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Sprache: Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung gestört

Günter Grass wird niemals "Kuss", "lieb haben" oder "Schlussstrich" schreiben. Wenn sich jedoch ein Schüler an der Orthografie des Literatur-Nobelpreisträgers orientiert, greift sein Lehrer zum Rotstift.

Günter Grass wird niemals "Kuss", "lieb haben" oder "Schlussstrich" schreiben. Wenn sich jedoch ein Schüler an der Orthografie des Literatur-Nobelpreisträgers orientiert, greift sein Lehrer zum Rotstift. Die am 1. Dezember 1995 beschlossene und zum 1. August 1998 in Kraft gesetzte Rechtschreibreform hat dazu geführt, dass es keine einheitliche deutsche Schriftsprache mehr gibt. Ein Ausweg könnte ein Kompromissvorschlag der Akademie für Sprache und Dichtung sein.

Bis heute weigern sich die Elite-Schriftsteller vehement, das neue Regelwerk anzuerkennen. Während sie bei den Normen bleiben, die der Duden von 1991 gesetzt hat, ist die reformierte Schreibung in Schulen, Ämtern und bei den meisten Zeitungen in Deutschland, Österreich und in der deutschsprachigen Schweiz längst zum Alltag geworden. Im Jahr 2001 erschienen nach Angaben der Rechtschreibkommission 80 Prozent aller gedruckten Bücher in der neuen Orthografie. Hinzu kommen neben dem neuen Duden zahlreiche Computerprogramme in hohen Auflagen.

Schlussstrich unter das "Reformexperiment" ziehen

Nachdem acht Jahre ins Land gegangen waren, meldeten sich am 19. November die Präsidenten von acht Akademien und rieten in einem Brief an die Kultusministerkonferenz (KMK) zur Rückkehr zu der im Duden von 1991 "kodifizierten Orthografie". Sie wollen einen "Schlußstrich" - keinen Schlussstrich - unter das "Reformexperiment" ziehen und warnen vor einer Anglisierung, aber auch vor einer Antiquarisierung der deutschen Schriftsprache. Vor allem kritisieren sie, dass sich mit dem Gebot der Auseinanderschreibung ein Eingriff vollzogen habe, der sich achtlos über Sinn- wie über Betonungsunterschiede hinwegsetze. "Wer schreibend zwischen einem frisch gebackenen Brötchen und einem frischgebackenen Ehemann nicht mehr unterscheiden kann und darf, der wird bald dahin kommen, sich über alle Zusammenschreibungen hinwegzusetzen", heißt es.

Noch steht die Antwort der KMK aus. Man "prüft sorgfältig", wie zu erfahren war, doch es ist nicht damit zu rechnen, dass die Politik in Deutschland, Österreich und in der deutschsprachigen Schweiz, wo man das "ß" übrigens noch rigoroser als in Deutschland zurückgedrängt hat, jetzt einlenken wird. Der stellvertretende Leiter der international besetzten Rechtschreibkommission, Gerhard Augst, warf den Professoren vor, dass sie sich erst so spät bemerkbar gemacht hätten. Augst betonte, er sei fest davon überzeugt, dass die Reform angenommen worden sei. 90 bis 100 Prozent der Lehrer würden das Reformwerk positiv beurteilen und als eine Erleichterung betrachten, meinte Augst. Die Rechtschreibkommission berät die KMK, die für die Reform in Deutschland politisch verantwortlich ist.

Einigung auf Kompromiss als mögliche Lösung

In anderthalb Jahren soll das neue Regelwerk Gesetz werden. Eine Rückkehr zur Orthografie von 1991, die wieder neue Kosten und Unsicherheiten mit sich bringen würde, scheint unwahrscheinlich. In Deutschland gibt es keine der Academie Francaise in Paris vergleichbare Institution, die in allen Fragen der Sprache entscheidet. Hier entscheiden seit dem Wirken von Konrad Duden die Kultusminister über Rechtschreibfragen.

Einen Ausweg aus der unbefriedigenden Situation sehen Experten im "Kompromißvorschlag" zur Reform der deutschen Rechtschreibung, den Peter Eisenberg im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in diesem Jahr vorgelegt hat. Dessen Übernahme wäre ein bedeutender Fortschritt, erklären die Akademiepräsidenten. Auf der Basis des Entwurfs müssten nach Eisenbergs Ansicht alle gravierenden Einwände gegen die Neuregelung gegenstandslos werden, ohne dass noch einmal eine Kostenlawine auf Schulbuchverlage und Steuerzahler niederginge.

Allerdings sind die Fronten zwischen den Befürwortern und den Gegnern der Reform verhärtet. Eine Nachfrage ergab, dass sich die Rechtschreibkommission der KMK bereits am Titel der Broschüre gestoßen hatte, denn nach der Neuregelung müsste man Kompromiss mit "ss" und nicht mit "ß" schreiben. Und so bleibt am Ende wohl nur, im Interesse einer einheitlichen Rechtschreibung auf das zu hoffen, was Bertolt Brecht in anderem Zusammenhang "die Weisheit des Volkes" genannt hatte.

Jochen Wiesigel, AP

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