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Pflegenotstand: Wer pflegt uns, wenn wir alt sind?

Schon heute herrscht in Deutschland Pflegenotstand, spätestens wenn die geburtenstarken Jahrgänge hilfsbedürftig werden, droht dem System der Kollaps. Der stern nennt fünf Wahrheiten, denen sich Politiker und Pflegeprofis stellen müssen - und sagt, was jeder selbst tun kann.

Sabine Wannags wohnt in einem hübschen Rotklinkerhaus in der Alsterdorfer Gartenstadt. Die Siedlung in Hamburg ist beliebt bei Familien mit kleinen Kindern. "Aber als ich einzog, wohnten fast nur alte Menschen hier", sagt die 47-Jährige. Wenn sie im Sommer morgens barfuß im Garten ihren Kaffee trank, konnte sie den schleichenden Verfall in der Nachbarschaft beobachten: Zuerst bemerkte man es an den Häusern, die leicht verwahrlosten, dann an den Menschen. "Ich fand das schlimm, wie die Alten durch das Viertel schlurften und immer stärker auf Hilfe angewiesen waren", sagt Sabine Wannags. Erst kam der Gärtner, dann Essen auf Rädern, schließlich der Pflegedienst. Damals hat sie sich geschworen: "Das soll mir nicht passieren. So will ich nicht alt werden." Aber wie dann? Von ihrer Tochter erwarten Sabine Wannags und ihr Partner jedenfalls nicht, dass sie sich später für die Eltern aufopfert. "Vielleicht hat sie Lust in Berlin, Sydney oder Los Angeles zu studieren oder zu leben, dann soll sie das auch machen", sagt die Hamburgerin.

Beim Power-Walking mit ihrer Freundin unterhält sie sich oft über das Problem: Beide Frauen sind spät Mutter geworden, beide haben nur ein Kind. "Das ist doch furchtbar für Einzelkinder, sich um zwei alte Eltern kümmern zu müssen", sagt sie. Ihre Kleine ist gerade mal sechs Jahre alt, besucht die 1. Klasse und gehört zu den extrem geburtenschwachen Jahrgängen. Ausgerechnet diese Mini-Generation wird in vier Jahrzehnten ein Heer von rund fünf Millionen Pflegebedürftigen zu finanzieren und versorgen haben -mehr als doppelt so viele wie heute. Sabine Wannags würde ihrer Tochter das gern ersparen. Andererseits: "Ins Heim will ich auf keinen Fall. Dort wird über einen entschieden. Ich entscheide gern selbst." Das sollte sie auch. Denn sie gehört zu einer Generation, über die der Mikrobiologe und Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Peter Gruss, sagt: "Viele von ihnen werden über 80 Jahre alt werden und die Widrigkeiten, wenn nicht sogar Grausamkeiten des Alterns erleiden." Dazu gehört vor allem Demenz - jeder vierte über 80-Jährige und jeder zweite über 90-Jährige erkrankt daran.

Selbstbestimmt und gut versorgt

Dabei ist das Pflegesystem schon heute völlig überfordert. Erst im August löste der offizielle Bericht der Medizinischen Dienste (MDK) über die Qualität der Pflege in Heimen und bei ambulanten Pflegediensten einen Aufschrei der Empörung aus: 370.000 alte Menschen in Deutschland bekommen nicht genug zu essen und zu trinken. Das ist jeder dritte Pflegefall. 240.000 Bewohnern von Heimen drohen Geschwüre und offene Wunden, weil Schwestern sie zu selten umbetten. Ein Albtraum. Sabine Wannags wünscht sich einfach nur, in Würde alt werden zu können. Doch damit das für sie und ihre Generation möglich wird, muss ein radikales Umdenken erfolgen - bei den Anbietern von Pflegeleistungen, in der Politik und bei jedem Einzelnen selbst. Fünf Wahrheiten über die Zukunft der Pflege. Jeden letzten Sonntag im Monat ist Tag der offenen Tür im "Beckenhaus". Dann erzählt die gelernte Erzieherin Gisela Käb den Besuchern ihre Geschichte. Wie sie die ehemalige Bäckerei im fränkischen Walkersbrunn entdeckte und zu einem Mehrgenerationenhaus umbauen ließ. Wie sie Gleichgesinnte für das ungewöhnliche Wohnprojekt fand und wie dort gelebt und gestritten wird.

