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Der Dieb kocht, der Betrüger serviert: Mittagessen im Gefängnis

Im Restaurant eines südafrikanischen Gefängnisses kochen und kellnern die Häftlinge. Für sie bedeutet der Job Hoffnung auf ein besseres Leben. Ihre Gäste dagegen besuchen einen historischen Ort.

Die Speisekarte des Restaurants Idlanathi in dem Gefängnis Pollsmoor in der Nähe von Kapstadt. In dem Restaurant erlernen die Gefangenen Fähigkeiten, um in Freiheit bessere Jobchancen zu haben.

Die Speisekarte des Restaurants Idlanathi in dem Gefängnis Pollsmoor in der Nähe von Kapstadt. In dem Restaurant erlernen die Gefangenen Fähigkeiten, um in Freiheit bessere Jobchancen zu haben.

In der Küche hantieren Gefangene in orangefarbenen Overalls mit Messern, in dem spärlich eingerichteten Restaurant servieren ihre Zellenkollegen das Essen. Kulinarische Highlights können die Gäste zwar nicht erwarten, eine besondere Erfahrung ist der Besuch im "Idlanathi" nahe Kapstadt aber mit Sicherheit. 

Das Lokal liegt auf dem Gelände des Hochsicherheitsgefängnisses Pollsmoor, in dem in den achtziger Jahren der ehemalige südafrikanische Präsident und Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela einsaß. Es ist Teil eines Ausbildungsprogramms, das den kochenden und kellnernden Häftlingen helfen soll, nach ihrer Entlassung schneller einen Job zu finden.

Weltweit einzigartig ist das Knast-Restaurant nicht - ähnliche Initiativen wurden auch in der italienischen Stadt Volterra, in Concord im US-Bundesstaat Massachusetts und in vier britischen Gefängnissen gestartet. So viel Geschichte wie Pollsmoor bietet allerdings keine der anderen Anstalten.

Essen wo Mandela einsaß

Mandela, der wegen Sabotage und der Vorbereitung eines bewaffneten Umsturzes zu 27 Jahren Haft verurteilt wurde, saß einen Teil seiner Strafe in dem Gefängnis ab. 1988 erkrankte er in Pollsmoor an Tuberkulose.

Heute gilt der Knast als extrem überfüllt. In die Schlagzeilen gerät er außerdem immer wieder wegen krimineller Banden und schlechter hygienischer Zustände. In der Einrichtung in Kapstadts Vorort Tokai sind rund 8 000 Häftlinge untergebracht, die Zahl der Betten liegt nur bei ungefähr der Hälfte.

Für die im "Idlanathi" arbeitenden Häftlinge ist das Restaurant daher nicht nur eine willkommene Abwechslung in einem ansonsten sehr monotonen Alltag. Es sei wesentlich sicherer, in dem Lokal zu kellnern als in den Zellen abzuhängen, sagt Clement, der wegen Diebstahls eine zweijährige Haftstrafe in Pollsmoor absitzen muss. "Was für ein Mist auch immer im Gefängnis abgeht, wir werden nicht involviert."

Der 27-Jährige, der an dem Ausbildungsprogramm des Gefängnisses teilnimmt, wird frühmorgens aus seiner Zelle abgeholt und kehrt erst um 14.00 Uhr zurück, pünktlich zur Schließzeit. Dazwischen verteilt er blaue Tischsets aus Plastik und in Servietten gewickeltes Besteck, serviert die Gerichte und räumt ab.

Das Essen ist gut und günstig

Fünfzig Gäste passen in das praktisch eingerichtete "Idlanathi", das in einem unscheinbaren, rot-geklinkerten Bau untergebracht ist. Stühle mit Plastikbezügen sind unter schwarze Metalltische geschoben. Schwere rote Vorhänge sollen die Gitter an den Fenstern verdecken, grell leuchtende Halogenlampen und ein gefliester Fußboden lassen den Raum kalt und unfreundlich wirken.

Neben einem der Fenster sitzt Willem Kriel vor einem Teller Fish and Chips. Er sei so begeistert von dem Lokal, dass er selbst dann zum Essen herkomme, wenn er frei habe, sagt der Mann, der als Sicherheitsbeauftragter für die Einrichtung arbeitet. "Es ist offensichtlich kein Fünf-Sterne-Hotel, aber das Essen ist gut und günstig."

Von morgens bis mittags wird deftige Kost zu extrem erschwinglichen Preisen serviert: Ein Bauernfrühstück inklusive Kaffee kostet 35 Rand (aktuell rund 2,30 Euro). Ein Hühnerschnitzel mit Pommes und Salat wird für 37 Rand verkauft. Alkoholische Getränke gibt es nicht, Gäste haben die Wahl zwischen Wasser, Saft oder Softdrinks.

Häftlinge werden auf Herz und Niere geprüft

Ntobeko Ngalo kommt zwei Mal im Monat ins "Idlanathi" - immer dann, wenn er ein inhaftiertes Familienmitglied besucht. Dass die Belegschaft aus Gefangenen besteht, beunruhigt ihn nicht. Er weiß, dass in dem Lokal keine verurteilten Gewalttäter beschäftigt werden.

Die Häftlinge würden vor ihrem Einsatz im Restaurant auf Herz und Nieren geprüft, erklärt eine Personalverantwortliche. Nach ihrem Dienst zählten Gefängnismitarbeiter die Messer in der Küche und stellten sicher, dass die Insassen keine gefährlichen Gegenstände am Körper oder in ihrer Kleidung versteckt haben.

Sahir, der Koch des Restaurants, betrachtet die Aufgabe als Fahrkarte in ein besseres Leben. "Ich komme in einem Monat raus", sagt er. "Dann suche ich mir einen Job in einem Restaurant."

Kristin Palitza/DPA