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Fleischlose Kost: Grün ist nicht gleich grün

Klimafreundliche Ernährung liegt im Trend - viele setzen deshalb auf fleischlose Kost. Doch auch bei Tofu und Gemüse kann die Ökobilanz schlecht ausfallen.

Von Nicole Heißmann

Manche werden Vegetarier, um Tieren Leid zu ersparen. Andere, weil sie keine pflanzlichen Lebensmittel als Tierfutter verschwenden möchten. Und Dritte nennen den Klimaschutz, weil bei der Tierhaltung Treibhausgase in die Atmosphäre entweichen. Geschätzte sechs Millionen Menschen in Deutschland leben laut Vegetarierbund ohne Fleisch. Alle anderen jedoch verputzen mehr als einen Zentner Tier pro Kopf und Jahr. Die Zentrale Markt- und Preisberichtstelle (ZMP) in Bonn hat gezählt: Statistisch aß jeder Deutsche im Jahr 2006 39 Kilo Schweinefleisch, acht Kilo Rind und Kalb sowie zehn Kilo Geflügel.

Was aber brächte es für Umwelt und Klima, wenn die nun auch das Fleisch vom Speisezettel verbannten? Global gesehen kann es Treibhausgase sparen. Die Haltung von Nutztieren erzeugt tatsächlich große Mengen Kohlendioxid (CO2), Methan (CH4) und Lachgas (N2O). Weil diese Gase die Atmosphäre unterschiedlich erwärmen, rechnen Forscher die Mengen in "CO2-Äquivalente" um: Vergleichseinheiten, die sich am Treibhauspotenzial pro Kilo CO2 orientieren. So kalkuliert, stößt der globale Viehbestand laut Welternährungsorganisation FAO etwa ein Fünftel der von Menschen erzeugten Treibhausgase aus - mehr als der gesamte Verkehr. Rodung von Wald für Tierfutterflächen setzt Kohlendioxid frei; aus Mist und Gülle entweichen riesige Mengen Lachgas; Wiederkäuer wie Rinder und Schafe produzieren in ihren Mägen Massen von Methan.

Futtermittel treiben das Klima

In Deutschland werden zwar keine Wälder für Weideland und Futteracker abgeholzt. Trotzdem schlägt die Futtermittelerzeugung für tierische Produkte bei Energieverbrauch und Treibhausgasen zu Buche: Futterpflanzen wie Rüben oder Raps werden mit Maschinen bearbeitet und mit energieaufwendig hergestellten Kunstdüngern und Pestiziden behandelt. Weil gleichzeitig für ein Kilo Tiereiweiß circa sechs Kilo pflanzliches Eiweiß verfüttert werden (je nach Rasse und Futtermix mehr oder weniger), vervielfachen sich Energieeinsatz und Treibhausfolgen bei Produkten vom Tier.

Allerdings ist eine vegetarische Ernährung mit Eiern und Milchprodukten ("ovo-lacto-vegetabile Kost") nicht zwangsläufig umweltfreundlich, wie eine Untersuchung der Cornell University (Ithaca, USA) zeigte. Denn auch für Milch- und Federvieh müssen Futtermittel gedüngt, gespritzt und maschinell geerntet werden. Umgerechnet auf Kalorien, verbraucht die Herstellung von Milch ebenso viel Energie wie die von Schweinefleisch: 14 Kilokalorien fossile Brennstoffe pro Kilokalorie Tiereiweiß. Dass gerade Milchprodukte nicht klimafreundlicher sind als Fleisch, haben auch Wissenschaftler des Freiburger Öko-Institutes am Beispiel Käse vorgerechnet: Für die Herstellung eines Kilogramms Käse werden durchschnittlich acht Liter Milch benötigt. Dabei werden mehr als acht Kilo CO2-Äquivalente emittiert. Frischfleisch bringt es dagegen nur auf fünf Kilo Kohlendioxid, das Ei auf knapp zwei und Joghurt auf gut eins.

Öko ist auch für die Erderwärmung gut

In jedem Fall gut machen sich Produkte aus der ökologischen Landwirtschaft - egal, ob Gemüse, Salat oder Fleisch, Milch und Eier. Deren Bilanz bleibt sogar dann positiv, wenn man mit einrechnet, dass Biobauern pro Hektar meist weniger Ertrag erwirtschaften und dadurch mehr Fläche brauchen. Doch vor allem ihr Verzicht auf Kunstdünger und synthetischen Pflanzenschutz erspart der Umwelt neben Energie und CO2 auch noch überschüssige Nährstoffe und Gifte. Beim Salat- und Gemüsekauf lohnt sich der Griff zur saisonalen Freilandware: Denn pro Kilo Obst oder Gemüse werden im beheizten Treibhaus - je nach Sorte - 5- bis 30-mal so viele Gase ausgestoßen wie auf einem Acker.

