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Buch-Auszug

"Soja-Steak an Vollmondwasser": Hipster-Food: Kann man essen, muss man aber nicht

Sie sind wahnsinnig angesagt und wahnsinnig teuer, die hippen Lebensmittel von heute. Markus Barth hat sie unter die Lupe genommen und probiert. Der stern darf aus seinem neuen Buch das Kapitel "Vegetarische Wurst" vorstellen.

Superfood, supergesund, superlecker. Markus Barth hat die gerade besonders angesagten Lebensmittel überprüft und ist zu ganz anderen Schlüssen gekommen. Sein Buch "Soja-Steak an Vollmondwasser" ist zum In-die-Hose-Pinkeln komisch.

Superfood, supergesund, superlecker. Markus Barth hat die gerade besonders angesagten Lebensmittel überprüft und ist zu ganz anderen Schlüssen gekommen. Sein Buch "Soja-Steak an Vollmondwasser" ist zum In-die-Hose-Pinkeln komisch.

Vegetarische Wurst

Früher war das ja so: Der Metzger hat geschlachtet, die ganze Woche fröhlich vor sich hingewurstet und alles verwertet, was verwertbar war. Was dann am Ende der Woche noch in der Wurstküche rumlag, wurde zusammengekehrt und – Überraschung: Am nächsten Tag gab's frische Leberwurst.

Wer das schon eklig findet, der hat sich noch nie mit vegetarischer Wurst beschäftigt. Nehmen wir zum Beispiel mal dich, "Vegetarische Schinkenwurst mit buntem Pfeffer", hergestellt in einer traditionsreichen Wurstfabrik. Wobei ich gar nicht weiß, ob man dich überhaupt "Wurst" nennen darf. Du selbst vermeidest das zumindest auf deiner Verpackung und nennst dich etwas schüchtern: "Vegetarisches Erzeugnis nach Art einer Schinkenwurst mit buntem Pfeffer auf Basis von Eieiweiß". Ein "Erzeugnis"? "Nach Art"? Und "auf Basis"? Na, besonders überzeugt scheinst du von dir selbst ja nicht zu sein, was? Das klingt doch, als würde man einen Justin-Bieber-Song mit den Worten bewerben: "Das ist so ein musikähnliches Erzeugnis nach Art eines Popsongs auf Basis eines dünnen Stimmchens." Wäre natürlich tip top korrekt, aber ob man so das Olympiastadion voll bekäme?

Und warum überhaupt Eieiweiß? Ja, schon klar, du willst wahrscheinlich deutlich machen, dass das Eiweiß in dir aus Eiern und nicht aus Fleisch gewonnen wird. Aber, liebe Nicht-Schinkenwurst, das hatte ich mir schon fast gedacht! Ich halte mich jetzt nicht für die allerhellste Kerze auf der globalen Torte, aber nachdem auf deiner Verpackung nicht weniger als viermal das Wort "vegetarisch", einmal "vegetarian", zweimal "fleischfrei", einmal "Vegetarier" und dann noch zweimal das Logo der "European Vegetarian Union" zu finden sind, hatte ich so eine Vermutung, dass in dir eher wenig totes Tier steckt. Auf normaler Wurst steht ja auch nicht: "Wursterzeugnis auf Basis von Fleischfleisch", nur weil irgendein Depp meinen könnte, es wäre Fruchtfleisch drin.

Oder isses am Ende ganz anders gemeint? "…mit buntem Pfeffer auf Basis von Eieiweiß": Ist etwa nur der Pfeffer auf Basis von Eieiweiß? Diesen Lebensmittelchemikern von heute ist ja alles zuzutrauen!

Wobei, nee, das ist dann doch eher unwahrscheinlich. Denn laut Zutatenliste bestehst du zu 68 Prozent aus Eiklar. 68 Prozent! Da stellt sich natürlich die Frage, ob du auf deiner Verpackung unter der Überschrift "Da weiß man, wer's macht!" wirklich die beiden Produktentwickler nennen und abbilden solltest, oder nicht vielleicht doch lieber die Hanna, die Gundel, die Rosi und all die anderen Hühner, die tagtäglich die Millionen Eieier für dein Eieiweiß produzieren! Natürlich in Freifreilandhaltung.

Apropos: 68 Prozent – das ist ziemlich exakt derselbe Anteil an Eiklar, den auch ein handelsübliches Ei hat. Genau genommen, Vegetarische Schinkenwurst, bist du also eine Art Spiegelei, bei dem man den Dotter entfernt und durch Rapsöl, Kochsalz, Gewürze, Johannisbrotkernmehl, Xanthan, Carrageen, Kaliumlactat, Natriumacetat, Aroma, Traubenzucker, Pfeffer, Paprikaflocken, Carotin und Anthogyane ersetzt haben. Das sind nämlich deine restlichen Inhaltstoffe, und da muss ich sagen: Huiuiui, bei so viel Chemiebaukasten rotiert mein Magen schneller als so mancher Mühlenflügel!

Von rund der Hälfte deiner Inhaltsstoffe habe ich auch nicht den Hauch einer Ahnung, was sie eigentlich sind und wofür man sie braucht. Aber eine Vermutung habe ich dann doch, vegetarischer Veggie-Fleischfrei-Aufschnitt mit Eieiei: Wesentlich gesünder, leckerer, umweltschonender und ethisch korrekter als das, was am Ende der Woche in einer Wurstküche rumliegt, isses wahrscheinlich auch nicht, oder?

Superfood-Trends und 15 weitere Ernährungsmythen finden Sie im neuen stern.

 

bal
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