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Seitensprung: Nur ein Ausrutscher?

Größte Gefahr für die Beziehung ist Untreue. Jeder Zweite geht fremd. Aber auch Eifersucht kann zerstörerisch sein. Teil 5 der Partnerschaftsserie: Wie Sie den Seitensprung des Partners verarbeiten, Ihr Misstrauen in den Griff bekommen.

Tagsüber robbte Stefan*, 43, durchs Unterholz des Bayerischen Waldes und schulte seine Sinne zwischen Waldpilzen und Wurzeln. Outdoor-Seminar für ausgebrannte Manager. Die Indoor-Fortsetzung folgte nachts mit gestärkten Sinnen im Bett von Ariane, 25. Die Heilpraktikerin logierte zufällig im selben Hotel wie der Volkswirt und hatte ihn morgens beim Frühstück an der elektrischen Orangenpresse angesprochen. "Der fremde, schöne, geile Körper, die fremden Bewegungen. Das war sensationell guter Sex", sagt Stefan. "Aber ohne Rückspielrunde - ich liebe meine Frau und würde das Leben mit ihr nicht für eine Bettgeschichte aufs Spiel setzen." Und tauschte deshalb mit Ariane nicht einmal die Handynummer, obwohl sie beide in Stuttgart leben.

Flughafen Frankfurt, Terminal 1, Halle A. Der Flug nach Wien wird aufgerufen. An Bord geht auch Heiner, 41, Werber in einer großen Agentur. Begleitet wird er von seiner Frau Claudia, 39, und, was er nicht weiß, von deren Liebhaber Johannes, 44, Arzt an der Uniklinik und ebenfalls verheiratet. Das Ehepaar sitzt Reihe 3, der Mann für den Sprung zwischendurch Reihe 23. Während Heiner in Wien Kunden besucht und neue Kontakte knüpft, beschränkt sich Claudias Sightseeing auf den wohlgeformten Körper von Johannes im Theaterhotel in der Josefstadt. "Es hat mich total angemacht, dass Jo im selben Flieger war. Ich bin dann, als ich ihn treffen konnte, regelrecht über ihn hergefallen", sagt Claudia. Acht Jahre dauert die Affäre schon.

Stefan ist der klassische Gelegenheit-macht-Liebe-Seitenspringer.

Den es in dieser Schlichtfassung millionenfach gibt. Einer, der abschleppt und sich abschleppen lässt. Anschließend erinnert er sich für 14 Tage wieder der bürgerlichen Moral, besinnt sich auf die Vorteile seiner Ehe. Bis zur nächsten Abenteuer-Expedition. Wer annimmt, dass Claudia unter Frauen zur raren Ausnahme zählt, der irrt. Frauen vögeln mittlerweile fast ebenso gern fremd wie Männer, gönnen sich One-Night-Stands wie Milchschnitten für den kleinen Appetit zwischendurch oder auch länger andauernde Affären.

In einer Umfrage der Gesellschaft für Erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung (Gewis) für den stern gaben 43 Prozent der befragten Frauen (und 51 Prozent der Männer) zu, in ihrer festen Beziehung schon ein oder mehrmals fremdgegangen zu sein oder es gerade zu tun. Und nur knapp die Hälfte der Frauen mit Langzeit-Affäre pikst das Gewissen, wenn sie dem Ehemann vor dem Einschlafen liebevoll über die weiche Wange streicheln und am übernächsten Morgen im Waldgasthof mit derselben Hand den Schaft des Zweitmannes striegeln. Was sie nicht daran hindert, für Treue zu plädieren: 73 Prozent der Frauen und 65 Prozent der Männer ist sie sogar "die wichtigste Eigenschaft des idealen Partners", ergab eine Befragung des Allensbach-Instituts. Grundsätzlich lebt der Mensch aus einer Spannung heraus, sagen Psychologen. Auf der einen Seite ist da das Bedürfnis nach Liebe, Nähe, Bindung. Die große Sehnsucht nach dem Rosamunde-Pilcher-Leben. Auf der anderen Seite steht das Bedürfnis nach Autonomie, Freiheit, Abenteuer, nach neu entfachter Lust, frischer Verliebtheit, prickelnder Erfahrung.

Wenn Sie fremdgegangen sind: Wie kam es dazu?

