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Bitterfeld 1989 - und jetzt Von blühenden Landschaften und beleuchteten Wiesen


"Blühende Landschaften" sollten in der Ex-DDR entstehen. Das hat Helmut Kohl 1990 versprochen. Der stern zeigt an Beispielen, was aus der Vision des "Kanzlers der Einheit" geworden ist.

Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt." Im Juli 1990 vermittelte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) seine Vision von der Zukunft der neuen Bundesländer. Anlass war das Inkrafttreten der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion der beiden deutschen Staaten - "ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Einheit unseres Vaterlandes", wie Kohl betonte.

In der Euphorie der Wendezeit schien alles machbar. Die "blühenden Landschaften" wurden rasch zum geflügelten Wort - und sind es bis heute geblieben. Noch zwölf Monate nach seiner Ansprache vom Juni 1990 vertrat Kohl die Ansicht, dass sich seine Vision "in drei bis vier Jahren" verwirklichen ließe. Der Weg erwies sich dann doch als deutlich steiniger. Heute wird der Begriff gelegentlich sarkastisch für Deindustrialisierung und Entvölkerung von Teilen Ostdeutschlands benutzt. Angelehnt an die "blühenden Landschaften" hat sich in den neuen Ländern ein weiteres Bonmot entwickelt: Komplett erschlossene Gewerbeflächen, auf denen sich nie Gewerbe ansiedelte, werden gerne ironisch als "beleuchtete Wiesen" bezeichnet.

Der stern zeigt Aufnahmen aus dem ehemaligen DDR-Chemiedreieck, in dem die Belastung von Mensch und Natur besonders hoch war. 25 Jahre später sieht es vielerorts tatsächlich viel besser aus. Doch manche Idylle täuscht.

Leuna 1989 und 2014. Zu DDR-Zeiten war die Stadt bei Halle an der Saale Standort des größten Chemieunternehmens des Landes: den VEB Leunawerken Walter Ulbricht. An der Straße von Merseburg nach Leuna, wo einst Dreck und Luftverschmutzung herrschten, sind nun viele der alten Schornsteine verschwunden. Die Bahnhaltestelle "Leunaweg" ist geblieben. (Fotos: Paul Langrock/Zenit/laif)

Ein ganz ähnliches Bild in Bitterfeld. Dort beherrschte der VEB Chemisches Kombinat vor 25 Jahren die Szenerie, der Berufsverkehr bewegte sich über die sogenannte "Straße der tausend Düfte". Ein Vierteljahrhundert später ist die Straße längst erneuert, die beißenden "Düfte" sind mit den Schornsteinen des volkseigenen Betriebs verschwunden. (Fotos: Paul Langrock/Zenit/laif)

Eine übel riechende Kloake war der sogenannte Silbersee, ein Restloch des Braunkohle-Tagebaus südlich von Wolfen. Dort wurden vor 25 Jahren Schlämme aus der Kunstfaserproduktion und Abfälle aus der Filmfabrik Wolfen eingebracht. Jetzt ist der Silbersee geradezu eine Idylle. Doch die Sünden der Vergangenheit wirken nach: Das Betreten des Areals ist nach wie vor verboten. (Fotos: Paul Langrock/Zenit/laif)

Nochmal der "Silbersee" des ehemaligen VEB Fotochemisches Kombinat Wolfen. 1995 wurden am verseuchten Wasser schwimmende Biokontaktfilter deponiert, auf deren grüner Oberseite Pflanzen wachsen konnten. Gleichzeitig verhinderten die Filter das Austreten giftiger Gase und damit die Geruchsbelästigung von Anwohnern. Inzwischen hat sich die Natur des Geländes bemächtigt. Das Betreten ist dennoch weiterhin verboten. (Fotos: Paul Langrock/Zenit/laif)

Auch das hat sich geändert: Vor den Geschäften muss niemand mehr Schlange stehen - so wie hier im Winter 1989 vor dem HO-Einkaufsladen. In dem Geschäft für Obst und Gemüse an der Bitterfelder Walther-Rathenau-Straße werden heute Sportartikel verkauft. (Fotos: Paul Langrock/Zenit/laif)

Espenhain, eine Gemeinde in Sachsen, galt vor 25 Jahren als eine der dreckigsten Städte Europas. Grund war das Braunkohlekraftwerk, das eine enorme Luftverschmutzung in der Region verursachte. Mit den Schloten verschwand allmählich auch das Gros der Schadstoffe. Heute findet sich auf dem Gelände der BV Braunkohlekraftwerk ein Industrie- und Gewerbepark und eine grüne Brachfläche. (Fotos: Paul Langrock/Zenit/laif)

Wenig weihnachtlich wirkt die Bitterfelder Burgstraße in der Adventszeit im Jahr 1989. Inzwischen ist die Straße zur Fußgängerzone ausgebaut worden. Allerdings haben nicht alle Gebäude haben von der Auffrischung der Straße profitiert. (Fotos: Paul Langrock/Zenit/laif)

Blick auf Bitterfeld: Die Stadt hat in den vergangenen 25 Jahren ihren Grauschleier verloren. Zu DDR-Zeiten war die Verschmutzung so groß, dass ein Altlastensyndrom nach ihr benannt wurde, bei dem der Boden aufgrund der Belastungen seine Fähigkeiten als Ökosystem nahezu vollkommen verliert - was auch gravierende Gesundheitsgefährdungen für Menschen zur Folge hat. Das Bitterfeld-Syndrom wurde auch in anderen Industrieregionen beschrieben, darunter das Donezbecken, Seveso, Bophal, Manchester/Birmingham/Liverpool oder Kattowitz. In der heutigen Doppelstadt Bitterfeld-Wolfen (seit 2007) dominieren Windräder statt Schornsteine den Horizont. (Fotos: Paul Langrock/Zenit/laif)

Florian Gossy/Dieter Hoß

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