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Energiepolitik: Warum Litauen die Atomkraft liebt

In Deutschland gilt Atomkraft als Teufelszeug, selbst der CDU-Umweltminister würde lieber früher als später aussteigen. In Litauen nicht. Eine Geschichte über Strompreise, Jobs - und die Abhängigkeit von Russland.

Von Vytene Stasaityte

Es war, als seien die guten alten Zeiten der Anti-Atomkraftbewegung durch ein Wurmloch in die Gegenwart zurückgekehrt. Knapp 100.000 Menschen fassten sich am 24. März an den Händen und bildeten eine Menschenkette vom Atomkraftwerk Brünsbrüttel quer durch Hamburg bis zum Meiler in Krümmel. SPD-Parteichef Sigmar Gabriel und die Grünen-Fraktionsvorsitzenden Renate Künast und Jürgen Trittin standen Seit' an Seit'. Eine derart mächtige Demo gegen Atomkraft hatte das Land seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Der Grund: Die schwarz-gelbe Bundesregierung plant, die Laufzeiten der Meiler zu verlängern. Geht es nach Umweltminister Norbert Röttgen, fällt die Verlängerung allerdings möglichst knapp aus. Er weiß: "Kernenergie hat auch nach vierzig Jahren keine hinreichende Akzeptanz in der Bevölkerung."

In Litauen schien das Ende der Atomkraft bereits gekommen. Eine Stunde vor dem Jahreswechsel 2009-2010 legten die Techniker den Schalter um und nahmen "Ignalina", das einstmals weltgrößte AKW, endgültig vom Netz. Ingnalina bestand aus zwei Blöcken vom gleichen Typ wie der Unglücksreaktor in Tschernobyl. Die Europäische Union hatte Litauen die Bedingung gestellt, Ignalina einzumotten, bevor das Land in die EU durfte. So ist es geschehen. Aber die Bevölkerung empfindet das nicht als Erleichterung. Im Gegenteil: Eine große Mehrheit befürwortet Atomenergie. Ein neuer Meiler ist in Planung. Warum?

Zwischenlager ja, Endlager irgendwann

Litauens Regierungschef, Christdemokrat Andrius Kubilius, ist ein leidenschaftlicher Verfechter eines Reaktor-Neubaus. "Wir haben gute Erfahrung mit Ignalina gemacht. Das Kernkraftwerk hat seit 1983 ohne gefährliche Störungen gearbeitet und günstigen Strom produziert", sagt Kubilius zu stern.de. Und wo lagert Litauen den noch Jahrhunderte lang strahlenden Atommüll? Es gäbe bereits ein Zwischenlager, sagt der Ministerpräsident. Es soll nun mit EU-Geldern weiter ausgebaut werden, um auch radioaktive Bestandteile des abgewrackten Ignalina-Meilers aufzunehmen. Sich über ein Endlager Gedanken zu machen, hält Kubilius nicht für zwingend. Er glaubt, dass Wissenschaftler Technologien entwickeln werden, um Atommüll im großen Stil zu recyceln. Eines Tages.

60 Prozent der Menschen in Litauen sind laut Umfragen für den weiteren Ausbau der Atomkraft, in der unmittelbaren Umgebung des Meilers liegt die Zustimmung noch deutlich höher. Ignalina liegt in einer malerischen Landschaft im Südosten des Landes, am größten See des Landes, ein paar Kilometer von der Grenze zu Weißrussland entfernt. In Visaginas, einer Retortenstadt, die noch zu Sowjetzeiten eigens für das Kraftwerk gebaut wurde, leben vornehmlich Russen. Eine von ihnen ist Eleonora Ogijenko, 53, Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Früher arbeitete sie im Personalwesen der Betreibergesellschaft, diesen Job ist sie los. "Litauen soll ein Atomkraftland bleiben", sagt sie zu stern.de. "Wenn da professionelle Fachleute arbeiten, wenn es eine richtige Kontrolle gibt, kann nichts Schlimmes passieren. Leute in dieser Region befürworten die Atomkraft sehr. Dies garantiert ihnen Arbeit und einen billigeren Strom." Nach litauischen Angaben mussten etwa 2000 von insgesamt 4000 ehemaligen Mitarbeitern des AKW-Betreibers bereits ihren Dienst quittieren.

Die Strompreise, der Herr Schröder

Aber auch der Rest der Bevölkerung litt unter den Folgen. Das AKW deckte in den vergangenen Jahrzehnten 80 Prozent des Strombedarfes des Landes ab. Nachdem es Silvester abgeschaltet wurde, stiegen die Strompreise in Litauen um 30 Prozent an, die Heizkosten ebenfalls, in der Region um den Reaktor vervierfachten sie sich sogar. Weil auch Bauern, Handwerker und Industrie mehr zahlen mussten, zog das generelle Preisniveau an - und das mitten in der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise, die für einen deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit sorgte. Im Februar gingen erstmals Menschen auf die Straße, um zu protestieren. Natürlich in der Kraftwerksstadt Visaginas, die vor der Stilllegung Energie zu extrem günstigen Sonderkonditionen erhielt. "Die Zeit nach der Stilllegung war nicht leicht", sagt Ogijenko. "Aber Panik gibt es nicht. Man muss optimistisch bleiben." Die Regierung begegnet der schwierigen Lage nicht mit Optimismus, sondern mit Geld. Familien der AKW-Region erhalten nun Zuschüsse zu ihren Heiz- und Stromkosten.

Doch es geht nicht nur um den Preis. Regierungschef Kubilius beklagt, dass Litauen durch die Abschaltung von Ignalina zu stark von Energieimporten aus Russland abhängig geworden ist, ausgerechnet dem Land, aus dessen Umklammerung sich Litauen so mühsam befreit hat. "Wir sind von der Energieversorgung durch Europa abgeschnitten - eine Art Insel in der Insel innerhalb der EU. Andererseits sind wir mit einer Gaspipeline und Stromnetzen an Russland gekoppelt. Das macht uns politisch und wirtschaftlich verwundbar." Gleichzeitig fürchtet Litauen, dass es von Russland energiepolitisch völlig im Stich gelassen wird. Deutschlands Ex-Kanzler Gerhard Schröder, der das Nord-Stream-Projekt fördert, eine Gaspipeline, die die baltischen Staaten umgeht, ist in Litauen alles andere als angesehen.

Renaissance der Atomkraft?

Der Klimawandel ist in Litauen kein viel beachtetes Argument für den Bau eines neuen Atomkraftwerks. Es geht um grundsätzlichere Fragen: Arbeit, Strompreise, nationale Souveränität. In anderen Ländern mag der Mix der Motive anders gelagert sein. Derzeit sind weltweit 438 Meiler in Betrieb. 57 Reaktoren werden derzeit gebaut. Befürworter sprechen von einer "Renaissance der Kernergie". An der übrigens auch Deutschland beteiligt ist: Die Demontage von Ignalina wird noch mindestens 25 Jahre dauern und mindestens eine Milliarde Euro kosten. Das Geld kommt von der EU, also auch aus Deutschland. Gleichzeitig hat Litauen den Auftrag für den Bau eines neuen AKW ausgeschrieben. Welche Bewerber in der engeren Auswahl sind, hält die Regierung zwar geheim. In der litauischen Presse kursieren aber bereits eine Reihe Namen. Unter anderen: RWE und Eon.