Die Gäste, die sich im Garten unterm Apfelbaum bei Kaffee und Kuchen versammelt haben, lauschen, nicken. Hartmut ist Single, in fünf Jahren wird er in Rente gehen und will dann nicht allein leben. Gabriele ist mit ihrer besten Freundin gekommen. Beide haben ihre Mütter gepflegt und möchten deren Fehler vermeiden: "Sie haben nie etwas für ihre Zukunft getan." Gisela Käb schon. 1999 gründete sie den Verein "Integratives Wohnen - zu neuen Ufern". Dank einer großzügigen Spende konnte der Verein den Kauf des 375.000 Euro teuren Gebäudes finanzieren. 2002 zogen sieben Menschen ein - unter ihnen ein Pfarrer, eine Lehrerin, ein Zimmermann. Der jüngste Bewohner war 26, die Älteste im Bund mit 88 Jahren Gisela Käbs Mutter, schon damals ein Pflegefall. Eine andere Bewohnerin erblindete. Für sie organisierte die Initiatorin einen Pflegedienst. Eine Bewohnerin kochte, eine andere ging mit den beiden alten Damen spazieren. So konnten beide bis zu ihrem Tod im "Beckenhaus" bleiben. Die Vorstellung, den dritten Lebensabschnitt selbstbestimmt und gut versorgt zu verbringen, zieht immer mehr Deutsche an.

"Wir wollen niemanden mehr aufnehmen, der von vornherein ein Pflegefall ist"

Gerda Helbig, Vorsitzende des Forums Gemeinschaftliches Wohnen (FGW), berichtet: "Wir hatten über 10.000 Anfragen im vergangenen Jahr." Sich gegenseitig zu helfen, das Gefühl, nicht nutzlos zu sein - darin liegt der Charme der neuen Wohnformen. Noch vor hundert Jahren war das Miteinander der Generationen selbstverständlich. Alte wurden in der Familie gepflegt. Heute liegt in Großstädten der Anteil der Single-Haushalte bei 50 Prozent. Unabhängigkeit, die in jungen Jahren trendy und cool ist, erweist sich im Alter als Falle. Den Menschen fehlt das soziale Netz, viele leiden unter Einsamkeit. Integrative Hausgemeinschaften versuchen, das moderne Pendant zur traditionellen Großfamilie zu bilden. Noch gibt es sie nur vereinzelt. Wer ein passendes Projekt sucht, muss meist bereit sein, sein vertrautes Dorf oder Stadtviertel zu verlassen. Renommierte Häuser führen zudem lange Wartelisten - zumindest für ältere Menschen, junge Familien dagegen werden dringend gesucht. "Drei Jahre Vorbereitungszeit sind realistisch", sagt Gerda Helbig. Und empfiehlt, sich schon mit Mitte fünfzig zu kümmern. Schließlich beruht die Hausgemeinschaft auf einem Geben und Nehmen. Martin Merklein, pensionierter Pfarrer und mit 73 Jahren ältester Bewohner des "Beckenhauses", spricht die Wahrheit aus: "Wir wollen niemanden mehr aufnehmen, der von vornherein ein Pflegefall ist."

