StartUp-Werkstatt 2004 Wir sind die neuen Chefs


Über 6.000 Schüler spielten mehrere Monate lang Unternehmer bei der StartUp-Werkstatt. Von ihren Ideen, ihrem Teamgeist und ihrem Optimismus kann sich jeder etwas abgucken.

Die Idee lieferte Omas Schusseligkeit: Fast täglich verlegte die alte Dame ihre Augengläser. Dann begann die immer gleiche Suche. Zwischen den Zeitungen. Unter den Sofakissen. In den Schubladen. "Es wäre doch toll", dachte sich ihr Enkel Philipp, 18, "wenn es ein Gerät gäbe, das ihr diese Arbeit abnehmen könnte."

Ein Gerät, das alles sofort wiederfände - ein "Easyfinder". Und das ginge so: Ob Brille, Schlüsselbund oder Kuscheltier - jedes Objekt mit Drang zum Verschwinden erhält einen winzigen Markierungsstreifen, den ein Handteller großer Peilsender im Umkreis von 30 Meter orten kann. Die Fernbedienung für häusliche Chaoten sozusagen. Was für ein Markt! Mindestens 36 Euro je Gerät sollten sich damit erlösen lassen.

Die Aufgabe: ein überzeugendes Geschäftskonzept

Gedacht, getan: Philipp, Schüler der Klasse zwölf am Kasseler Engelsburg-Gymnasium, entwickelte den elektronischen Spürhund gemeinsam mit seinen Mitschülern Joanna, Veronika und Jan. Den Anlass dafür lieferte die StartUp-Werkstatt, Deutschlands größtes Existenzgründer-Planspiel für Schüler, organisiert vom stern, den Sparkassen, der Unternehmensberatung McKinsey und dem ZDF. Die Aufgabe für die Teilnehmer lautete, innerhalb von vier Monaten ein überzeugendes Geschäftskonzept für ein eigenes, allerdings virtuell bleibendes Unternehmen in allen Details auszuarbeiten. Der Businessplan des hessischen Quartetts begeisterte die zehnköpfige Jury am stärksten. Lohn der Mühe: Platz eins bei der Siegerehrung vergangene Woche in Hamburg.

Zum fünften Mal öffnete die StartUp-Werkstatt in diesem Jahr - und nie war der Andrang größer. 1.050 Teams aus ganz Deutschland mit jeweils bis zu sechs Mitgliedern reichten Vorschläge ein, im Jahr zuvor waren es nur 850 gewesen. "Dies ist eine Chance, bereits bei jungen Menschen in Deutschland unternehmerisches Potenzial zu wecken und frühzeitig zu fördern", lobte Wirtschaftsminister Wolfgang Clement die Big-Business-Simulation.

Die Schüler müssen hart ran

Deutschland, das traditionell vom Mittelstand lebt, kann mutige Macher gut gebrauchen: Die Zahl der Unternehmensgründungen stagniert. Laut der internationalen Fachstudie Global Entrepreneurship Monitor machten sich im vergangenen Jahr gerade einmal 35 von 1.000 Erwachsenen selbstständig, insgesamt 1,6 Millionen. Damit landete die Bundesrepublik im globalen Vergleich auf Platz 17.

Die Schüler müssen hart ran, um ihre virtuelle Firma anhand von neun Aufgaben unter realen Bedingungen in allen Einzelheiten zu planen: Fördermittel beantragen, Personalkosten berechnen, den Zeitpunkt der Gewinnschwelle benennen, eine Werbeanzeige und Homepage gestalten, die Führungspositionen untereinander aufteilen und eine Unternehmenskultur ausarbeiten. "Anfangs haben wir das nicht so richtig ernst genommen", gibt Easyfind-Finanzexpertin Veronika zu. "Aber spätestens mit dem Aufbau der Homepage wurde es richtig heftig", sagt Entwickler Jan. "Und dann hat es wahnsinnig Spaß gemacht."

"Wir wurden gezwungen, uns Gedanken über uns zu machen"

Seit Januar haben die vier mit Hilfe eines Kasseler Unternehmensberaters intensiv recherchiert und diskutiert, Freunde und Verwandte mit Marketingfragen gelöchert, gerechnet und getextet. Weil die Schulzeit dafür nicht ausreichte, hockten sie auch am Wochenende bis zu sieben Stunden täglich zusammen, stopften eine Menge Kuchen in sich hinein und brüteten vor dem Computermonitor. "Wir haben stundenlang an den Formulierungen gefeilt", sagt Joanna, die Geschäftsführerin. Zum Schluss reichten die Schüler einen 16seitigen, eng beschriebenen Businessplan ein - in Profiqualität, wie selbst die McKinsey-Experten einräumen.

Vom Teamgeist der Gründerzeit schwärmen fast alle Teilnehmer, die es unter die ersten zehn geschafft haben. "Wir wurden gezwungen, uns Gedanken über uns zu machen - das war die tiefste Erfahrung", sagt Philipp. Das Geheimnis des Erfolgs? "Wir sind ganz verschiedene Typen, das hat die richtige Mischung ergeben", sagt Joanna. Toleranz und Vertrauen sowie die Fähigkeit, auch Kompromisse zu schließen, hätten sie zusammengeschweißt.

"Ein demokratisches Verhältnis unter Gründern ist extrem wichtig"

Einer für alle, alle für einen - mit diesem Selbstverständnis gehören die Schüler in der Geschäftswelt eher zu einer Minderheit. Meetings sind dort selten basisdemokratische Veranstaltungen, und bei Geld hört so ziemlich jede Freundschaft auf. Vergangenes Jahr avancierte "Schluss mit lustig!", ein Management-Buch von der 31-jährigen Judith Mair, Chefin einer Kölner Werbeagentur, zum Bestseller. Ihr Credo: strikte Regeln, verbindliche Arbeitszeiten, Arbeitskleidung tragen, Duzen ist tabu. Auch in diesem Jahr führen eher Hardliner-Titel die Verkaufslisten für Wirtschaftsbücher an, etwa "Führen, Leisten, Leben" von Management-Professor Fredmund Malik. Für ihn ist ausgeprägtes Teamworking ein Zeichen schlechter Organisation.

