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Ex-Kanzleramtschef Seiters zum Mauerfall: "Ruhig bleiben! Nicht provozieren!"

Rudolf Seiters war Kanzeramtschef, als am 9. November 1989 die Mauer fiel. Er sagt: Die Regierung war völlig überrumpelt. Schäuble hielt die Nachricht zunächst für eine Schnapsidee.

"Damit konnte keiner rechnen": Mauerfall am 9. November 1989 in Berlin

"Damit konnte keiner rechnen": Mauerfall am 9. November 1989 in Berlin

Herr Seiters, Sie waren Chef des Kanzleramts in Bonn und enger Vertrauter Helmut Kohls, als in Berlin die Mauer fiel. Erinnern Sie sich noch, was Sie am 8. November 1989 gemacht haben - also am Vorabend des Mauerfalls?
Wir waren in Verhandlung mit der DDR über ein neues Reisegesetz. Ich habe darüber mit meinen Leuten im Amt gesprochen, nichts Dramatisches.

Gefühlt war eine offene Grenze da noch unendlich weit weg?


Natürlich. Das war sie auch noch tagsüber am 9. November. Mein damaliger stellvertretender Büroleiter Axel Hartmann kam mittags zu mir und fragte, ob er das Kanzleramt früher verlassen könne, weil er zum Kindergeburtstag müsse. Den hab ich mit den Worten weggeschickt: "Gehen Sie ruhig, heute passiert sowieso nichts mehr!"

Knapp daneben.


Absolut. Am späteren Nachmittag platzte dann Abteilungsleiter Eduard Ackermann in eine Routinesitzung, die ich gerade mit den Fraktionsvorsitzenden hatte und rief ziemlich aufgeregt: Offenbar ist die Mauer offen! Wolfgang Schäuble stellte ihn daraufhin in den Senkel: Ackermann, als ich noch Chef des Kanzleramts war, war hier Alkoholtrinken verboten!

Mit anderen Worten: Niemand hatte vorher die leiseste Ahnung?


Ich wusste aus Gesprächen mit dem DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski, wie ernst die wirtschaftliche Lage im Land war. Intern nahm der kein Blatt vor den Mund. Aber dass die Mauer fallen würde und dann noch so schnell und plötzlich, nein, damit konnte keiner rechnen.

Es gab auch keinerlei Hinweise der Geheimdienste?


Nein, nichts.

Die berühmte Pressekonferenz von Günter Schabowski – "Das tritt, nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich..." – haben Sie also nicht live verfolgt?


Nein. Als die ersten noch recht vage formulierten Meldungen darüber kamen, haben wir im Kanzleramt erst einmal alle Nachrichten gesammelt, die wir kriegen konnten. Ich habe sofort Kontakt zum Bundeskanzler aufgenommen. Der war an diesem Tag in Warschau. Und ich musste abends eine kurze Regierungserklärung im Bonner Wasserwerk abgeben, die ich mit Kohl abstimmen musste.

Wie war Kohls erste Reaktion?


Totale Überraschung! Und dann sofortiges Umschalten auf das, was in diesen Stunden getan werden konnte. Sie mussten ja in Warschau mit sehr viel Fingerspitzengefühl vorgehen und den Polen beibringen, dass sie den Besuch unterbrechen. Kohl wollte unbedingt anderntags in Berlin sein. Er wollte nicht den gleichen Fehler machen wie Adenauer, der nicht sofort nach Berlin gefahren ist, als die Mauer gebaut wurde.

Hatten Sie Kontakt zu Ost-Berlin?


Nein. Wir sahen den hilflosen Schabowski, wir brauchten niemanden von deren Seite, der uns irgendetwas interpretiert.

Haben Sie an diesem Abend gedacht: Eure Zeit ist abgelaufen?


Das hatte ich schon gedacht, als ich im August in Ostberlin war um über die 130 DDR-Bürger zu verhandeln, die in unsere Ständige Vertretung geflüchtet waren. Da saß mir eine ganze Reihe von Politbüromitgliedern gegenüber. Das war gespenstisch, komplett irreal, die erklärten mir mit glühenden Augen, die Flüchtlinge seien Verräter, wir würden gegen internationales Recht verstoßen und dürften die nicht in die Botschaft lassen, die Bevölkerung stehe voll hinter ihnen. Da wusste ich: Das geht nicht mehr lange gut.

Der 9. November war sicher der schönste Tag in Ihrem politischen Leben.


