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Dinner hinter Gittern Dieser Knast ist ein Jahr im Voraus ausgebucht – wegen des Essens

Der Inhaftierte Christopher bedient in der Jugendstrafanstalt Arnstadt (Thüringen) die Gäste während eines "Dinners hinter Gittern". Sechsmal im Jahr bittet die Haftanstalt gegen einen Obolus Besucher von draußen zu Tisch.
Der Inhaftierte Christopher bedient in der Jugendstrafanstalt Arnstadt (Thüringen) die Gäste während eines "Dinners hinter Gittern". Sechsmal im Jahr bittet die Haftanstalt gegen einen Obolus Besucher von draußen zu Tisch.
© arifoto UG/DPA
Im Jugendknast Arnstadt in Thüringen begeistern Häftlinge mit ihren Kochkünsten die auswärtigen Gäste. Die Plätze sind bereits für ein Jahr im Voraus ausgebucht.

Die Tafeln sind weihnachtlich mit Namenskärtchen gedeckt. Bei heimeligem Kerzenschein kommen Kürbisrahmsüppchen, knusprige Gänsebrust und Risotto mit Zimteis auf den Tisch. Die hauseigene Musikgruppe mit dem Namen Gitterband singt dazu im Hintergrund "Stand by Me". Mehr als 40 Gäste sind an diesem frühen Abend zum Candle-Light-Dinner hinter meterhohen Mauern gekommen, denn das Drei-Gänge-Menü wird von Strafgefangenen im Jugendgefängnis im thüringischen Arnstadt serviert. Während in der Küche junge Straftäter unter Anleitung eines Lehrkochs am Herd stehen, reichen im Beamtenspeisesaal Mithäftlinge freundlich lächelnd Kaffee und Getränke - nur der Alkohol fehlt auf der Karte.

Sechsmal im Jahr bittet die Haftanstalt gegen einen Obolus Besucher von draußen zu Tisch. Das Dinner hinter Gittern ist mittlerweile so begehrt, dass die Plätze bis Ende 2017 ausgebucht sind, berichtet Anstaltsleiterin Anette Brüchmann. Sogar einige Stammgäste gibt es inzwischen, aber auch Geburtstagsrunden und Thüringens Justizminister Dieter Lauinger (Grüne) bewirteten die Häftlinge schon. Für die Jugendlichen sind diese Essen eine willkommene Abwechslung im Knastalltag: "Die hängen sich da richtig rein", sagt Brüchmann.

In der Knastküche: Während in der Küche junge Straftäter unter Anleitung eines Lehrkochs am Herd stehen, reichen im Beamtenspeisesaal Mithäftlinge ihren auswärtigen Gästen Kaffee und Getränke.
In der Knastküche: Während in der Küche junge Straftäter unter Anleitung eines Lehrkochs am Herd stehen, reichen im Beamtenspeisesaal Mithäftlinge ihren auswärtigen Gästen Kaffee und Getränke.
© arifoto UG/DPA

Zum ersten Dinner lud das Jugendgefängnis kurz nach seiner Eröffnung im Jahr 2014. "Wir wollten den Jugendstrafvollzug in der Öffentlichkeit vorstellen, Vorurteile abbauen und mit den Jugendlichen etwas Sinnvolles machen", beschreibt Brüchmann die Idee dahinter. Nach dem Essen schließt sich für die Gäste ein kleiner Rundgang mit Blick in die Ausbildungswerkstätten und eines der Hafthäuser an. Ähnliche Aktionen gibt es einigen Jugendgefängnissen in anderen Bundesländern wie etwa in Nordrhein-Westfalen.

"Wenn Personal fehlt, geht Sicherheit vor"

"Für die Gefangenen sind Kontakte mit der Öffentlichkeit wichtig für die Resozialisierung, schauen sie doch so über den Tellerrand", sagt der Vorsitzende des Bundes der Strafvollzugsbediensteten Deutschland, René Müller. Bei Theateraufführungen vor Publikum wie in Sachsen und Berlin oder bei Fußballturnieren mit auswärtigen Mannschaften wie in Hamburg könnten Gefangene Bestätigung und Anerkennung finden.
Allerdings seien auch ausreichend Vollzugskräfte nötig, um solche Projekte zu beaufsichtigen, mahnt Müller. "Wenn Personal fehlt, geht die Sicherheit vor."

Nach Ansicht des Strafrechtlers und Kriminologen an der Universität Halle-Wittenberg, Kai Bussmann, helfen Angebote wie das Essen im Knast dabei, die berufliche Kompetenz der Gefangenen zu stärken. "Für die soziale Integration ist es wichtig, eine Umgebung zu schaffen, die der Außenwelt soweit wie möglich angepasst ist." Das könne sich positiv auf die Rückfallquote auswirken, die vor allem bei jugendlichen Straftätern mit 60 bis 80 Prozent sehr hoch sei.

Auch der 24-jährige Christopher, der beim Weihnachtsdinner in Arnstadt die Gäste bedient, sitzt nicht zum ersten Mal ein. Im September vergangenen Jahres begann er im Gefängnis eine Ausbildung als Servicefachkraft. Das erste Dinner sei für ihn noch ungewohnt gewesen, gesteht er. Der 25 Jahre alten Christoph, der bereits von Anfang an in Arnstadt in der Küche steht, will nach seiner Haftzeit als Koch arbeiten. "Unsere Gäste sind alle begeistert", sagt er freudig, "das erwartet hier drinnen keiner." 

Annett Gehler/DPA

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