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Ein Bild und seine Geschichte: Als aus Versehen die Mauer fiel

Gerade noch hat der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker verkündet, der "Antifaschistische Schutzwall" werde noch hundert Jahre überdauern. Er sollte sich irren. Am 9. November 1989, nach Wochen der inneren Unruhe, läuft etwas schief in der Führung des Arbeiter- und Bauernstaats - und die Berliner Mauer fällt.

Von Philipp Gülland

"All of this in the name of the people" steht auf die meterhohen Betonbarriere gesprüht - "Dies alles im Namen des Volkes". Im Rücken der Quadriga erstreckt sich ein Menschenmeer. Keine hundert Meter vom Brandenburger Tor entfernt , bestrahlt von den Flutlichtern der Grenzanlagen, drängen sich hunderte Menschen auf der Berliner Mauer. Ob "Ossi" oder "Wessi" ist in dieser Novembernacht egal. Hier zählt das Wir-Gefühl.

Mit den Worten "Das gilt - äh - ab sofort" hat Politbüro-Mitglied Günter Schabowski den Stein ins Rollen gebracht, als er am 9. November 1989 die beschlossenen Änderungen am Reisegesetz der DDR bekanntgab. Zwei Tage nach Schabowskis Erklärung über das Ergebnis der Sitzung des SED Zentralkomittees, ist der ehemalige Todesstreifen im Herzen Berlins der Nabel der Welt: Familien finden zueinander, Wildfremde liegen sich in den Armen, ausgelassen wird die Öffnung der Mauer gefeiert.

Logenplätze auf der Mauer

Zahllose Fernsehteams, Reporter und Fotojournalisten dokumentieren das Unfassbare. Unter ihnen ist auch der AFP-Fotograf Gerard Malie. Leicht erhöht steht er auf der Westberliner Seite der Mauer in Sichtweite des Brandenburger Tors und wird mit seiner Kamera Zeuge, wie sich Berliner aus Ost und West Logenplätze auf dem Bollwerk sichern. Mit Weitwinkel und empfindlichem Farbfilm hält er den Augenblick fest. Ob der schiefe Horizont seines Bildes der Aufregung geschuldet ist oder bewusster Ausdruck eines "Jetzt geht's aufwärts" ist, bleibt offen. Fest steht, dass Malie mit einer Mischung aus Staunen und Glücksgefühl in der Ersten Reihe steht, als Geschichte geschrieben wird.

Die Öffnung der Berliner Grenzübergänge entschärft eine zum Zerreißen gespannte Lage. Ungarn hat seine Grenze zu Österreich schon im Mai geöffnet und erlaubt seit September auch DDR-Bürgern die Ausreise in den Westen. Vor der deutschen Botschaft im tschecheslowakischen Prag spielen sich ebenfalls dramatische Szenen ab. Am Ende bringt ein Zug die Ausreisewilligen in den Westen. Dessen Durchfahrt durch die DDR heizt die Lage im Arbeiter- und Bauernstaat weiter an.

Wirtschaftlich liegt die stolze Republik am Boden, das hat auch ein von Bayerns Ministerpräsident Franz-Josef Strauß 1983 vermittelter Milliardenkredit nicht ändern können. Reformen, wie sie Sowjet-Führer Mikhail Gorbatschow mit seiner Perestroika anstrebt, kommen für die DDR-Führung nicht in Frage. Staatschef Honecker und das Zentralkomittee setzen auf Härte - und verlieren zusehends die Kontrolle. Im Oktober tritt Honecker zurück. Hunderttausende gehen auf die Straße, skandieren "Wir sind das Volk!", und stemmen der mit Wasserwerfern und Knüppeln aufmarschierten Staatsmacht ihre Forderung nach Reisefreiheit und politischen Reformen entgegen. Die Stimmung im Land gleicht einem Schnellkochtopf, jemand muss das Ventil öffnen. Es wird Günter Schabowski sein, dem der neue Staatschef Egon Krenz nach einer Sitzung die kurze Notiz über die beschlossene Lockerung des Reisegesetzes zuschiebt, für die Pressekonferenz. In Kraft treten soll sie am nächsten Morgen, doch das steht nirgendwo. Auf die Nachfrage eines Journalisten sagt Schabowski, die Grenze sei "sofort, unverzüglich" offen.

Ratlosigkeit und Euphorie

Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht vom großen Durchbruch und hunderte, später tausende Ostberliner strömen zur Mauer. Sie wollen sich selbst überzeugen, ob es stimmt. Am Grenzübergang Bornholmer Straße stößt die euphorisierte Menge auf ratlose Grenzer. Auch die bewaffneten Truppen haben die Pressekonferenz gesehen, aber noch keine offizielle Order erhalten. Sie tun zunächst, wofür sie ausgebildet wurden: abriegeln. Es gilt, eigentlich, noch immer der Schießbefehl - doch die Waffen schweigen. Die vom Andrang überrumpelten Posten lassen zunächst die Lautesten durch und stempeln ihre Pässe als "ungültig", damit sie nicht wieder einreisen können.

Schließlich drängen sich mehr als 2000 Menschen vor den Sperranlagen, auf zwei Kilometern stauen sich Trabbis, Wartburgs und Ladas. An anderen Übergängen, etwa am Checkpoint Charlie, ist die Lage ähnlich und gegen elf Uhr abends sind überall die Tore offen. Letztlich besiegelt ein Missverständnis den Anfang vom Ende der innerdeutschen Teilung. Berlin versinkt im Freudentaumel.