Doch von solchen manchmal im Befehlston vorgebrachten Lehrsätzen aus der Realität lassen sich die Nachwuchsunternehmer nicht beeindrucken. "Ein demokratisches Verhältnis unter Gründern ist extrem wichtig", sagt auch Gorana, "richtig dominant war in unserem Team niemand." Dann muss sie lachen, weil sie meistens das Wort führt. Die 20-jährige Schülerin von der Berufsbildenden Schule 11 in Hannover und ihre Mitstreiter Isabel, Sabine, Matthias und Ali schafften den Sprung unter die Top Ten. Ihr Unternehmen "Single Paradise" will Menschen, die alleinstehend, wohlhabend und zwischen 30 und 40 sind, auf einsamen Inseln zusammenführen. Als potenziellen Geschäftspartner haben die Schüler den Reisekonzern Tui gewonnen.

"Wir wollten die höchste Punktzahl erreichen und haben deshalb alle an einem Strang gezogen"

Die Idee für die Firma lag auf der Hand: Drei der fünf Gründer sind ohne Partner. "Wir hätten natürlich auch eine Döner-Bude aufmachen können", grinst Ali, der Finanzmann, der nach Schulschluss im Restaurant seines Vaters als zweiter Chef arbeitet. "Aber das wäre zu langweilig gewesen."

Der Wertekatalog von Single Paradise ähnelt dem des Kasseler Teams Easyfind. Er klingt wie die Botschaft eines John-Lennon-Songs, gepaart mit deutschen Primärtugenden: Zusammenhalt, freie Meinungsäußerung, Gerechtigkeit sowie Pünktlichkeit und Fleiß. "Wir wollten die höchste Punktzahl erreichen und haben deshalb alle an einem Strang gezogen", sagt Verwaltungschef Matthias in der Diktion eines Kommunalpolitikers. Der 18-Jährige engagiert sich in seiner Freizeit für die CDU im Jugendparlament Hannover Südstadt-Bult. "Unser künftiger Bundespräsident", frotzelt Ali.

"Nicht Angst, Respekt ist wohl das bessere Wort"

Einen spannenden Job bekommen - davon träumen alle Top-Ten-Teilnehmer. Beispielsweise das Team "Quick 'n' Fit" aus dem hessischen Schlüchtern, das ein Fast-Food-Restaurant mit kerngesunder Kost aufmachen will. Oder das Team "Sesam" aus dem sächsischen Borna, dessen funkbetriebener Haustüröffner tütenbeladene Hausfrauen und -männer nicht im Regen stehen lassen soll. Oder das Quartett des Robert-Gerwig-Gymnasiums in Singen bei Konstanz mit seiner ambitionierten Jugendzeitung "That's it", die Leser ab zwölf Jahren ansprechen soll.

Was aber, wenn es nach Schule oder Studium ernst wird? Glüht dann das Gründerfieber noch? Machen sich die StartUp-Werkstatt-Siegerteams gleich auf die Suche nach einer geeigneten Garage - wie einst Bill Hewlett und Dave Packard, die Väter des Computerkonzerns HP? "Mhm", murmeln die fünf Jungmanager vom Team "Malarevan" aus Ratzeburg bei Lübeck in die Runde. "Ich denke, die Angst vor der Wirtschaft ist bei uns noch größer als das Vertrauen in sie", sagt Martin, der Forschungschef. "Nicht Angst, Respekt ist wohl das bessere Wort", korrigiert ihn Lara, die das Marketing verantwortet. Sie hätte gern mehr Betriebswirtschaftslehre im Unterricht, damit sich der Respekt in Mut umwandelt.

"Aber hätten wir das Geld, dann würden wir es versuchen"

Selbst ihre eigene pfiffige Produktidee kann ihre Zweifel am Unternehmertum nicht ausräumen. Dabei hat die 3,49 Euro teure Zahnbürste "Press'n Putz" mit integrierter Zahncreme, die auf Knopfdruck dosiert auf die Borsten spritzt, nach Ansicht der Jury echtes Marktpotenzial. Einen Versuch wäre es wert, die Chancen für Jungunternehmer stehen in Deutschland gar nicht schlecht: Jede zweite Neugründung ist nach fünf bis sechs Jahren noch immer am Markt, wie die Kreditanstalt für Wiederaufbau herausgefunden hat. Erfreulich ist auch die hohe Zahl der jungen Gründer: 2,3 Prozent aller 14- bis 19-Jährigen haben 2003 im Haupt- oder Nebenerwerb den Start in die Selbstständigkeit gewagt.

Dennoch will Eva, die Malarevan-Geschäftsführerin, erst einmal Jura studieren oder Exportkauffrau werden. Martin neigt zum Studium der Politikwissenschaft: "Die Bürokratie hat uns wahrscheinlich den größten Teil unseres Gründergeistes geraubt", sagt er. "Ich glaube, ich würde lieber in China ein Geschäft eröffnen als hier", sagt Controllerin Anna nach wochenlanger Recherche bei Banken und Behörden.

"Aber hätten wir das Geld, dann würden wir es versuchen", schwört Lara, und ihre Kollegen nicken. Als Team - versteht sich. Schließlich lautet die verbriefte Unternehmensphilosophie von Malarevan: "Together for success."

Rolf-Herbert Peters print

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