Günter Schabowski Vom Politbüro aufs CDU-Podium


"Der Sozialismus hat versagt", gibt sich der frühere SED-Funktionär gänzlich geläutert. Günter Schabowski, der aus Versehen die Mauer öffnete, tritt als CDU-Wahlkämpfer in Brandenburg auf.

Er war Mitglied des SED-Politbüros, Sekretär des Zentralkomitees, SED-Chef von Ost-Berlin und Chefredakteur des "Neuen Deutschland". Jetzt ist er Rentner und sitzt auf einem Podium der CDU im Brandenburger Landtagswahlkampf. "Günter Schabowski ist der einzige aus dem Politbüro, der sich zu seiner Mitverantwortung bekannt hat", sagt Uwe Bartsch. Der CDU-Abgeordnete aus dem Brandenburger Landtag hat den früheren SED-Funktionär am Dienstagabend in die Stadthalle von Bernau bei Berlin geladen.

In dem DDR-Zweckbau sind für die kommenden Wochen Veranstaltungen wie "Die Ossi-Show" und eine Lesung des ehemaligen Stasi-Auslandschefs Markus Wolf angekündigt. Zur Podiumsdiskussion mit Schabowski sind etwa 100 Gäste gekommen. Draußen stehen zehn Demonstranten mit Plakaten mit der Aufschrift "Gegen das Vergessen" oder "SED=Schießbefehl" in die Luft.

"Ich freue mich über jeden Zeitzeugen"

Drinnen deuten nur Bartsch und der CDU-Bundestagsabgeordnete Rainer Eppelmann auf die Partei als Veranstalter hin. Plakate oder Ähnliches gibt es nicht, Bilder des früheren Politbüro-Mannes vor dem CDU-Logo sollen offenbar nicht entstehen. Bartsch, der seit zehn Jahren im Potsdamer Landtag sitzt und am 19. September wiedergewählt werden möchte, bemüht sich, der Veranstaltung den Wahlkampfcharakter zu nehmen. "Ich freue mich über jeden Zeitzeugen, mit dem man reden kann", erklärt der 50-Jährige. "Ich will nur einen offenen Dialog."

Schabowski selbst verneint die Frage, ob er mittlerweile der CDU besonders nahe stehe. "Ich wäre genauso zur Veranstaltung einer anderen Partei gekommen, wenn man mich eingeladen hätte", sagt der 75-Jährige. Seine Abneigung gegen die PDS allerdings verbirgt er nicht, die ihn und die anderen SED-Obersten nach ihrer Umbenennung 1990 ausgeschlossen hatte.

Im Laufe des Abends spricht Schabowski von einer rätselhaften Rolle der heutigen PDS-Spitzenpolitiker Gregor Gysi und Lothar Bisky beim Verschwinden des millionenschweren SED-Vermögens. Er erwähnt den parlamentarischen PDS-Geschäftsführer im Brandenburger Landtag, Heinz Vietze, als er von Intrigen zwischen Moskau und der zweiten SED-Reihe im Herbst 1989 berichtet. Er erzählt von der Pressekonferenz am Abend des 9. November, als er im Nebensatz die Öffnung der Mauer verkündet hatte. Anrufe von Genossen mit Morddrohungen habe er damals erhalten, sagt Schabowski.

"Der Sozialismus ist nicht die Lösung"

Mittlerweile gibt sich der frühere Kommunist gänzlich geläutert. "Der Sozialismus ist nicht die Lösung. Der Sozialismus hat versagt", ruft er in den Bernauer Saal. Die Ineffizienz dieses Systems müsse immer wieder zu Diktatur und Bespitzelung des Volkes führen. Da applaudieren auch die Demonstranten, die an den kräftigen, kahlköpfigen Ordnern vorbei den Zugang zur Veranstaltung geschafft haben.

Weil sich unter manchen Ostdeutschen mittlerweile eine gewisse DDR-Nostalgie breitmacht, weist Schabowski auch darauf hin, dass die damalige soziale Sicherheit eine Illusion war. "Der Staat ist daran Bankrott gegangen." Viele PDS-Mitglieder freilich hätten noch immer das in der DDR geprägte Weltbild und seien nicht zu diesen Einsichten gekommen.

Abrechnung mit alten Mitkämpfern

Das mag zum Wahlkampf der Brandenburger CDU passen, die sich angesichts der Proteste gegen Hartz IV kaum gegen die erstarkten Postkommunisten behaupten kann. Schabowski hatte 1991 in seinem Buch "Der Absturz" mit alten Mitkämpfern abgerechnet. Im Politbüro-Prozess 1997 bekannte er sich zu seiner Mitverantwortung für die Mauertoten. Seinen Auftritt bei der CDU sieht der Ex-SED-Mann deshalb auch nicht als Wahlkampf. "Ehrlich gesagt bin ich überrascht, dass mir überhaupt eine solche Zugkraft zugetraut wird", sagt er.

Sven Kästner/AP AP DPA

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