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Stromkosten: Zechprellerei an der Steckdose

Deutsche Verbraucher weigern sich immer öfter, ihre Stromrechnung zu bezahlen - weil sie entweder nicht zahlen wollen oder nicht können. Die Unternehmen reagieren mittlerweile mit Entgegenkommen.

Ob aus Ärger über immer neue Preisrunden bei Energie oder wegen finanzieller Probleme: Bundesweit zahlen Tausende ihre Rechnungen für Strom und Gas nicht rechtzeitig. Die Schulden der Privatkunden bei den Energieversorgern summieren sich nach Schätzungen auf mehr als hundert Millionen Euro. Die Versorger reagieren mit Mahnbescheiden oder stellen ihre Lieferung kurzerhand ein. Nach Angaben des Bundes der Energieverbraucher wird jährlich im Durchschnitt zwei Prozent der Kunden der Strom gesperrt.

Das regelmäßige Drehen an der Preisschraube ist für den Vorsitzenden des Energieverbraucherbundes, Aribert Peters, ein Grund für die sinkende Zahlungsmoral. Eine Rechnung wegen einer Preiserhöhung ohne Kommentar nicht zu bezahlen, sei jedoch der falsche Weg. "Bei Preiserhöhungen muss schriftlich gegen die fehlende Billigkeit protestiert werden." Diese Rechtsauffassung hätten Gerichte mit ihren Urteilen bestätigt. Wenn dem Kunden der Grund für die Erhöhung nicht detailliert erklärt wurde und er weiterhin den alten Preis bezahlt, darf nach Angaben von Peters keine Stromsperre verhängt werden.

Weit größer ist jedoch der Teil der Kunden, der die steigenden Energiekosten kaum noch bezahlen kann. "Für einkommensschwache Haushalte ist die Energierechnung schon mehr als die zweite Miete", sagt Christian Fronczak, Sprecher des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen. Die Energieversorger wollen das Problem entschärfen, indem sie Kunden in prekärer Finanzlage individuelle Regelungen anbieten. "Wer in Schwierigkeiten steckt, sollte uns rechtzeitig darüber informieren", sagt etwa der Sprecher der Berliner Gasag, Klaus Haschker. Dann könnten Ratenzahlungen vereinbart werden.

Die Außenstände des Unternehmens beliefen sich seit einiger Zeit auf 30 Millionen Euro. Deutschlands größter kommunaler Gasversorger mit einem Jahresumsatz von einer Milliarde Euro und 640.000 Kunden hat deshalb bereits 2002 seine Mahnfrist auf 14 Tage verkürzt. "Wir haben 1,8 Millionen Privatkunden. Dass darunter auch solche sind, die nicht sofort das Portemonnaie zücken, ist klar", sagt Olaf Weidner, Sprecher von Vattenfall Europe in Berlin. Seit Jahren gebe es säumige Zahler, aber die Lage habe sich verschlimmert. Jährlich veranlasst Vattenfall etwa 25.000 Stromsperren, die in der Regel von einem Tag bis zu drei Wochen Bestand haben.

Der Regionalversorger Eon Thüringen, zuständig für 570.000 Strom- und 110.000 Gaskunden, verschickt monatlich 40.000 Mahnbescheide. "Viele Kunden zahlen erst, wenn sie eine Mahnung bekommen", sagt Eon-Sprecher Olaf Werner. Die Außenstände von Privatkunden liegen bei zehn Millionen Euro. "Sozial schwachen Kunden bieten wir für die Schlussabrechnung Ratenpläne über drei bis sechs Monate an."

Die Envia Mitteldeutsche Energie sperrt monatlich rund 600 Schuldnern den Strom, sagt Sprecherin Evelyn Zaruba. "Die Sperrung steht am Ende der Bemühungen, mit den Betroffenen eine gütliche Einigung zu finden." Das Unternehmen mit 1,6 Millionen Kunden in Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen appelliert an Betroffene, bei Zahlungsschwierigkeiten das Gespräch zu suchen. Nur so lasse sich ein Weg aus der Schuldenfalle finden.

Sophia-Caroline Kosel/DPA / DPA

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