Ende Oktober ziehen die Webers ein, ein Ehepaar aus Thüringen. Hans-Jürgen, 58, und Heidemarie, 64, empfanden ihr Häuschen in einer Ilmenauer Neubausiedlung als zu "clean", die Nachbarschaft als zu unpersönlich. Die beiden hoffen, im Alter von den Mitbewohnern unterstützt zu werden. "Und solange wir selber helfen können, tun wir das", sagt Heidemarie. Die Webers haben sich rechtzeitig um ihren Wunschplatz gekümmert. Doch glaubt man Thomas Klie, dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie, ist das die Ausnahme: "80 Prozent der über 50-Jährigen machen sich überhaupt keine Gedanken darüber, wie sie später mal versorgt werden wollen." Der Theologe und Jurist ist Initiator eines Wohngruppen-Netzwerkes für Demenzkranke. Dabei teilen sich Pflegekräfte, Angehörige und ehrenamtliche Helfer die Arbeit mit den Altersverwirrten. Künftig werde es immer wichtiger, auf eigene Faust solche sozialen Netzwerke zu knüpfen, ist Klie überzeugt. Denn es gebe immer weniger Junge, und die müssten sich um immer mehr Alte kümmern. "Keine Pflegeversicherung wird diese demografische Lücke auffüllen können, und auch der Staat kann dabei nur begrenzt helfen", sagt Klie.

"SSS"-Pflege - satt, sauber und sediert

Lieselotte Rothmund lebt seit sechs Jahren im Heim. Früher hat die 87-Jährige als Fernmeldetechnikerin gearbeitet und viel Sport gemacht. Auf dem Regal gegenüber von ihrem Bett steht ein Schwarz-Weiß- Foto, das eine junge, attraktive Frau zeigt. Heute machen ihre Beine nicht mehr mit, das Gedächtnis hat Aussetzer, das Sprechen fällt schwer, und von sich selbst sagt Lieselotte Rothmund: "Schön bin i net." "Ich auch nicht", entgegnet Schwester Brigitte, die zur Tür hereinkommt. Sie setzt sich auf die Bettkante der alten Dame und bürstet ihr die Haare aus dem Gesicht. "So, jetzt sind Sie wieder schön." Die Station, auf der Lieselotte Rothmund lebt, hat große Fenster, die Zimmer riechen frisch, jeden Morgen treffen sich einige Alte mit einer Schwester im Aufenthaltsraum zum Kochen, Spielen oder einfach zum Reden. Das St. Thekla Heim in Würzburg ist ein gutes Heim, aber kein besonders teures. 58 Euro kostet der Tag in der Pflegestufe 0, für Menschen die alt, aber noch selbstständig sind. 100 Euro sind es in der Pflegestufe III, für diejenigen also, die so gut wie nichts mehr allein können. Viel Geld - was kann man dafür erwarten?

Im St. Thekla gibt es ein Einzelzimmer mit eigenem Bad, überdurchschnittlich viele Pfleger, die frei von Hilfsaufgaben wie Wäschewechseln und Putzen sind, und die Fachkräftequote liegt bei 70 statt bei den vorgeschriebenen 50 Prozent. In anderen Häusern bekommt der Bewohner für das gleiche Geld nur die berüchtigte "SSS"-Pflege - satt, sauber und sediert. Oder mit anderen Worten, es gibt zu essen, frische Windeln - und eine großzügige Portion Beruhigungsmittel. Peter Pick, Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS), sagt: "Die Heime sind nicht chronisch unterfinanziert, die Frage ist, wie viele Leistungen bei den Bedürftigen ankommen." Einige Heimleiter sparen Geld, indem sie Stellen monatelang nicht besetzen, bei Fortbildungen geizen oder die teuren Matratzen zur Prävention von Druckgeschwüren nicht anschaffen. Wo jemand im Alter landet, gleicht in Deutschland einem Lotteriespiel. Es existieren keine Rankinglisten, die die Leistungen der Heime bewerten. Hans Heidenfelder, Leiter des St. Thekla Heims, erzählt: "Viele Angehörige bringen Listen mit, die sie aus dem Internet ausdrucken.

