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Medienerziehung: Brauchen Kindergärten Computer?

Der Einsatz von Computern im Kindergarten ist unter Experten und Eltern heftig umstritten. Ein Frankfurter Kindergarten erforscht jetzt, wie Computer die Entwicklung von Vorschulkindern beeinflussen.

Die fünfjährige Michelle malt ein blaues Haus, der vierjährige Moritz einen Nachthimmel mit Feuerwerk und das Bild der gleichaltrigen Luise ist durch und durch türkis. Die drei Kinder aus der Frankfurter Kindertagesstätte (Kita) "Eichhörnchen" haben für ihre Bilder weder Stift noch Pinsel benutzt: Sie sitzen an einer bunten Computer-Station und zeichnen mit der Maus. Der Einsatz von Computern im Kindergarten ist unter Experten und Eltern heftig umstritten. Die Frankfurter Kita ist eine von sechs, an denen erforscht werden soll, wie Computer die Entwicklung von Vorschulkindern beeinflussen.

Darüber gebe es bisher so gut wie keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, sagt der Direktor der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk (LPR), Prof. Wolfgang Thaenert. Ziel des auf zwei Jahre angelegten Modellprojekts sei es, herauszufinden, "ob und wie der Computer in die Kindereinrichtung gehört". "Am Ende erwarten wir Ergebnisse, die wir in der Praxis gebrauchen können." Das Modellprojekt sei in seiner Art im deutschsprachigen Kulturraum einmalig, sagt LPR-Sprecherin Annette Schrieferf.

"Die Kinder haben das Bedürfnis, mit Computern umzugehen"

Michelle, Moritz, Luise und die anderen Kinder aus der Frankfurter Kita präsentieren bei einer Art Dia-Schau am Computer stolz ihre Werke. "Die Kinder sind begeistert. Sie haben das Bedürfnis, mit Computern umzugehen", berichtet Kita-Leiterin Angelika Bauer. Die 42 Hort- und 55 Kindergartenkinder sammeln schon seit rund zwei Jahren erste Erfahrungen an Rechnern.

Nun könnten schon Dreijährige mit der Maus umgehen, weil sie sich das von den Älteren abschauen. "Das fördert die Augen-Hand-Koordination", sagt Bauer. Die anfängliche Sorge, die Kinder könnten zu lange vor dem Computer sitzen, habe sich als unbegründet erwiesen. "Die Kinder steuern sich selbst. Schnell will der nächste dran sein." Länger als maximal 20 Minuten pro Tag arbeite kein Kind an dem Gerät.

"Inwieweit Computer für Vorschulkinder sinnvoll sind, wird heftig diskutiert"

Die Eltern hätten zunächst allerdings vielfältige Ängste gehabt, berichtet Bauer. Viele hätten befürchtet, ihre Kinder säßen zu lange starr vor dem Bildschirm und bewegten sich zu wenig. Manche sorgten sich um die Strahlung des Bildschirms. Medienpädagoge Norbert Neuß von der unabhängigen Einrichtung «Blickwechsel» in Göttingen berichtet dagegen von der Begeisterung vieler Eltern, wenn eine Kita Computer anschafft. Der Erziehungswissenschaftler warnt aber vor einer "trügerischen Geräte-Euphorie": "Es kommt sehr auf die Software und die pädagogische Begleitung an."

"Inwieweit Computer für Vorschulkinder sinnvoll sind, wird heftig diskutiert", sagt der wissenschaftliche Leiter des Modellprojekts, der Hamburger Medienpädagoge Prof. Stefan Aufenanger. "Erste Erfahrungen zeigen, dass die Kinder vor dem Computer sehr kooperativ und kommunikativ miteinander umgehen und sich gegenseitig helfen." Neuß hat beobachtet, dass die Computer die Selbstständigkeit und die Kommunikation der Kinder untereinander fördern. Computer könnten dazu beitragen, die Kindergärten als Bildungseinrichtungen wahrzunehmen, meint er.

Aufenangers Kooperationspartner, der Frankfurter Medienpädagoge Franz Gerlach, verspricht sich für die ganz Kleinen noch nicht all zu viel von den Computern: "Mit viereinhalb Jahren entwickeln Kinder erst ein stärkeres Interesse." Jüngere Kinder wollten eher zuschauen, ihr Interesse am Computer sei noch nicht von langer Dauer. Außerdem sei es für die Dreijährigen beim Start im Kindergarten viel wichtiger und interessanter, erst einmal einen festen Kontakt zu den Erziehern und den anderen Kindern aufzubauen.

Ira Schaible, dpa

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