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Lehrer: "Wir sind ein Team"

Er unterrichtet mit Wissen und Methoden, die er in der freien Wirtschaft gelernt hat. Seine Schüler lieben ihn für seinen unermüdlichen Einsatz. Dirk Georges ist der Lehrer des Jahres, entschied die stern-Jury.

Freitagnachmittag, gewöhnliche Schüler genießen das freie Wochenende. Bis auf ein Dutzend Zwölftklässler. Die üben freiwillig fürs Leben: Bewerbungstraining. Offiziell je zwei Stunden dauert die Arbeitsgemeinschaft "Mein Profil". Als es viel länger wird, scharrt keiner mit den Füßen. Der Halbjahreskurs schließt Rhetorikschulung ein, simulierte Vorstellungsgespräche, Begegnungen mit Bossen, auch Detailfragen. Etwa, worauf der Personalchef beim Gespräch zuletzt schaut - auf den Hintern oder auf die Absätze - und wie man sich mit Hilfe eines Karate-Kommandos konzentrieren kann. Der Kurs muss gut sein, denn es gibt trotz des Freitag-Termins mehr Bewerber als Plätze.

Multi-Talent

Dirk Georges, 46, versteht zu begeistern. Neben den Schülern trainiert er an Wochenenden auch Fahrschullehrer in Selbstdarstellung oder Sekretärinnen in Teamfähigkeit. Hauptberuflich ist er Lehrer, unterrichtet Deutsch und Geschichte am Evangelischen Gymnasium Lippstadt. Ab Sonntag macht er das mit Auszeichnung, denn dann bekommt er in Ludwigshafen den Titel "Lehrer des Jahres" verliehen. Eine stern-Jury hat ihn aus mehr als 800 Schülervorschlägen ausgewählt.

Unkonventioneller Lebensweg

Als Schüler hätte Georges keinen Preis bekommen. Er ging vorzeitig vom Gymnasium ab, machte eine Ausbildung zum pharmazeutisch-technischen Assistenten. Es folgten Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, Studium, Doktorarbeit. Dann wurde er Museumspädagoge in Bielefeld. Erst als Enddreißiger begann der Soester sein Referendariat, seit 1998 unterrichtet er in seiner Heimat Ostwestfalen.

Vor Schulklassen steht Georges wie ein Manager, der sich verlaufen hat: dreiteiliger Anzug, eine randlose Brille vorn auf der Nase, das Haar hinter der hohen Stirn nach hinten gekämmt. Vorbild wolle er sein, sagt er, auch bei Äußerlichkeiten. Der Unterricht beginnt mit einem Ritual: Georges schreibt das Thema der Stunde an die Tafel. Was dann passiert, hängt von den Schülern ab, denn sie müssen sich ihr Wissen selbst erarbeiten, Georges managt sie dabei. "Wir sind ein Team", sagt er. Ein Schüler hat sein Referat über den RAF-Terroristen Andreas Baader nicht gemacht? Der Lehrer ist vorbereitet. Laptop auf, Projektor an, auf der Wand erscheint eine Internetseite, die alles Nötige enthält.

Kein Oberlehrer sondern Praktiker

Die achte Klasse dreht die Gerichtsverhandlung über König Ludwig XVI. als Video. Der Leistungskurs Deutsch sammelt seine Erkenntnisse über das neue Buch von Günter Grass, "Im Krebsgang", auf einer eigenen Internetsite. Der Leistungskurs Geschichte darf nach einem biederen Schulfernsehbeitrag über Bismarck entscheiden, ob der Film im nächsten Kurs wieder zum Einsatz kommen soll.

Gelernt habe Georges diese Art der Darstellung allerdings nicht in der Lehrerausbildung, die fand er "grottenschlecht". Seine Lehrjahre "in der freien Wirtschaft" hätten ihn davor bewahrt, zum "verbeamteten Oberlehrer" zu werden. Der Mann ist Angestellter.

Als bei einer Projektbesprechung die Idee entsteht, das könne vielleicht den Bürgermeister interessieren, ruft Georges im Rathaus an - und am kommenden Morgen schaut das Stadtoberhaupt tatsächlich vorbei. "Versuch macht klug", sagt Georges, der mit seiner nassforschen Art schon oft Erfolg hatte.

Vertrauenslehrer und harte Noten

Zum dritten Mal wählten ihn seine Schüler zum Vertrauenslehrer. "Es gibt solche, die hören zu, und das war's dann", sagt Schülersprecher Peter Schriewersmann. "Herr Georges berät professionell und hilft auch bei der Problemlösung."

Ja, hat dieser Mann denn gar keine Schwächen? Doch, sagen die Schüler. Er gebe harte Noten. Und er engagiere sich so vielfältig, dass man ihn manchmal schwer erreichen könne. Selbst Schüler, die er nicht unterrichtet, legen ihm ihre Bewerbungsunterlagen zur Begutachtung vor, bitten ihn um Betreuung bei Schülerwettbewerben.

Freizeit zu ugewöhnlichen Zeiten

Deswegen bleibt auch wenig Zeit für die Familie. Ehefrau Renate ist Dorf-Grundschullehrerin, die Söhne Art, 13, und Urs, 18, gehen noch zur Schule. Seine Hobbys Karate, Hochseesegeln und Radfahren verlegt Georges deshalb auf mitunter ungewöhnliche Zeiten. Zum Beispiel sonntags früh zwischen fünf und sieben kann man ihn auf seinem Rennrad durch Ostwestfalen flitzen sehen. Wer dann schon mit dem Auto unterwegs ist, sollte vorsichtig fahren. Wäre doch schade um so einen Lehrer.

Werner Hinzpeter / print
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