Qualitätsvergleich in Eigenregie

Oben drüber steht Heim A, B, C, und dann wird abgehakt: Darf man eigene Möbel mitbringen? Wie viele Pflegekräfte arbeiten bei Ihnen?" Es ist der verzweifelte Versuch, einen Qualitätsvergleich in Eigenregie auf die Beine zu stellen. Dabei gibt es die Prüfdaten längst, sie werden nur unter Verschluss gehalten. Der Medizinische Dienst checkt regelmäßig bundesweit Heime und ambulante Pflegedienste. Peter Pick vom MDS fordert: "Jetzt müssen wir auch Ross und Reiter nennen und die Berichte ins Internet stellen." Der erste Versuch scheiterte gründlich. So bot der Medizinische Dienst 500 Heimen, die er kontrolliert hatte, eine verständliche "Laienfassung" an. 160 Heime, also weniger als ein Drittel, gingen auf das Angebot ein. Ganze sechs haben den Bericht ausgehängt oder im Internet veröffentlicht. Helmut Wallrafen- Dreisow, Geschäftsführer der Sozialholding der Stadt Mönchengladbach und ein Kritiker seiner Branche, sagt: "Es bringt überhaupt nichts, in dieses undurchsichtige System noch mehr Geld zu pumpen." Um 6 Uhr morgens beginnt die Schicht von Melanie Komm. Die 36-Jährige arbeitet als examinierte Krankenschwester für den ambulanten Pflegedienst "Lebensbaum" in Hollenstedt bei Hamburg.

Sieben Patienten hat sie heute auf dem Zettel. Die Uhr zeigt 6.20 Uhr, es geht los. Melanies neue Kollegin Andrea Lange, die gerade eingearbeitet wird, drückt das Gaspedal des silberfarbenen Polos durch. Es geht durch niedersächsische Wälder und an Bauernhöfen vorbei. Einer der ersten Patienten an diesem Tag ist Elfriede Schmiedel, 80 Jahre alt. Vor sieben Jahren hatte sie einen Schlaganfall - jetzt fällt ihr jede Bewegung schwer. Melanie hilft beim Eincremen, Anziehen, achtet auf wunde Stellen und prüft, ob Frau Schmiedel genug getrunken hat. Alles passiert zügig, entschlossen, aber nicht hektisch. Nach 15 Minuten ist die alte Dame bereit für den Tag. Und Melanie greift sich die Patientenmappe. Jeden Handgriff, jeden Toilettengang, bei dem sie geholfen hat, jede Tablette, jeden Schluck Wasser muss sie auf den Deziliter genau in die Akte eintragen. Mit Uhrzeit und Unterschrift. Ein Viertel ihrer Arbeitszeit geht allein für die Buchführung drauf. Was nicht eingetragen ist, darf Melanie auch nicht abrechnen. 13,14 Euro zahlt die Pflegeversicherung für die Hilfe beim Duschen und Anziehen. Müsste Frau Schmiedel gekämmt werden, kämen weitere 2,56 Euro dazu, die Inkontinenzversorgung schlüge mit 2,92 Euro zu Buche.

Qualitätsverlust durch Maximierung des Gewinns

Wie viel Zeit einem Pfleger für die einzelnen Arbeitsschritte bleibt, schreibt nicht die Pflegekasse vor. Das ist ein Irrglaube. Die Minutenvorgabe rechnet der jeweilige Pflegedienstleiter aus. Und das macht eben jeder anders. Christian Möller, der Chef von Melanie Komm, sagt: "Manche Unternehmen wollen ihren Gewinn maximieren und setzen die Zeitspanne so niedrig wie möglich an, auch wenn die Qualität darunter leidet." Möller ist gelernter Bankkaufmann, gemeinsam mit seiner Frau, einer Pflegewissenschaftlerin, leitet er den Pflegedienst "Lebensbaum". Die Kombination aus medizinischem und ökonomischem Knowhow ist eher selten. 11.000 ambulante Pflegedienste versorgen in Deutschland rund 470.000 Bedürftige. Gerade kleine Einrichtungen werden oft schlecht gemanagt. Gerd Heming, Vorsitzender des Bundes der Pflegeversicherten, bemängelt: "Bei den Pflegedienstleitern scheint mir organisatorischer Verstand so gut wie gar nicht vorhanden zu sein." Melanie Komm und ihre Kollegin Andrea Lange hingegen belegen alle zwei Monate Fortbildungskurse - mal geht es darum, wie sie Patienten richtig lagern, mal darum, wie sie Druckgeschwüre erkennen und behandeln können, mal um neue Richtlinien der Pflegekassen. Und ihre Patientenbesuche sind gut organisiert.