FrauenMänner20-3940-60Gesamt
Sexflaute zu Hause4538305141
Lieblosigkeit/ Desinteresse des Partners6147456354
Rache für einen Seitensprung179161013
Lust auf was Neues3953424946
Trieb stärker als Moral1128241519
Es hat sich so ergeben3426372430
Kick fürs Selbstbewusstsein25121521

*Angaben in Prozent, Mehrfachnennung möglich

Im Alter zwischen 40 und 50 gehen Männer am häufigsten fremd, Frauen nutzen die Gelegenheiten am ehesten zwischen 30 und 40. Berufstätige Frauen gönnen sich den außerehelichen Kick deutlich häufiger als "Nur"-Hausfrauen. Evolutionsbiologen behaupten, sexuelle Treue sei genetisch kaum vorgesehen. Gerade mal drei Prozent aller Säugetiere leben monogam. Nicht nur die Bonobos und Schimpansen in Afrika, die nächsten Menschen-Verwandten, treiben es wild. Eine Untersuchung der Yale University kam zu dem Ergebnis, dass nur in fünf Prozent aller bekannten Kulturen Monog amie herrscht. Auch die Papis aus München-Neuperlach und Mamis aus den Hamburger Elbvororten sind damit als Triebtierchen programmiert.

Paarforscher und Psychologen sind allerdings anders als Biologen nicht der Meinung, dass man jeden Ausbruch mit den Genen entschuldigen kann. Oder wie Regisseurin Doris Dörrie mal sagte: "Wir haben immer noch die Entscheidung über unser Leben. Wir brauchen uns doch nicht komplett nach unserem genetischen Programm verhalten."

Frau nennt natürlich nicht Gute-Gene-Gier als Grund für den quietschenden Betthopser mit dem Mann ihrer Freundin. Und Männer nennen natürlich nicht den Drang, Spermatozoen an die Frau zu bringen, als Ursache für den gelegentlichen Quickie mit dem Au-pair-Mädchen in der Einliegerwohnung. Das am häufigsten geäußerte Motiv ist Lieblosigkeit und Desinteresse des Partners (61 Prozent der Frauen und 47 Prozent der Männer). Nur neun Minuten sprechen Paare pro Tag im Schnitt miteinander. Über die Sexflaute zu Hause klagen 45 Prozent der Frauen und 38 Prozent der Männer. Die Erotik im Reihenhaus - sie verpufft zwischen Babyfläschchen und Bausparverträgen.

"Vier Jahre Beziehung und seit zwei Jahren keinen Sex, nur noch Selbstbefriedigung mit freundlicher Unterstützung des RTL2-Nachtprogramms - das ist wohl ein Härtefall", rechtfertigt David, 38, Lehrer für Sport und Deutsch, seine Stellungsspiele mit der Mutter einer Schülerin. "Meinen Vorschlag, gemeinsam in eine Paartherapie zu gehen oder sich wenigstens mit mir auseinander zu setzen, schon wegen unserer kleinen Tochter - alles hat Elena abgelehnt. Gäbe es Pyjamas aus Stacheldraht, sie würde bestimmt einen tragen."

53 Prozent der Männer und 39 Prozent der Frauen nennen in der Umfrage für den stern "Lust auf was Neues" als einen der Gründe fürs Fremdlieben. Und irgendwie kann man das verstehen: Heute dauert die Ehe, statistisch gesehen, 43 Jahre. Bis der Tod uns scheidet. 43 Jahre denselben Sex mit denselben Schnaufern, denselben Oh-Jaaas, denselben Stellungen. Irgendwann wächst keine neue Lust mehr nach. Nur die Orangenhaut der Gattin und die Speckrolle über dem Schamhaar des Gatten nehmen zu. Irgendwann ist dann der Ikea-Katalog spannender. Oder die Kollegin aus der Devisenabteilung. Oder der Typ mit dem strammen Hintern, den man regelmäßig bei den Landliebe-Joghurts im Supermarkt trifft.

