sie berät die Eltern. Die Kinder sind noch im Kindergarten, aber schon jetzt werden sie von der Schule angenommen und wahrgenommen. Alle Kinder. Sie stammen aus über 20 Nationen, für vier von fünf ist Deutsch nicht die Muttersprache, viele kommen aus mehrfach belasteten Familien.

Hier ist klar, dass Deutsch lesen, sprechen und schreiben zu können, vorrangige Bedeutung hat. Hier ist klar, dass, Gewalt geächtet wird und dass Leistung gefragt ist. Die Elternarbeit sucht ihresgleichen. Und die Schule nimmt die Eltern in die Pflicht, aber auch in ihre Obhut. Sie handelt als öffentliche Institution mit eigener Verantwortung und schützt die Kinder vor Gefährdungen und Belastungen - wenn es sein muss, auch gegen ihre Umgebung. Mitten in den Spannungsfeldern einer sozial komplexen, multinationalen, multiethnischen, multikulturellen Lebenswirklichkeit ermöglicht sie Kindern, Selbstvertrauen, Leistungsfreude, Zusammenhalt und demokratischen Geist zu erfahren und dadurch auch bei sich selbst auszubilden.

Die Grundschule Kleine Kielstraße verbindet pädagogische Leidenschaft mit professionellem Können und modernem Qualitätsmanagement, reformerische Vitalität und Entwicklungsdynamik mit verlässlichen Strukturen und Routinen. Sie ist beispielgebend für eine Pädagogik, die Kinder dafür stark macht, dass sie in der Welt von heute und morgen gemeinsam bestehen können.