Also, der emotionalste war für mich Prag. Als ich am 30. September 1989 mit Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon unserer Botschaft stand und wir den mehr als 5000 DDR-Bürgern, die da unten im Schlamm standen, sagen konnten, dass sie ausreisen dürfen. Das empfand ich als Beginn des Untergangs der DDR.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, was die "Eiserne Lady" Margaret Thatcher vom Mauerfall hielt

Als Sie realisierten – die Mauer ist jetzt weg – wie war dieser Moment für Sie persönlich? Funktioniert man da in erster Linie als Amtschef oder wird man überwältigt von innerer Freude?
Es war für mich schon unglaublich emotional. Ich hatte als Student in Münster erlebt, wie die Mauer gebaut wurde. Wir waren zu mehreren auf einer Radtour und ich weiß noch, wie ich an einem kleinen Bootshaus die schreckliche Nachricht zum ersten Mal hörte. Daran habe ich mich sofort an jenem Abend wieder erinnert, 28 Jahre später.

Und dann sicher auch mal das Glas erhoben?


Nee, nee. Es gab von niemandem da Überschwang in die falsche Richtung. Der eine der andere hat innerlich womöglich ein Gebet gesprochen. Das wars. Man musste sich aber immer wieder an die Krawatte fassen: "Ruhig bleiben! Ruhig bleiben! Nicht provozieren!" Das war die Leitlinie der Bundesregierung in jenen Tagen. Alles, was passierte, sollte nicht den Eindruck erwecken, dass es von uns aus forciert worden sei. Bloß nicht auf die Sahne hauen! – das war die Devise.

Haben Sie die Last der Geschichte gespürt?


Ein wenig schon, aber nicht in dem Sinne, dass mir Angst und Bange wurde. Ich habe in der Nacht gedacht: Du bist erst seit sechs Monaten im Amt. Du bist der jüngste Minister im Kabinett – was für ein Glück! Dann aber wird man sofort wieder ruhig und muss funktionieren.

Und denkt: Hoffentlich mach ich jetzt keine Fehler?


Wir wussten, dass die DDR kein Militär einsetzen würde. Wir waren auch sicher, dass Michail Gorbatschow dazu nie seine Zustimmung gegeben hätte. Ich erinnere mich an das Telefonat von Helmut Kohl und Gorbatschow, nachdem die ungarische Regierung am 25. August auf Schloss Gymnich erklärt hatte, sie würden die Grenze nach Österreich öffnen. Auf Kohls Frage, wie wird Moskau reagieren, sagte Gorbatschow nach einem Augenblick der Stille: "Die Ungarn sind gute Leute". Das war für uns das unmissverständliche Zeichen, dass Moskau nicht feindlich reagieren würde.

Egon Krenz hat das später ganz anders dargestellt – am 9. November sei man näher an einem Militäreinsatz gewesen, als viele das geahnt hätten.


Ich will Krenz nichts unterstellen. Er hat später von sich immer behauptet, dass er einen großen Anteil daran gehabt hätte, dass es ruhig geblieben sei. Nun ja. Ich glaube nicht, dass das ernsthaft ein Thema war.

Wäre der 9. November anders verlaufen, wenn es damals schon Twitter und Facebook gegeben hätte?


Es war zwar schwieriger und dauerte länger, an Informationen zu kommen, aber letztendlich es war gut so, wie es war. Wir hatten etwas mehr Zeit, über unsere Reaktionen nachzudenken, und vor allem gab es keine Möglichkeit, die Menschen aufzuheizen. Wer weiß, was sonst passiert wäre.

Wie lange blieben Sie am 9. November im Kanzleramt?


Bis weit nach Mitternacht. Es musste sichergestellt werden, dass Kohl nach Berlin fliegen kann. Die Luftwaffe durfte ja im Gegensatz zu den Alliierten nicht über DDR-Gebiet fliegen. Wir haben deshalb den US-Botschafter eingeschaltet. Der hat dann das Flugzeug zur Verfügung gestellt, mit dem Kohl später von Hamburg nach Berlin gebracht wurde.

Der damalige Kanzleramtsminister Rudolf Seiters und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (rechts) informieren am 30. September 1989 vor der deutschen Botschaft in Prag die Journalisten

Der damalige Kanzleramtsminister Rudolf Seiters und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (rechts) informieren am 30. September 1989 vor der deutschen Botschaft in Prag die Journalisten

Viele Bürger sind in dieser Nacht noch nach Berlin aufgebrochen. Hatten Sie nicht das Gefühl, am falschen Ort zu sein?
Nein, diesen Impuls hatte ich überhaupt nicht. Einer musste ja in Bonn der Platzhalter sein. Außerdem wusste ich, dass ich am anderen Morgen in Berlin sein würde. Ich habe den Bundeskanzler vom Flughafen abgeholt.

In welcher Verfassung war Kohl?


Der war ziemlich sauer, weil die Berliner CDU zu einer eigenen Kundgebung auf dem Ku-Damm aufgerufen hatte. Er wusste instinktiv, dass alle Kameras am Schöneberger Rathaus sein würden.