Die Wahrheit über unser Sexualleben

ist so grau wie die Plattenbausiedlung in Leipzig-Grünau. Mit den Jahren, manchmal schon mit den Wochen, stirbt in festen Beziehungen die Lust den Liebestod. Langeweile schleicht sich unter die Biber-Bettdecke. Einer der Hiobs-Botschafter ist der Hamburger Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt: "Wenn es gut geht, dann wechseln sich (längere) Phasen sexueller Langeweile mit (kürzeren) Phasen erotischer Anziehung und sexueller Lust ab." Paarberater Michael Mary rät deshalb: "Der Rückgang von Leidenschaft bis hin zum Erliegen der Sexualität sollte als völlig normal angesehen werden." Wer sich auf eine längere Partnerschaft einlässt, für den gehört ein Seitensprung des Partners zum normalen Lebensrisiko. Fast so normal wie ein Blechschaden am Benz.

"Wir leben in einem völlig übersexualisierten Umfeld", sagt die Münchner Diplompsychologin und Psychotherapeutin Anna Schoch. "Fernsehen, Internet, Illustrierte - da wird ein ungeheurer Zwang auf beide Geschlechter ausgeübt. Freud hat mal geweissagt, Sex würde die Religion des 20. Jahrhunderts werden. Eine Religion ist er nicht geworden, aber so etwas wie eine global industry."

Einen Liebhaber oder eine Geliebte zu finden ist heutzutage ein leicht lösbares Problem. Affärenpartner reißt man mit etwas Glück im Coffeeshop, an der Tankstelle, am Arbeitsplatz, beim Qigong, im Kirchenchor, in der Kur, beim Münchner Oktoberfest oder auf Malle auf. Oder, seit einiger Zeit der Insider-Tipp: beim FC Bayern München. Im Dienstleistungswunderland werden auch Speed Datings, Blind-Dates bei mehrgängigen Abendessen und Single-Reisen angeboten. Man muss ja dort nicht gestehen, dass man verheiratet ist. Oder man bedient sich einer Seitensprung-Agentur oder nutzt einfach das World Wide Web.

Aber auch das gute alte Inserat im Stadtmagazin oder der Regionalzeitung dient unverändert der Lustbarkeit: Da wird nicht lange drum rum getextet. "Seitensprung gesucht!!!", beginnen die Anzeigen oder geben klare Auskunft über das Zeitbudget: "Suche Nebenfreundin in Hamburg... nur von Montag bis Freitag..." Samstag und Sonntag gehören wohl Mami und den Kleinen.

80 Zuschriften hat Anita, 40, auf ihre Anzeige "Verheiratete Frau sucht gebundenen Mann zwecks Abwechslung vom Eheleben" in einer baden-württembergischen Regionalzeitung erhalten. "Nach 15 Jahren Ehe und vier Kindern kam bei mir die Abenteuerlust." Sie entschied sich für einen Schreiner aus ihrem Ort. "Bei Wolfgang herrschte absoluter sexueller Notstand. Sex bekam er bei seiner Frau nur nach 100-maligem Anbetteln." Anita hat sich inzwischen scheiden lassen, Wolfgang zögert. Obwohl es bei ihm zu Hause alles andere als gemütlich ist. Anita: "Seit seine Frau Bescheid weiß, schläft sie im Kinderzimmer, kocht nicht für ihn, wäscht ihm seine Sachen nicht mehr." Drei Jahre schon währt die Abstrafung des untreuen Ehemanns.

Was Anita offenbar nicht weiß: Obwohl die Motive für den Seitensprung oder die Affäre bei Mann und Frau ähnlich sind, gehen sie doch unterschiedlich fremd. Die Psychologin Schoch: "Männer wollen eine Geliebte, aber gleichzeitig an ihrer eigentlichen Beziehung nichts ändern." Frauen tun sich da schwerer, haben oft ein Loyalitätsproblem. "Sie fangen an, sich ein zweites Nest zu bauen, eine innere Beziehung zu dem zweiten Mann zu haben und neu zu leben", sagt der Sexualwissenschaftler Kurt Starke.

Und sie tun sich schwer mit der Heimlichkeit. Wenn sie lügen, lügen sie zwar geschickter als Männer, aber oft drängt es sie in den häuslichen Beichtstuhl. Was Psychologen für hochgradig naiv halten, wenn man nicht vorhat, den eigentlichen Partner zu verlassen, weil man sich ernsthaft verliebt hat, der Seitensprung schwanger ist oder mit Terror droht. Ein Geständnis verletzt immer, Absolution gibt's in der Regel sowieso nicht. "Da entsteht viel mehr Schaden als durch konsequentes Verheimlichen. Eine durchschnittlich gute Partnerschaft kann ohne weiteres einige heimliche Liebschaften verkraften", sagt der Münchner Psychotherapeut und Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer. Und empfiehlt, Lügen in Liebesbeziehungen so zu verwenden wie Penicillin bei Lungenentzündung. "Ausreichend dosiert, um wirklich die Zweifel des Partners zu besiegen."

