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Sprachdefizite: "Kinder brauchen ein sprachanregendes Milieu"

Sprachdefizite bei Schülern haben unterschiedliche Ursachen: Zu wenig Kommunikation in der Familie, fehlende Sozialkontakte, zu viel Fernsehkonsum, schätzen Experten.

Eine Schlagzeile sorgte vor einigen Jahren für Wirbel: Jedes fünfte Kind leide unter Sprachentwicklungsstörungen, ergab eine Untersuchung des Mainzer Kommunikationsforschers Manfred Heinemann. Wie sich solche Defizite auf Schulleistungen auswirken können, zeigte anschaulich die PISA-Studie. Die Ursachen für Sprachprobleme sind unterschiedlich: Zu wenig Kommunikation in der Familie, fehlende Sozialkontakte, zu viel Fernsehkonsum, schätzen Experten.

"Kinder brauchen ein sprachanregendes Milieu", sagt Barbara Kochan, Professorin am Institut für Sprache und Kommunikation an der Technischen Universität Berlin. Sie müssten die Erfahrung machen, dass sie mit Sprache etwas bewirken könnten und ernst genommen würden: "Es muss relevant für sie sein." Viele Fördermaßnahmen - zum Beispiel Wortschatzübungen für Kinder - seien deshalb nicht nachhaltig genug.

Besser ist die so genannte "indirekte Korrektur"

Wichtig sei es auch, zu verstehen, wie Sprache gelernt werde, erklärt Kochan. Viele Pädagogen gingen davon aus, dass Kinder durch Nachahmen lernten. "Aber sie tun sehr viel mehr als das. Sie sind auf der Suche nach einer Regelhaftigkeit", sagt die Wissenschaftlerin. Sie erläutert dies an einem Beispiel: Einige Kinder machen aus dem Wort "Hund" in der Mehrzahl "Hünde" - nach dem Vorbild anderer Pluralformen. Oder "gegeht" statt der korrekten Form "gegangen". Hier übertragen Kinder ihre Erfahrungen mit anderen gebeugten Verben - "kaufen - gekauft" oder "spucken - gespuckt".

Das Kind habe in diesem Fall zwar eine falsche Form gewählt, aber eine eigenständige Denkleistung vollbracht, sagt Kochan. Deshalb sei es nicht richtig, ihm einfach nur zu sagen: "Das ist falsch." So etwas verunsichere ein Kind, und dabei "hat es eine völlig richtige Strategie genutzt". Besser sei die so genannte indirekte Korrektur - zum Beispiel den Satz, den das Kind gesagt hat, aufzugreifen und das entsprechende Wort in der richtigen Form zu wiederholen.

Erwachsene sollten 50.000 bis 100.000 Wörter kennen

Eltern rät die Wissenschaftlerin, möglichst viel mit ihren Kindern zu reden und sie auch zum Erzählen zu ermuntern. Handlungen sollten sprachlich begleitet werden ("Jetzt nehme ich das Messer und schmiere dir ein Brot"). Zugleich müsse Kindern die Bedeutung von Sprache bewusst gemacht werden. "Kinder müssen die Erfahrung machen, wozu Buchstaben taugen, und sie taugen dazu, mir meine Gedanken aus dem Kopf zu holen und anderen zu zeigen", sagt sie. Auch Computer können hilfreich sein, "aber es kommt sehr auf die Qualität der Software an", erklärt Kochan, die selbst an der Entwicklung von Lernprogrammen mitgearbeitet hat.

Es gibt eine Reihe von Instrumenten, mit denen die Sprachkenntnisse und der Wortschatz Heranwachsender untersucht werden können. In Berlin mussten sich Kinder eine Zeit lang vor der Einschulung dem Test "Bärenstark" unterziehen - er wird derzeit gerade überarbeitet. Verbreitet sind auch Verfahren wie der Aktive Wortschatztest, der an der Universität Göttingen neu entwickelt wird. Experten gehen davon aus, dass Kinder im Alter von sechs Jahren rund 14.000 Wörter kennen und 5.000 bis 9.000 aktiv benutzen sollten. Erwachsene sollten über einen Wortschatz von 50.000 bis 100.000 Begriffen verfügen. Die deutsche Sprache hat einen Umfang von 300.000 bis 500.000 Wörtern.

Susanne Gabriel, AP

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