Bei einem ihrer früheren Arbeitgeber sei das ganz anders gewesen, sagt Melanie Komm. "Da wurden die Termine so eng gelegt, dass man dauernd ins Trudeln geriet." Die Folge: Patienten müssen warten, egal, ob ihre Windeln voll sind oder sie längst ihre Medikamente hätten einnehmen müssen. Unter solchem Zeitdruck wird auch schnell mal gepfuscht und getrickst. Da wird aus dem wöchentlichen Duschen ein schnelles Abwischen mit dem Lappen. Und keiner merkt etwas -weil der Patient dement ist und es vergisst oder weil er sich nicht traut, gegen seine Pfleger aufzubegehren. Walter Hirrlinger, Präsident des Sozialverbandes VdK, sagt: "Der Pflegeskandal ist hausgemacht. Die Kassen zahlen blind, statt ernsthaft zu kontrollieren, ob die Pflegedienste die bezahlten Leistungen auch erbringen." Eva Lütgens lebt oft in der Vergangenheit. Dann erzählt sie von den Grenzern, dem Zaun und dem Wachturm. Die ehemalige Trennlinie zwischen Ost- und Westdeutschland verlief entlang der Elbe, direkt vor dem Pferdezuchthof ihrer Familie in der Nähe von Lüneburg. Zu den DDR-Grenzbeamten habe sie einmal rübergerufen: "Wer es nicht anders kennt, der findet es auch in der Hölle schön", erzählt die alte Dame.

"Bis mein bulgarischer Engel kam, war ich ein Wrack"

Dann fragt sie ihre Tochter: "Heidemarie, hilf mir mal! Was habe ich zu den Grenzern gesagt?" Heidemarie Gaede seufzt. "So ist das bei Mutter. Manchmal hat sie sehr gute Momente und dann ist sie wieder vollkommen durcheinander." Eva Lütgens ist demenzkrank und hat Parkinson. Vor zweieinhalb Jahren ist sie nachts im Bad gestürzt und schrie um Hilfe. Da war der Tochter klar: Mutter kann unmöglich den ganzen Tag allein zu Hause bleiben. Eine ambulante Tagespflege hätte 3.000 Euro im Monat gekostet - unbezahlbar für die Gymnasiallehrerin. In der Zeitung las Heidemarie Gaede von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV). Die ZAV vermittelt osteuropäische Hilfen an Haushalte mit Pflegebedürftigen. Heidemarie rief an und bekam nach einigen Wochen Telefonnummern. "Bis mein bulgarischer Engel kam, war ich ein Wrack. Ich wusste nicht mehr, was Feierabend ist." Der Engel heißt Greta Georgiewa, ist 39 Jahre alt und ausgebildete Krankenschwester. Jetzt lebt der Engel in einem eigenen Zimmer bei Heidemarie Gaede und ihrer Mutter. Sie duzen sich und sind Freundinnen geworden.

Doch Greta vergisst nicht, warum sie hier ist: Sie braucht Geld für ihre Kinder. Die wohnen bei der Großmutter in Bulgarien. 900 Euro zahlt Gaede für Greta, Unterkunft und Essen sind frei. Nach Abzug der Sozialabgaben bleiben der Bulgarin 430 Euro. Das ist immer noch das Doppelte von dem, was sie in ihrer Heimat als Krankenschwester verdienen würde. Rund 100.000 Frauen aus Polen, Tschechien, Bulgarien und Ungarn arbeiten hierzulande als „haushaltsnahe Dienstleister“. Die meisten arbeiten schwarz, ein Teil kommt über Vermittlungsagenturen ins Land. Unternehmen mit Namen wie "24h rundumsorgt" oder "Seniocare24" werben mit einer Rund-um-die-Uhr- Betreuung für 1.200 bis 2.000 Euro im Monat. Die Osteuropäerinnen dürfen nur "waschen, putzen, kochen und sonstige anfallende Hausarbeiten" übernehmen. Auf keinen Fall Verbände wechseln, Tabletten geben, Menschen waschen. Eigentlich. Was hinter den geschlossenen Haustüren wirklich passiert, geht nur die Betroffenen etwas an. Denn kontrollieren dürften nur Zollbeamte mit Durchsuchungsbefehl.

