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UNIVERSITÄT: Ein Stuhl für zwei Studenten

Die Frankfurter Goethe-Universität führt das Seminar-Sharing ein. Dieses Modell soll die Platznot an der Hochschule beheben. Dabei handelt es sich leider nicht um einen vorgezogenen Silvester-Scherz.

Die Studenten hielten es zunächst für einen Witz, aber es war keiner: An der Frankfurter Goethe-Universität können sich Lehramts-Studenten ein Seminar teilen. Der eine Student (A) geht die ersten Wochen in die Veranstaltung, der andere (B) die letzten Wochen. Während A zuhört, erarbeitet sich B die Themen mit Hilfe eines Tutors selbstständig - und umgekehrt. Das verdopple nicht nur die Kapazitäten, es schule die Studierenden auch im eigenständigen wissenschaftlichen Arbeiten, verkündete die Pressestelle der Hochschule.

Was folgte, war ein Aufschrei in der Studentenschaft. »Blödsinn«, »Quatsch«, »Bullshit« waren noch die harmlosen Kommentare. Die Uni präzisierte daraufhin den Vorschlag als »Notmaßnahme« einzelner Dozenten, die keineswegs als dauerhafte Lösung gedacht sei. In der aktuellen Situation hält das Präsidium der Universität Frankfurt diese Lösung in einigen wenigen Lehrveranstaltungen für vertretbar. Damit könne allen Studienanfängern den Einstieg in das Studium ermöglicht werden.

Grund für diese Maßnahme ist die Zulassungsbeschränkung zum Lehramtsstudium aller Nachbar-Hochschulen. Seitdem herrsche nämlich an der Universität Frankfurt drangvolle Enge. Allein im letzten Semester fingen 1.270 Neulinge ein Lehramtsstudium an - fast doppelt so viele wie üblich: Veranstaltungen mit bis zu 600 Leuten, überlastete Dozenten, genervte Studenten. Der Vorschlag mit dem »Seminar-Sharing« sei aus dieser Not geboren, sagt Prof. Götz Krummheuer, Beauftragter für Lehrerbildung. Er kennt solche Methoden auch aus Berlin: An der FU dürften bisweilen nur die Sprecher von mehrköpfigen Arbeitsgruppen zum Seminar.

Die Fachschaft Erziehungswissenschaften ist alles andere als begeistert von solchen Ideen: »Da werden die Probleme der Uni auf die Studenten abgewälzt«, kritisiert Fachschaftsmitglied Moritz Jörgens. »In solchen Seminaren kann es nur noch darum gehen, Inhalte zu pauken.« Auch der Allgemeine Studierenden-Ausschuss (AStA) hält die Idee für »nicht besonders glücklich«, wie AStA-Chef Wulfila Walter vorsichtig formuliert. Bei aller Kritik sehen beide aber ein: So wie bisher kann es nicht weiter gehen. Bis zu einer dauerhaften Lösung muss man eben auch Wege finden, mit dem Mangel umzugehen.

Wie das Überlastungsproblem auf Dauer gelöst werden soll, darüber sind sich Studentenschaft und Hochschule uneins. Die Hochschule will im Wintersemester 2002/2003 endlich einen Numerus Clausus (NC) einführen. Ob es dabei neben der Abitur-Note weitere Auswahlkriterien wie Praktika ein Auswahlgespräch geben soll, wird noch diskutiert. Im Sommersemester sind die Schotten für Lehramts-Studienanwärter bereits dicht: Die Uni wird keine Neuanfänger aufnehmen - das darf sie eigenständig beschließen, während dauerhafte Zugangsbeschränkungen vom Kultusministerium abgesegnet werden müssen.

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