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LEIPZIG: »Ein richtiger Kampf«

Ein Hauch von Brasilien in Leipzig – Capoeira macht?s möglich.

In fließenden Bewegungen schleichen zwei junge Menschen umeinander herum. Eine singende und klatschende Gruppe umringt die beiden, einige spielen auf selbstgemachten Instrumenten. Einer aus der Gruppe singt vor und die anderen antworten, auf Portugiesisch. Sie singen vom Alltag, wie er für die afrikanischen Sklaven in Brasilien aussah. Capoeira.

Hartes Training

Capoeira kommt aus Brasilien. Vor 400 Jahren haben sich westafrikanische Sklaven die tänzerischen Bewegungen ausgedacht, als Tarnung. Denn den Sklaven war es verboten, sich im Kampf zu üben, aber ihre Religion ließen die senhores sie ausüben. Und so wurden die Bewegungen des Kampfes in ein scheinbar harmloses religiöses Ritual gekleidet, Tritte und Abwehr in runde Bewegungen eingebettet. Was den Sklavenhaltern als Ritus einer seltsamen Religion erschien, war in Wirklichkeit hartes Training.

»Ein richtiger Kampf«

Dennis kommt aus Göttingen. Im September hat er die Uni gewechselt und ist nach Leipzig gekommen. Capoeira hat er mitgebracht. »Viele sagen, es sei ein Kampftanz«, sagt er, »aber eigentlich ist es ein richtiger Kampf. Ich will den anderen entblößen, seine Schwächen aufdecken.« Das Wichtigste dabei ist Malicia, weiß Dennis, List.

In Portugal hat Dennis zum ersten Mal Capoeira gesehen und war begeistert. In Göttingen traf er dann auf Maestre Rogerio, der schon seit zehn Jahren Capoeira in Deutschland lehrt. Von ihm hat Dennis »Angola« gelernt, die traditionelle Form des Capoeira.

Als er nach Leipzig kam, gab es hier noch keine Capoeira-Treffen. Zusammen mit seinem Kommilitonen Lars, in dem er einen Gleichgesinnten gefunden hatte, baute er eine Gruppe auf. Jeden Mittwoch kann man die beiden in der Gieszerstraße treffen. Mit dabei: Berimbau und Pandeiro, die beiden wichtigsten Instrumente beim Capoeira.

Der Gesang kommt noch von der Kassette

Der Berimbau sieht aus wie ein großer Bogen, an dem ein Kürbis befestigt ist. Mit einem Stöckchen wird die Sehne in Schwingung gebracht. Das Pandeiro ist ein Schellentamburin. Der Gesang kommt noch von der Kassette, denn alle Capoeiristas in der Gruppe sind Anfänger, portuguiesisch kann keiner. Auch Dennis hat gerade erst angefangen, die Sprache zu lernen.

Als Lehrer im klassischen Sinn sieht Dennis sich nicht: Er und Lars erklären ein paar Übungen, aber die meisten Bewegungen entspringen aus der Fantasie der Teilnehmer. Capoeira ist ein Dialog, ein Frage-Antwort-Spiel: Jede Bewegung ist eine Aufforderung, eine Frage oder eine Provokation. Der andere muss sich darauf eine schlagkräftige Antwort einfallen lassen.

Verschleierte Absichten

Bei Capoeira spielt die Psychologie eine große Rolle. Die Bewegungen sind nicht eindeutig, die Absichten werden verschleiert. Malicia eben. Mit seinen Fähigkeiten spielen. Das ist es, was er gelernt hat, meint Dennis. »Ich gehe anders mit Menschen um. Man lernt, zu kämpfen und zu streiten, aber ich weiß, dass wir trotzdem Freunde sind.« (is)

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