Und dann wurde er ausgepfiffen.


Ich fand das unmöglich. Bei Walter Momper und Willy Brandt wurde geklatscht, ein wenig auch bei Genscher. Aber nicht beim Bundeskanzler! Das machte mich auch traurig, ich wusste, mit wie viel Herzblut er dabei war. Und das waren doch die Bilder, die um die Welt gingen. Helmut Kohl hat später eine Ansprache bei der CDU-Veranstaltung gehalten, das war dann für ihn Labsal. Und er ging zum Checkpoint Charlie, bevor er mit Bush und Mitterrand telefonierte. Man ist sogar an einem solchen Tag schnell wieder im Arbeitsmodus.

Sie haben zum Beispiel an diesem 10. November mit den Botschaftern der Alliierten gesprochen. Wie waren deren ersten Einschätzungen?


US-Botschafter Walters war überschwänglich, voller Freude. Der ist dann später auch als Erster privat in die DDR gefahren. Der britische Botschafter war überrascht, der hat einfach nur gestaunt. Aber wie wir später aus seinen Berichten erfahren haben, stand der einer deutsch-deutschen Annäherung viel aufgeschlossener gegenüber als seine Premierministerin.

Margret Thatcher, die mal sagte, sie liebe Deutschland so sehr, dass sie immer zwei davon haben möchte…


Ja, und der Franzose war so hin und hergerissen, der wusste noch nicht, ob er sich freuen soll oder nicht.

Gab es in den Tagen nach dem Mauerfall im Kanzleramt eigentlich noch etwas anderes als Deutschlandpolitik? Oder waren alle Kräfte darauf gerichtet?


Natürlich wollte der Bundeskanzler von mir wissen, was sonst noch so anlag. Aber das Wichtigste waren für ihn die Telefonate mit den anderen Regierungschefs. Die waren deutlich intensiver und ausführlicher als üblich. Und dann kam ja schnell Hans Modrow mit seinem Vorschlag von der Vertragsgemeinschaft und wir mussten uns mit der Frage beschäftigen, ob wir den Schalter umlegen können, ob es schon der richtige Zeitpunkt ist für eine operative Politik hin zur Vereinigung.

Und?


Wir waren uns schnell alle einig, dass es Zeit ist, etwas Neues zu denken: Mit einer demokratisch legitimierten DDR-Regierung über konföderierte Strukturen zu verhandeln, mit dem langfristigen Ziel der Wiedervereinigung. Ein Angebot, ohne Zeitvorgabe.

Kohls berühmter 10-Punkte-Plan, den er am 28. November präsentierte wie Zieten aus dem Busch.


Es war ein ganz kleiner Kreis, der darüber gesprochen hat im Kanzlerbungalow. Es gab unterschiedliche Meinungen, ob es richtig sei, das Ganze auf eine Wiedervereinigung zuzuspitzen, ohne es vorher unseren Verbündeten zu sagen. Dann hat der Kanzler entschieden: Wir machen das. Es wurde nur George Bush ganz kurz vorher informiert.

Selbst die FDP, Ihr Koalitionspartner, wusste nichts?


Nein! Was wäre denn passiert, wenn wir die FDP informiert hätten? Glauben Sie, das wäre am nächsten Morgen noch eine Überraschungsrede gewesen? Teltschik, Ackermann und ich haben am Vorabend des 27. November sechs oder sieben Journalisten ins Kanzleramt eingeladen, die uns nahe standen, die wurden vorab über die wesentlichen Punkte informiert, damit sie sich vorbereiten konnten. Der Überraschungseffekt war ganz, ganz wichtig. Otto Graf Lambsdorff…

Der Vorsitzende Ihres Koalitionspartners.


…war sehr sauer. Er hatte ja mehrfach angerufen im Kanzleramt, was denn bei der angekündigten Regierungserklärung zu erwarten sei. Aber da wurde immer abgewiegelt.

Kohls Kollegen Regierungschefs waren auch nicht amüsiert…


Eine gute Woche später trafen sich die Staats- und Regierungschefs in Straßburg. Kohl hat hinterher gesagt, er habe noch nie ein Führungstreffen in so eisiger Atmosphäre erlebt.

Rückblickend betrachtet: War das der einzige kleine faux pas? Oder gab es andere Fehler?


Wir sollten demütig und bescheiden auf diese Zeit zurückblicken. Wir haben auch Glück gehabt, dass alles friedlich abgelaufen ist. Aber wir haben als Bundesregierung auch stets behutsam gehandelt, nicht provozierend. Nein, in dieser Zeit haben wir keine schwerwiegenden Fehler gemacht.

Interview: Andreas Hoidn-Borchers, Axel Vornbäumen