Wenn die Liaison trotz aller Vorsichtsmaßnahmen auffliegt

oder gestanden wird, reagieren betrogene Ehefrauen häufig mit Depressionen, Schlaf- und Essstörungen. Männer hingegen werden aggressiv; es macht sie rasend, sich vorzustellen, dass ein anderer mit der Gattin schläft. Das kratzt an ihrem Ego, sie fühlen sich sexuell abgewertet. Kann der etwa länger? Frauen haben panische Angst, dass Gefühle im Spiel sind, es dem Partner bei der anderen nicht "nur" um Sex und straffe Haut geht. Aber auch sie sinnen auf Rache.

Was waren die Folgen des Seitensprungs/Verhältnisses?

FrauenMänner20-3940-60Gesamt
Keine2445274335
Scheidung / Trennung3316311724
Wir haben uns ausgesprochen1721162219
Neue Partnerschaft mit dem Seitensprung2913261721
kind mit dem Seitensprung34233
Die Beziehung hat sich verschlechtert4425412834
Die Beziehung hat sich verbessert1087119
Der Sex mit dem Partner ist besser6235

*Angaben in Prozent, Mehrfachnennung möglich

Als die Apothekenhelferin Barbara, 48, von Karls schon vier Monate währender Affäre mit einer jungen Studentin erfuhr, öffnete sie nach kurzer Rückfrage bei ihrem Angetrauten und dessen minimalistischem Geständnis ("Es stimmt, ist aber nicht so, wie du denkst") die Flügeltüren zum Balkon und warf die Möbel des Journalisten von der gemeinsamen Wohnung im zweiten Stock in den Garten: die Corbusier-Liege, seine Regale, seinen Schreibtisch, die Wagenfeld-Lampen, den Kirschholztisch aus Italien, den Fernseher, den DVD-Player und die Leica. "Und seine dummen indonesischen Stabpuppen." "Entferne deinen Müll aus meinem Garten und lass dich hier nie wieder blicken", teilte sie ihrem Bis-Dato-Lebenspartner per SMS mit.

Therapeut Wolfgang Schmidbauer hält solch eine Reaktion für überzogen: "Es ist primitiv, wenn ein Mensch wegen einer Information von ganz gut zu so böse umkippt, dass man von jetzt auf nachher nicht mehr mit ihm leben will." Für die endgültige Entscheidung sollte man sich vielmehr Zeit nehmen, am besten eine Auszeit. Zwar wiegt eine länger andauernde Affäre schwerer als ein One-Night-Stand des Partners, aber beide entwerten nicht die komplette Beziehung.

Auf der anderen Seite muss sich der Fremdgänger

darüber im Klaren sein: Untreue, auch wenn es "nur" um ein bisschen "Spaß ohne große Bedeutung" ging, ist für den Partner, der davon erfährt, in der Regel eine emotionale Tragödie. Oder wie der Schweizer Paarforscher und Autor des Buches "Beziehungskrisen erkennen, verstehen und bewältigen" Guy Bodenmann sagt: "eine schmerzhafte und traumatisierende Erfahrung". Kein Wunder also, wenn die Gefühle beim anderen Achterbahn fahren: Wut, Angst, Selbstzweifel, Enttäuschung, Trauer. Seine Reaktionen sind unberechenbar: Mal wird nur geschimpft, mal gedroht, verdammt, verflucht, dann wieder geklammert, Liebe erklärt. Eifersucht, Misstrauen und Rachegelüste kommen hinzu. Nichts ist mehr so wie vorher. Die Beziehung hat aufgehört, ein emotional sicherer Ort zu sein.

