PORTFOLIO Körperkult in Brasilien


Christopher Pillitz ist ein Autodidakt aus der Provinz. Dass er den Durchbruch als international renommierter Fotograf schaffte, verdankt er seiner angeborenen Hartnäckigkeit und einer konstanten Lebenskrise.

Christopher Pillitz ist ein Autodidakt aus der Provinz. Dass er den Durchbruch zur jungen Garde der international renommierten Fotografen schaffte, verdankt er einer ungewöhnlichen Portion angeborener Hartnäckigkeit und einer konstanten Lebenskrise: Pillitz sucht bis heute nach seiner Identität. Er ist ein Wanderer zwischen zwei Welten - Südamerika und Europa.

Das Studium des Menschen

Geboren 1958 in Buenos Aires als Sohn eines englischen Teekaufmanns und einer argentinischen Botschaftssekretärin, aufgewachsen mit Gauchos in den Pampas und mit Internats-Lehrern, die Prügelstrafe zum Teil ihres Lehrplans machten, floh er mit 19 nach London und wurde Hotelkaufmann. Die Menschen, die er traf, faszinierten ihn, der Betrieb nervte. Pillitz, der schon als 14-Jähriger mit einer Kodak-Instamatic die Wunderwelt der Fotografie entdeckt hatte, beschloss, Menschen zu studieren, indem er sie fotografierte.

Anrührende Fotos von Kriegsopfern

Der Vater erklärte ihn für verrückt, niemand nahm ihn ernst. Bei den Blättern der Londoner Fleet Street lachte man den Neuling aus, als er 1983 kühn eine Reportage über Argentinien anbot - ein Jahr nach dem Falkland-Krieg und dem Sturz der Militärdiktatur. Dass das »Observer Magazine« ihn dann doch losschickte, verdankte Pillitz nur seinen Spanisch-Kenntnissen. Der Vorschuss reichte für zwei Wochen. Drei weitere Wochen finanzierte er selber. Die Fotos der Kriegsopfer und der gedemütigten Kriegstreiber gingen unter die Haut.

Der nächste Auftrag kam von der »Sunday Times«, für die er Opfer der argentinischen Militärdiktatur fotografierte. »Geo« schickte ihn nach Bangladesch, nach El Salvador, nach Brasilien und Argentinien. Seine Bilder der Dritten Welt, von Menschen in Dörfern und Slums, machten ihn berühmt. Aber immer wieder zog es ihn nach London, nach Europa, zurück: »Hier tickt die Welt.«

Erotisch-laszive Körperkultur

Christopher Pillitz' Bilder zeigen die erotisch-laszive Körperkultur in Brasilien, bei der sich die Grenzen zwischen Eros und Sex, Narzissmus und Exhibitionismus verwischen. Bilder zwischen Selbstverliebtheit und schamloser Gier. Brasilianische Psychologen behaupten, dass 85 Prozent ihrer Landsleute bisexuell sind, zumindest latent.

Der Körper wird zur Ikone

Pillitz hat fünf Jahre im Land fotografiert - die Kamera wegen der notorischen Straßenräuber in Rio und Salvador da Bahia oft am Körper versteckt. »Brasilien«, sagt er, »hat mir einen Hedonismus offenbart, den Europa nicht kennt. Die zügellose Lüsternheit, vor allem in den Küstenstädten, hat mich fasziniert. Hier wird der Körper zur Ikone. Es ist ein Land der grenzenlosen Sinnlichkeit, ohne Tabus. Brasiliens Chaos, seine Gesetzlosigkeit und Gewalttätigkeit, sind eindeutig mit seiner sexuellen Besessenheit verknüpft. Ich habe versucht, dieses Lebensgefühl einzufangen, das alles auf den Kopf stellt, was man in Europa kennt.«


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