Viele Vegetarier ersetzen Fleisch, Milch und Eier durch Soja. Es liefert zwar hochwertiges Eiweiß, der Anbau ist aber meist nicht umweltfreundlich. Die Bohne braucht warme Böden und kurze Sommertage, um beste Erträge zu liefern. Der Großteil der jährlichen Welternte von mehr als 220 Millionen Tonnen stammt daher aus subtropischen und tropischen Gebieten in den USA, Argentinien und Brasilien. Dort werden aus Tropenwäldern und Savannen Sojafelder. Biotofu-Hersteller mit kritischer Kundschaft treiben inzwischen großen Aufwand, um umweltschonend angebautes Soja zu beziehen: Ein deutscher Tofu-Anbieter lässt sich seine Bohnen sogar von Vertragsbauern im Elsass und in Süddeutschland liefern.

Global gesehen dürften die negativen Umwelteffekte durch Vegetarier-Soja allerdings gering sein - verglichen mit der Soja-Bilanz der Fleischesser, sagt Jörg Michael Greef, Pflanzenbauexperte an der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft: "Sojaeiweiß landet vor allem in Tierfutter. Die Produktion von Tofu und Fleischersatz spielt unterm Strich kaum eine Rolle." In der EU gelangt der weitaus größte Teil von fast 40 Millionen Tonnen Soja-Importen jährlich als Sojaschrot in Futtermittel. Nur drei Millionen Tonnen werden zu Öl gepresst. Tofu und Co. haben einen derart geringen Anteil an der Gesamtbilanz, dass noch nicht einmal die ZMP in Bonn das Segment getrennt erfasst.

Ölpalmen-Plantagen statt tropischer Wälder

Ein anderes Beispiel für die komplexe Ökobilanz pflanzlicher Produkte stellt Palmfett dar: Es wird unter anderem in Pflanzenmargarine und Bratfetten eingesetzt, um diese fester zu machen. Zunehmend spielt es auch bei Biokraftstoffen eine Rolle. Laut dem Umweltprogramm der vereinten Nationen (Unep) stammen bereits 83 Prozent der weltweiten Palmfettproduktion aus Indonesien und Malaysia. Dort jedoch werden für die lukrativen Ölpalmen-Plantagen riesige Flächen tropischer Wälder vernichtet. Auch deutsche Hersteller beziehen aus diesen Ländern Palmfett. Der Verbraucher kann allerdings sauber erzeugtes Fett vom Öko-Killer nicht unterscheiden: Ein zuverlässiges Zertifizierungssystem für nachhaltige Erzeugung gibt es laut Unep bislang nicht. Immerhin haben Hersteller und Umweltverbände inzwischen Kriterien einer Palmölerzeugung ohne weitere Waldzerstörung erarbeitet.

Wenn also pflanzliche Produkte nicht per se die Umwelt schonen - darf man dann guten Gewissens bei Fleisch und Butter bleiben? Ja, sagt Kurt-Jürgen Hülsbergen, Professor für Ökologischen Landbau am bayerischen Wissenschaftszentrum Weihenstephan, der Tierhaltung für unverzichtbar hält: "Ohne Tiere kann die Landwirtschaft ihre Nährstoffkreisläufe nicht schließen: Tiere fressen Pflanzen und düngen mit ihrem Mist die Flächen, auf denen dann wieder Pflanzen wachsen. Ohne Tiere müssen Sie das unter extremem Energieaufwand mit Kunstdünger bewerkstelligen. Die Frage lautet daher nicht, Soja oder Fleisch? Sondern: Wie lassen sich tierische Produkte möglichst umweltfreundlich erzeugen?"

Wiesenbiotope mit grasenden Tieren

Entscheidend für die Umweltbilanz ist dabei die Anzahl der Tiere pro Fläche: Bei einer "Großvieheinheit" (ein Rind oder sieben Mastschweine) pro Hektar falle gerade so viel Gülle und Mist an, dass die Böden Nährstoffe gut speichern und für Pflanzen wieder verfügbar machen könnten. Und Milchkühe in Weidehaltung setzten zwar Methan frei, trügen aber auch zum Naturschutz bei. "Wenn wir in Mitteleuropa eine artenreiche Landschaft erhalten wollen, gehören dazu auch Wiesenbiotope - und die lassen sich am besten mit grasenden Tieren offen halten", sagt Hülsbergen.

Fazit: Ob man Tiere töten oder ihnen mögliche Qualen bei der Haltung zumuten will, ist eine Frage der persönlichen Werte und des Tierschutzes. Tendenziell spart der Verzicht auf Fleisch auch Energie und Treibhausgase ein. Bei der Umweltbilanz kommt es aber sehr darauf an, wodurch das Fleisch ersetzt wird. Wer die Umwelt schützen will, kann Produkte aus regionaler Biolandwirtschaft kaufen - auch Fleisch, Milch und Eier. Gemüse und Obst sollten nach Saison gegessen werden und nicht aus beheizten Treibhäusern stammen. Rohware bedeutet weniger Energieverbrauch als komplex verarbeitete Produkte. Und wer seine Lebensmittel vom Biobauern holt, sollte das nicht mit dem Auto tun.

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