Mauerfall Der deutsche Tag


Am 9. November um 18.55 Uhr teilte Politbüro-Mitglied Günter Schabowski in Ost-Berlin eher beiläufig mit, alle DDR-Bürger könnten "ins Ausland" reisen. Wenige Stunden später war die Berliner Mauer offen, der Weg zur Einheit frei.

"Wahnsinn" war das Wort des Abends. Deutsche in Ost und West lagen sich lachend und weinend zugleich in den Armen, nachdem am 9. November 1989 die Mauer gefallen war. Heute erinnern sich viele völlig unterschiedlich an die dramatischen Ereignisse jener historischen Nacht, in der einem italienischen Journalisten für wenige Sekunden eine Schlüsselrolle zufiel.

Es war 18.55 Uhr, als das Politbüro-Mitglied Günter Schabowski im Internationalen Pressezentrum in Ost-Berlin eher beiläufig mitteilte, alle DDR-Bürger könnten kurzfristig und ohne viel Formalitäten private Reisen "ins Ausland" unternehmen. Riccardo Erman, damals Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur Ansa, erzählt, viele Kollegen hätten die Dimension der Äußerungen zuerst gar nicht begriffen. Erman fragte Schabowski: "Wann?"

"Nach meiner Kenntnis sofort, unverzüglich"

Schabowski nestelte in seinen Papieren und sagte: "Nach meiner Kenntnis sofort, unverzüglich." Nur wenige Stunden später war die Berliner Mauer offen. Der 74-jährige Italiener, der mittlerweile in Madrid lebt, sagt: "Mir war damals sofort klar, was für Folgen Schabowskis Äußerungen haben würden." Noch vor Ende der live übertragenen Konferenz sei er an sein Telex-Gerät geeilt und habe die Nachricht von der baldigen Öffnung der Mauer an seine Zentrale in Rom für die ganze Welt abgesetzt. Danach, auf der Leipziger Straße, hätten ihn viele Menschen erkannt und gratuliert.

Erman verklärt seine Rolle im Nachhinein nicht. Er habe seine Reporterpflicht getan, sagt er. Bereits in einer ersten Frage habe er von Schabowski wissen wollen, ob die neuen Reisebestimmungen nicht zu überstürzt vorbereit wurden. "Ich habe damit Herrn Schabowski nervös gemacht - das war vielleicht mein Verdienst."

Deutsche in Ost und West konnten es kaum fassen. Nach 28 Jahren war die Mauer gefallen. Tausende Ostler strömten noch in der Nacht über die offenen Grenzen. Trabis und Wartburgs knatterten erstmals auf westlichen Straßen. Auf der Mauer am Brandenburger Tor in Berlin tanzten die Menschen und schwenkten Sektflaschen - es war Weltgeschichte zum Anfassen. Noch vier Wochen zuvor hatte die SED- Führung trotz Massenfluchten und Montagsdemonstrationen in Leipzig mit Pomp und Militärparade den 40. Jahrestag der DDR gefeiert.

Ernüchterung statt Euphorie

Heute, 15 Jahre nach dem Mauerfall, ist von Freudentaumel und Euphorie nicht viel geblieben. Ernüchterung ist eingekehrt. Der Osten mit seiner hoher Arbeitslosigkeit gilt vielen als Sorgenkind. Junge Menschen suchen ihre Perspektive in den alten Ländern - in die Erinnerung der Älteren mischt sich angesichts der Entwicklung oft Wehmut. Altkanzler Helmut Kohl (CDU) sieht die neuen Länder freilich als blühende Landschaften - so wie er sie damals ankündigte. Es gebe sie zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen - "nicht überall, aber an vielen Stellen", sagte Kohl erst kürzlich bei der Jungen Union und wurde heftig beklatscht.

Doch es gibt auch andere Sichten. Selbst frühere DDR- Bürgerrechtler sagen, die innere Einheit sei wohl noch eine Aufgabe für die nächste Generation. Die DDR-Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe meint, die Unterschiede wären nicht das Problem, "wenn wir mehr Verständnis füreinander hätten". Der Leipziger Pfarrer Christian Führer hatte mit seinen Friedensgebeten in der Leipziger Nikolaikirche Anteil am Wendeherbst. Trotz aller Entwicklungen, die damals noch nicht absehbar waren, hegt er in seiner Rückschau keine Zweifel: "Ja", sagt er, "es war richtig, gewaltfrei das diktatorische System zu stürzen."

Esteban Engel und Jutta Schütz/DPA DPA

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