SCHULMÜDIGKEIT Eine halbe Million Schüler schwänzen regelmäßig


Regelmäßig bleiben rund eine halbe Million Schüler dem Unterricht fern. An Haupt- und Sonderschulen fehlen durchschnittlich zehn bis 20 Prozent mehrere Stunden in der Woche unentschuldigt.

Das weit verbreitete Phänomen der Schulmüdigkeit wird nach Einschätzung der Bertelsmann Stiftung und der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung von der Bildungspolitik bislang zu wenig beachtet. Rund eine halbe Million Schüler schwänzen regelmäßig den Unterricht. Jährlich verlassen mehr als neun Prozent der Schüler eines Altersjahrgangs die Schule ohne Abschluss. An Haupt- und Sonderschulen fehlen durchschnittlich zehn bis 20 Prozent der Schüler mehrere Stunden in der Woche unentschuldigt. Angesichts dieser dramatischen Zahlen haben beide Stiftungen Strategien gegen die Schulmüdigkeit von Kindern und Jugendlichen entwickelt.

Schulmüdigkeit kennt viele Auffälligkeiten. Dazu gehören Lernunlust, Aufmerksamkeitsverweigerung durch Schlafen, Träumen, zu spät kommen oder regelmäßiges Vergessen von Arbeitsmaterialien. Weitere Merkmale können sein, dass Hausaufgaben nicht erledigt werden, der Unterricht durch »Blödsinn« oder »Krach« regelmäßig gestört wird, Lehrkräfte provoziert werden, schulische Regeln missachtet werden und häufig der Unterricht geschwänzt wird. Am Ende dieser Kette steht oft der Schulabbruch.

»Schulmüdigkeit entsteht nicht über Nacht, sondern ist fast immer das Ergebnis eines Prozesses zunehmender Entfremdung von der Schule mit vielen Zwischenstationen«, erklärt Dr. Annette Czerwanski von der Bertelsmann Stiftung. Die Gründe dafür seien vielfältig: Ein anregungsarmes Umfeld in den ersten Lebensjahren, Sprachprobleme, eine starke Über- oder Unterforderung in der Schule, Leistungsmisserfolge, die zu wiederholtem Sitzenbleiben und Schulwechsel führen oder Krisen in der Familie.

Schul- und Lebenswelten driften immer weiter auseinander

Befragungen unter Kindern und Jugendlichen haben ergeben, dass Schüler die Entfremdung der Schule von der Lebenswirklichkeit beklagen. Schulwelt und Lebenswelten driften immer weiter auseinander. Interesse besteht dagegen an Ausflügen, Klassenfahrten und praktischen Erfahrungen außerhalb der Schule. Schüler mahnen die Verwertbarkeit für das eigene Leben an. Sie beanspruchen den Praxisbezug im Kontext von Tierhaltung, Gartenbau, Reparatur von elektrischen Geräten, Herstellung von Produkten oder Erbringung sozialer Dienstleistungen.

Notwendig ist daher nach Auffassung von Experten beider Stiftungen eine ganzheitliche frühkindliche Förderung und eine neue Lernkultur: Die Schule muss sich dem Leben öffnen und die Praxis in die Schule holen. Außerschulische Lernorte und Partner müssten die Bildungsarbeit an Schulen ergänzen. Kommunikations-, Erfahrungs- und Experimentierräume mit interessanten und für Jugendliche attraktiven Angeboten müssten geschaffen werden: Technik, Design, Sport, Kunst, Musik, neue Medien, neue Sprachen, Schülerclubs und Spiel - in diesen Bereichen können Schüler Stärken entdecken, Lernmotivation kann wieder entstehen. Die Schulsozialarbeit sollte an der Schnittstelle von Jugendhilfe und Schule umfassende Beratung bei individuellen Problemen in Familie und Schule anbieten, wie es z.B. in Darmstadt im Projekt »KOMM« der Hertie-Stiftung geschieht. Die Arbeit mit Eltern, Konfliktbehandlung und Übergangshilfen von der Schule in den Beruf seien weitere wichtige Aufgaben.


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