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UNIVERSITÄT: Die vernachlässigte Republik

Die DDR und ihre Geschichte sind nicht mehr von großem Interesse. Diesen Eindruck vermitteln zumindest die Lehrpläne deutscher Universitäten.

DDR-Geschichte ist an zwei Dritteln der deutschen Universitäten kein Thema mehr. Dies ergab eine in Berlin vorgestellte Studie des Hochschulforschungsinstituts der Universität Halle-Wittenberg. Als wichtigstes Ergebnis der Analyse nannte Autor Peer Pasternack, dass es 2000 und 2001 an 62 Prozent der deutschen Universitäten keine explizit Ostdeutschland-bezogene Lehrveranstaltung mehr gab.

Die Studie wurde im Auftrag der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur erstellt. Dafür wurde das Lehrangebot zwölf ausgewählter Universitäten in Ost- und Westdeutschland seit 1990 untersucht. Ergänzt wurde die Analyse durch eine Totalerhebung an allen deutschen Universitäten für die Jahre 2000 und 2001.

Bis 1995 nahmen die Angebote an DDR-Themen kontinuierlich zu und danach ebenso kontinuierlich wieder ab. Von 1990 bis 2000/2001 haben den Erhebungen zufolge 3.700 Lehrveranstaltungen zu DDR und Ostdeutschland an den 88 deutschen Universitäten stattgefunden. Das ergibt eine Quote von 1,8 Vorlesungen oder Seminaren pro Hochschule und Semester.

In vier Bundesländern stand die DDR gar nicht auf dem Lehrplan

»2000/2001 gibt es Landstriche, die von entsprechenden Lehrangeboten völlig frei sind«, heißt es in der Studie. Das traf für die Bundesländer Brandenburg, Bremen, das Saarland und Schleswig-Holstein zu. Unter den Universitäten ohne ein entsprechendes Angebot seien auch Volluniversitäten mit geschichtswissenschaftlichen, politologischen und soziologischen Studiengängen gewesen, berichtete Pasternack.Nach seiner Studie findet die Hälfte aller deutschen Universitätsseminare zu DDR/Ostdeutschland im Osten statt. Die fünf ostdeutschen Bundesländer und Berlin zusammengerechnet haben aber nur einen Anteil von 21 Prozent an der Bevölkerung und von 19 Prozent an allen Universitätsstudierenden. In zwei Dritteln der Lehrveranstaltungen war die DDR historischer Gegenstand. In einem Drittel wurden Analysen des Transformationsgeschehen in den ostdeutschen Ländern betrieben.

Die Geschichte der DDR ist lehrreich

Pasternack wies darauf hin, dass für Lösungsvarianten der sozialen Frage die DDR-Geschichte Erfahrungen bereit halte, die auch künftig Provokationen für die gesellschaftliche Debatte in Deutschland liefern werde. »Für die Lösung der demokratischen Frage ist die DDR-Geschichte Kontrastprogramm zur Bundesrepublik, dessen Auswertung insbesondere Warnungen vor Fehlsteuerungen durch Anfangsfehler liefert.« Deshalb sollten Lehramtsanwärter, Studierende mit beruflichen Perspektiven im Journalismus oder in der politischen Bildung und sonstige künftige Multiplikatoren eine realistische Chance haben, sich während ihrer universitären Ausbildung mit der DDR-Geschichte befassen zu können.

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