"Betrüger" haben oft die merkwürdige Vorstellung, es könne wieder zur Tagesordnung übergegangen werden, wenn der Fehltritt erst mal eingestanden ist und ordentlich Reue gezeigt wurde. Ein Irrtum. "Während die 'Ehrlichkeit in Person' wieder verstärkt auf den Partner zugehen möchte, ist der Betrogene aber erst mal damit beschäftigt, Distanz zum Verursacher aufzubauen", sagt die Oldenburger Psychotherapeutin Gisela Runte. "Er will sich schützen und muss seine Wunden lecken. Häufig ist auch mit einer Retourkutsche zu rechnen, die die Verbindung auf eine weitere harte Probe stellt."

Sex mit dem alten Partner wird oft zum großen Problem, auch wenn der Fremdgänger "nur" einen One-Night-Stand hatte. Wie Ankes Freund Tobias mit einer gemeinsamen Bekannten. "Tobias hat das wenig ausgemacht, dass er vorher noch mit einer anderen im Bett war. Der hätte anschließend bei mir gleich wieder draufhüpfen können", sagt die 34-jährige Grafikerin aus Berlin. "Aber ich habe fünf oder sechs Wochen gebraucht, bis ich überhaupt wieder konnte, und habe natürlich auf einen Aidstest bestanden. Psychisch wollte ich den Seitensprung meines Freundes nicht an mich ranlassen - bloß nicht fragen, wo und wann es passiert ist und womöglich noch wie. Damit keine Bilder im Kopf entstehen.

Aber die Bilder kommen natürlich trotzdem

, in der Fantasie. Und sie quälen. Insgesamt hat es ein gutes dreiviertel Jahr gedauert, bis ich wieder entspannten Sex mit Tobias hatte." Es ist harte Arbeit, die gestörte Beziehung wieder zu einer tragfähigen Partnerschaft zu machen. Der Betrogene will (und muss) verstehen, warum der andere fremdgegangen ist, warum er alles aufs Spiel gesetzt hat. Das Paar muss sich mit den Problemen in seiner Beziehung auseinander setzen. Alte Fragen müssen neu verhandelt werden: Treue, Sexualität, Liebe, Vertrauen. Das kann Wochen, Monate und sogar länger dauern und schließlich doch zur Trennung führen. Weil der Scherbenhaufen zu groß ist oder zu wenig Verbindendes zwischen den Partnern da ist.

"Der Seitensprung", sagt Guy Bodenmann, "ist in der Regel nicht die Scheidungsursache, sondern einer der häufigsten Auslöser für den Entschluss, endgültig zu gehen. Wenn Menschen bereits unzufrieden waren, sie vieles an ihrer Partnerschaft gestört hat, dann kann er das Fass zum Überlaufen bringen." Bei 33 Prozent der fremdgegangenen Frauen und 16 Prozent der Männer war das, ergab die stern-Umfrage, die Konsequenz. Wenn ein Paar, das seine Beziehung kitten will, in der Sackgasse steckt, kann möglicherweise auch ein Paartherapeut oder ein Psychologe helfen. Aber keiner, der in frühkindlichen Neurosen herumbohrt, sondern einer, der, wie Don-David Lusterman sagt, "lediglich das Paar in seiner eigenen Beziehungsarbeit unterstützt".

Dann wird die oft traumatische Erfahrung

des Betrugs möglicherweise zur neuen Lebens- und Liebes-Chance. Wer auch immer mit sexueller Untreue des Partners konfrontiert wird, tröstet Anna Schoch, muss wissen, "dass es Formen der Untreue in einer Beziehung gibt, die viel schlimmer sind als so ein kleiner Seitensprung". Wenn zum Beispiel der eine den anderen chronisch belügt oder finanziell hintergeht. Wenn Paare im Trott des Alltags verdümpeln und nebeneinanderher leben, ohne jeden Austausch von Gedanken und Gefühlen.

Unstrittig ist, dass Seitensprung ein Altersleiden mancher Beziehungen ist - und dann eine gelungene Affäre wie Hormondoping wirken kann. Mit einer Außenbeziehung, so der Hamburger Paartherapeut Michael Cöllen, könne ein Teil der verlorenen Selbstachtung und des Selbstbewusstseins zurückkehren. Da wird der Seitensprung dann zur "Rettungsmaßnahme für die eigene Seele".

Mitarbeit: Karolin Leyendecker, Silke Pfersdorf, Hannelore Schütz, Detlef Schmalenberg

Anette Lache