"Wer zahlt eigentlich für mich, wenn ich mal nicht mehr kann?"

Den deutschen Pflegediensten ist die Billigkonkurrenz aus dem Osten ein Dorn im Auge. Sie warnen vor Lohndumping und Qualitätsverlust. Pflegeexperte Claus Fussek hält die Debatte für scheinheilig. "Wenn eine 75-Jährige ihren 90-jährigen Mann Tag und Nacht pflegt, fragt auch niemand, ob sie qualifiziert ist." Vor zwei Monaten versuchte der Wirtschaftsprofessor Norbert Meiners unter dem provozierenden Namen "McPflege" das Geschäftsmodell der Vermittlungsagenturen auf die Spitze zu treiben. Mit osteuropäischem Personal und zu Discountpreisen von zwei Euro die Stunde wollte er den deutschen Pflegemarkt umkrempeln. Denn Demenzkranke brauchen zwar Aufsicht, aber keine Rund-um-die- Uhr-Betreuung durch eine teure Fachkraft, so Meiners Analyse. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi lief Sturm. Es sei skandalös, "dass Gesellschaft und Staat das Lohndumping und die Ausbeutung von Wanderarbeitern in Kauf nehmen". Nach zehn Tagen Medienrummel verschwand das Unternehmen spurlos von der Bildfläche.

Das Problem dagegen blieb. Eine praktikable Lösung ist nicht in Sicht. "Wer zahlt eigentlich für mich, wenn ich mal nicht mehr kann?", fragte sich Ludwig Götz, als seine Mutter vor neun Jahren ins Pflegeheim kam. Von ihrer kleinen Rente allein hätte sich die damals 85-Jährige das Haus nicht leisten können. Zunächst brauchte sie ihre Ersparnisse auf, dann schoss Sohn Ludwig Geld dazu. Am Anfang ein paar Hundert Mark, zuletzt gut 500 Euro monatlich. Er hat es gern getan. Und spart inzwischen selbst Geld, damit er und seine Frau sich später einen Platz im Heim leisten können. Der ehemalige Siemens- Abteilungsleiter rechnet mit mindestens 6.000 Euro im Monat in der höchsten Pflegestufe. "Je nachdem wie sich die Preise entwickeln, wenn es einmal so weit ist", sagt Götz. Knapp die Hälfte der Kosten könnte die Pflegekasse übernehmen, für den Rest müssen seine Rücklagen reichen. "Und zur Not können wir immer noch unser Häuschen verkaufen", sagt er. Ganz so schlimm wird es wohl nicht kommen. Denn der 71-jährige Ludwig Götz gehört noch zu den Profiteuren der Pflegeversicherung, die 1995 vom damaligen Arbeitsminister Norbert Blüm eingeführt wurde.

Gute Pflege wird bestraft und schlechte belohnt

Hauptziel war nicht die Vorsorge für die Zukunft, sondern die Entlastung der Gemeinden, die bis dahin per Sozialhilfe für viele Heimfälle aufkommen mussten. Die Pflegekasse funktioniert ähnlich wie die staatliche Rentenversicherung - von der Hand in den Mund. Die Einnahmen werden nicht angespart, sondern sofort ausgezahlt. Für Götz und seine Generation ist dieses Umlageverfahren ein Vorteil: Leistungen gibt es auch ohne jahrzehntelange Beitragszahlung. Für die heute 30- bis 50-Jährigen sieht die Rechnung schlechter aus. Entweder die Beiträge explodieren, oder die Leistungen werden zusammengestrichen. Der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen von der Universität Freiburg sagt voraus: "In 20 bis 30 Jahren zahlen nicht mehr 50 Millionen Menschen, sondern nur noch knapp 40 Millionen Beiträge ein, gleichzeitig verdreifacht sich die Zahl der Bedürftigen. Spätestens dann wird das System zusammenbrechen." Wenn überhaupt, können die heute Jungen nur noch mit einer Minimal-Unterstützung aus der Pflegekasse rechnen.

