Strom und Wasser Abzocke beim Ablesen


Das lukrative Geschäft für das Ablesen der Strom- und Wasserzähler teilen sich in Deutschland eine Handvoll Anbieter. Diese erwirtschaften Millionengewinne. Aber die wettbewerbsschädliche Struktur belastet vor allem den Geldbeutel der Verbraucher.
Von Klaus Max Smolka

Einer der beiden Marktführer für das Ablesen von Energie- und Wasserverbrauch hat die wettbewerbsschädliche Struktur der Branche offengelegt. Der deutsche Markt habe sich "in eine oligopolistische Struktur entwickelt", schreibt Ista in einem vertraulichen Papier, das der "Financial Times Deutschland" vorliegt. Zusammen mit Techem beherrscht der Konzern mehr als die Hälfte des deutschen Markts, ist aber auch im Ausland aktiv. Das Oligopol, die Dominanz von wenigen Anbietern, trage dazu bei, operative Gewinnmargen von "vor Sonderposten über 40 Prozent zu erzielen". In seinem profitabelsten Markt Deutschland erzielt Ista rund die Hälfte des Umsatzes von 600 Mio. Euro - erwirtschaftet damit aber drei Viertel des Gewinns.

Kundenfeindliche Marktstruktur

Das Dokument ist das Eingeständnis einer kundenfeindlichen Marktstruktur. Die Aussagen stammen aus einem Papier, das Ista für Kaufinteressenten erstellt hat. Zudem erklärt es die enormen Preise, die Finanzinvestoren für die lange Zeit unbeachteten Ablesefirmen zahlen. Sie rechnen in Miethäusern Heizkosten der einzelnen Parteien ab und erstellen die Rechnungen. So ging Ista gerade für 2,4 Mrd. Euro einschließlich Schulden von CVC an Charterhouse - das ist das Vierfache des Jahresumsatzes - und entspricht damit einem noch höheren Multiplikator, als er etwa in der schon sehr teuren Pharmabranche üblich ist. Um Techem bemüht sich der australische Fonds Macquarie. Ista schrieb das Memorandum zusammen mit den Banken Goldman Sachs und Deutsche Bank, die den Verkaufsprozess betreuten.

Das Papier bringt die Branche in Erklärungsnot. "Es gibt kein Oligopol", sagte ein Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Heiz- und Wasserkostenverteilung. Er verweist auf eine Studie vor einigen Jahren, wonach es mindestens 100 bis 150 kleine und große Anbieter gebe.

Zahlende in schwacher Position

Ähnlich verteidigen sich auch andere Branchen wie die der Stromanbieter oder Industriegasehersteller, in denen Kunden sich über geringen Wettbewerb beschweren. Verhandlungspartner der Ablesefirmen sind die Vermieter - die holen sich ihre Auslagen von den Mietern zurück. In einigen Märkten wie Deutschland würden die gesamten Kosten einschließlich der für die Ausrüstung auf die Mieter abgewälzt, schreibt Ista. "Das hat relativ niedrige Preissensibilität unter Immobilienverwaltern zur Folge." Die tatsächlich Zahlenden sind in einer schwachen Position: "Die große Zahl der Kleinkunden steigert noch die beobachtete Preisstabilität im Ablesemarkt, denn die Berechnung für diese Kunden ist weit weniger transparent, und sie haben weniger Verhandlungsmacht als große Profikunden."

Kartellamt kann nicht einschreiten

Peter Kafke, energietechnischer Referent beim Verbraucherzentrale Bundesverband, sagte, zwar müssten Vermieter darauf achten, Heiz- und Erfassungskosten wirtschaftlich zu gestalten. "Wenn sich aber alle einig sind, dass alle hohe Preise nehmen, ist das natürlich ein Problem für die Mieter." Ablesefirmen profitieren von der Heizkostenverordnung aus den 70er-Jahren. Sie soll Energiesparen belohnen, indem nicht nur die Wohnfläche, sondern auch der individuelle Verbrauch in die Rechnung eingeht. Das wiederum treibt das Geschäft mit der Einzelberechnung an.

Das Kartellamt teilte mit, es habe keine Handhabe. Es könne nur einschreiten, wenn Firmen fusionieren wollten oder ihre Marktmacht missbrauchten - etwa Wettbewerber behinderten oder Kunden diskriminierten. 2002 untersagte das Amt Ista (damals noch Viterra), den Wettbewerber Minol zu erwerben. In den USA können die Behörden auch bei einer schon bestehenden Dominanz eingreifen und Firmen zerschlagen. "Diese Möglichkeit sieht das deutsche Kartellrecht nicht vor", sagte die Sprecherin. Ista wollte sich nicht äußern.

FTD

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