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"We feed the World": Gehen Sie erst ins Kino

Man kann niemanden verdonnern, sich zu informieren. Nur appellieren oder höflich bitten. Also bitte, versäumen Sie nicht den Film We Feed the World. Aber Vorsicht, er könnte Ihre Ernährungsweise ändern.

Von Bert Gamerschlag

Was sehen Sie denn so - "Verliebt in Berlin" (Sat 1)? "Verbotene Liebe" (ARD)? "Lotta in Love" (Pro 7)? Geliebte Vorabendserien, so richtig fürs Herz. Aber gehen Sie doch auch mal wieder ins Kino. Da läuft seit dem 27. April bundesweit ein Liebesfilm, in dem Sie mitspielen. Ja, Sie. Wir alle spielen mit, so wir in den vergangenen Wochen bei Real, Aldi, Penny, Edeka, Rewe, Lidl und so weiter eingekauft haben, also das machen, was wir immer machen und so lieben: billig einkaufen.

Der Film beginnt mit einem modernen Kornfeld, unkrautfrei, ein quasi ethnisch gesäubertes Pflanzenfeld. Und er endet mit Peter Brabeck, dem Chef von Nestlé, des weltgrößten Nahrungsmittelkonzerns. Er war so mutig, vor die Kamera zu gehen, und sagt, für uns sei die Welt niemals besser gewesen als heute: "Wir haben alles, was wir wollen, und (sind doch) psychologisch in einer Trauerstimmung." Das kann der Nestlé-Chef nicht verstehen. Vielleicht sollte er sich den Film ansehen. Dann würde er kapieren, vielleicht.

Brot ist billig wie Dreck

"We Feed the World" - so heißt der Dokumentarfilm von Erwin Wagenhofer. Was sieht man nun? Nichts Grausames, nur das System. Das System der Lebensmittelindustrie, erläutert von Jean Ziegler, dem UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Man sieht, wie Brot auf offenen Kippern nachts durch die Stadt Wien auf den Müll gefahren wird. Überflüssiges Brot. Jede Nacht wird in Wien so viel Brot auf den Müll gefahren wie die Stadt Graz, Österreichs zweitgrößte Stadt, verbraucht. Es ist billig wie Dreck.

Man sieht einen Topmann der weltgrößten Saatgutfirma Pioneer, der sich daran macht, die Landwirtschaft Rumäniens zu verderben, des zweitgrößten europäischen Agrarlands nach Frankreich. Erst hat seine Firma die Landwirtschaft "im Westen versaut", sagt er in die Kamera, nun mache sie sich daran, "die im Osten zu versauen". Mit Saatgut für Produkte, die schön aussehen, aber nach nichts schmecken. Persönlich wünscht er sich, die Rumänen würden sein Saatgut nicht kaufen, denn bei ihnen laufe alles noch ideal, aber als Konzernmann verkauft er sein Zeug gleichwohl, die Entwicklung sei eh nicht mehr aufzuhalten.

Statt Wald Sojafelder für die Fleischmast

Man sieht Brasilien aus der Luft, und zwar den Mato Grosso, zu Deutsch großer Wald. Der band einmal viel CO2, das Treibhausgas. Der Mato Grosso, sieht man, ist jetzt nicht mehr da. Wo er war, sind Sojafelder für die Fleischmast in Europa, die Schnitzel so billig machen, dass wir jeden Tag Schnitzel essen. Man sieht Südspanien aus der Luft, wo unsere Tomaten wachsen - Plastikplanen, so weit das Auge reicht. Und darunter afrikanische Wanderarbeiter, von europäischen Dumpingexporten als Bauern ruiniert und in die Ferne getrieben. 3000 Kilometer reist jede Tomate, deren Transport so billig ist, dass er nur ein Prozent der Regalpreise ausmacht. Man sieht das CO2 auf den Autobahnen aus den Lkws in die Luft dieseln und den Globus wärmen.

Man sieht Supermarkthühnchen in ihrem Produktionszyklus vom Brutkasten bis zur verpackten Fleischware. Süße kleine gelbe Küken. Hei, wie das Fließband mit denen umgeht und wie sie acht Wochen später von Hühnerhenkern kopfüber ans Schlachtband gehängt werden. Wie flott das geht - im Maschinenbau sind wir doch immer noch unschlagbar.

Sehen Sie sich das an. Na kommen Sie, nur einmal. Sind doch nur 96 Minuten. Danach können Sie sich wieder vor den Fernseher setzen, "Verbotene Liebe" gucken und weiter träumen. Wenn Sie es noch können.

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