Sie müssen selbst eine Rücklage ansparen und damit am besten noch früher anfangen als Ludwig Götz (siehe Tabelle auf Seite 192). Experten wie Raffelhüschen fordern seit Langem die Einführung einer privaten, kapitalgedeckten Pflichtversicherung, die das umlagenfinanzierte System ablösen oder zumindest ergänzen soll. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt lehnt den radikalen Umbau der staatlichen Pflegeversicherung kategorisch ab. Doch ein harter Schnitt ist kaum zu vermeiden - nicht nur, weil der finanzielle Kollaps droht. Inzwischen sind auch die unerwünschten Nebenwirkungen der Blüm’schen Therapie unübersehbar: Die Pflegekräfte ersticken in Bürokratie, und mit der Einstufung der Alten in unterschiedliche Pflegeklassen wurde ein System geschaffen, das gute Pflege bestraft und schlechte belohnt. Die Mutter von Ludwig Götz etwa kam als leichter Pflegefall der Stufe I ins Heim. Dann hat sie sich dank einer intensiven Betreuung wieder berappelt. Sofort wurde die alte Dame zurückgestuft, und das Heim bekam ein paar Hundert Euro monatlich weniger. Die gute Arbeit war rein finanziell gesehen ein Verlustgeschäft.

Das System fördert das Kranke und hemmt das Heilende

Fatale Folge der Fehlkonstruktion: In manchen Heimen werden die Alten regelrecht in die Betten gepflegt, weil sie so mehr Geld bringen. "Das System ist pervers", sagt der Pflegeexperte Claus Fussek. "Es fördert das Kranke und hemmt das Heilende." Fünf Wahrheiten über den Zustand der deutschen Altenpflege. Fünf Beispiele, die zeigen, es muss mehr passieren, als weitere Milliarden ins System zu stecken. Nötig ist ein radikales Umdenken - bei den Anbietern von Pflegeleistungen, in der Politik und bei jedem Einzelnen. Die schärfste Waffe im Kampf gegen die unhaltbaren Zustände des jetzigen Pflegesystems sind mehr Transparenz und Offenheit. Dazu gehört auch, dass Pflegeunternehmen Auskunft geben müssen, wofür sie ihre Einnahmen verwenden. Gefragt ist aber vor allem die Initiative der heute 35- bis 55-Jährigen. Sie müssen Konzepte entwickeln, wie sie im Alter leben wollen, Netzwerke knüpfen, Geld zurücklegen und rechtzeitig anfangen, ihre Ideen umzusetzen. Haben Sie schon mal überlegt, wie Sie im Alter leben möchten? Tun Sie es, bevor es jemand anderes für Sie tut.

Steffen Ermisch, Silke Gronwald, Roman Heflik, Doris Schneyink; Mitarbeit: Elke Schulze

Was private Pflegeversicherungen taugen

Die Versicherungswirtschaft wirbt eifrig für private Pflege-Policen. Es gibt sie als Pflegerenten-, Pflegekosten- oder Pflegetagegeldversicherung. Am ehesten rechnet sich die Tagegeld-Police, die ab dem ersten Tag der Bedürftigkeit (stationär oder zu Hause) einen festen Betrag auszahlt. Doch generell gilt: Für den Pflegefall lässt sich auch ohne Versicherung vorsorgen. Und: Wird der Sparer nie pflegebedürftig, ist das Ersparte - anders als die Prämie einer Police - nicht verloren.

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