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Paleo im Selbstversuch: Hungern und Schlemmen liegen dicht beieinander

Tag 20: stern-Autorin Sonja Helms war kurz vorm Aufgeben, tat es aber nicht - zum Glück. Sonst wäre der Besuch im Berliner Paleo-Restaurant nur halb so gut gewesen.

Von Sonja Helms

Ein Paleo-Schlemmermahl erwartete uns beim Besuch des ersten Paleo-Restaurants in Berlin. Eine Wohltat nach Tagen des Zweifelns und Hungerns.

Ein Paleo-Schlemmermahl erwartete uns beim Besuch des ersten Paleo-Restaurants in Berlin. Eine Wohltat nach Tagen des Zweifelns und Hungerns.

Nach dem Zwischenhoch in der zweiten Woche kam das Tief plötzlich, unerwartet und heftig. Nie zuvor in dieser Paleo-Challenge war ich so kurz davor auszusteigen wie am vergangenen Freitag. Warum? Ich hatte Ermüdungserscheinungen, fühlte mich unwohl und kränklich. Schon am Donnerstagnachmittag ging es los. Schon die Frage, was ich bloß abends essen sollte, stresste mich. Seltsames Luxusproblem, und irgendwie absurd in dieser Überflussgesellschaft. Aber ich konnte Fleisch und Gemüse und Eier und Kokos und all das nicht mehr sehen. Ich hatte nicht einmal mehr Lust, passende Rezepte zu suchen. Also brauchte ich missmutig Reste auf und improvisierte eine Süßkartoffel-Gemüse-Pfanne mit Ei, die immerhin ein paar Kohlenhydrate lieferte und mich vielleicht deshalb besänftigte. Freitag wurde es nicht besser, eher schlimmer. Zwar komme ich morgens inzwischen mit dem Paleo-Müsli, Obst und Mandelmilch gut klar. Doch mittags fehlte einfach die Zeit zu essen, weder in der Kantine noch sonstwo, und ich war wieder in der Alltagsfalle. Ich kam zu spät von der Arbeit weg, musste in die Kita hetzen, um mein Kind abzuholen, und konnte dazwischen auf die Schnelle weder etwas paleo-konformes kaufen, geschweige denn zubereiten.

Mein Kühlschrank war ohnehin leer, der Salat vom Vor-Vortag sauer. Für einen langen Moment stand ich also in der Küche, in Eile und wirklich hungrig, und griff zum Brot. Es könnte so einfach sein. Eine Scheibe abschneiden, mit Käse belegen, essen. Ganz still, ganz schnell. Merkt keiner, sieht keiner, muss keiner wissen. Nur dieses eine Mal. Ich roch daran. Der Duft war vertraut, tat gut. Aber nein, wirklich nicht, nein, nein, nein, es ging nicht. Ich hätte am liebsten laut aufgeschrien, nahm noch einen tiefen Atemzug von dem Vollkornbrot - genüsslich, so viel Zeit musste sein - und stellte es zurück. Stattdessen schälte ich die letzte Karotte und nahm mir vor, künftig immer genug Gemüse im Kühlschrank zu haben und mich an diesem Abend mit einem Restaurantbesuch zu belohnen. Was ich auch tat. Gegrillter Fisch mit Gemüse und einer winzigen Kartoffel hielt mich bei der Stange. Das ist immerhin nicht "verboten".

Ein Gedicht eines Frühstücks: Steak auf Paleo-Leinsamenbrot mit kross gebratenem Spiegelei und karamellisierten Zwiebeln.

Ein Gedicht eines Frühstücks: Steak auf Paleo-Leinsamenbrot mit kross gebratenem Spiegelei und karamellisierten Zwiebeln.

Ein Paleo-Schlemmermenü

Zum Glück hatte ich standgehalten, sonst wäre der nächste Mittag nur halb so erfreulich gewesen. Nach dem einigermaßen überwundenen Tief wurde ich entschädigt – und wie! Denise und ich waren in Berlin verabredet, um im "Sauvage" zu brunchen, dem weltweit ersten Restaurant, das ausschließlich paleo-taugliche Gerichte anbietet: frei von Getreide, Gluten, Milchprodukten oder pflanzlichen Ölen. Ich war skeptisch: Würden wir hier wirklich etwas Neues kennenlernen? Würden Fleisch, Eier, Obst und Gemüse hier anders schmecken? Besser?

Dort saßen wir also und aßen - verzückt: ein Steak auf Paleo-Leinsamenbrot mit kross gebratenem Spiegelei und karamellisierten Zwiebeln, eine Artischocke gefüllt mit Ratatouille und pochiertem Ei sowie Erdmandel-Kastanien-Maniok-Pfannkuchen mit Kakao Nibs, Ahornsirup und Obst. Es war ein Fest, ein richtiges Schlemmermenü, und plötzlich waren wir vom echten Genuss nicht mehr noch knapp zwei Wochen entfernt - sondern er war jetzt und hier möglich. Weil wir vorher nicht fragen oder überlegen mussten, ob dieses oder jenes enthalten ist. Genießen bedeutet, sich solche Gedanken nicht machen zu müssen, und das habe ich vermisst.

Stylische Steinzeithöhle: Das Interieur des "Sauvage" in Prenzlauer Berg, Berlin.

Stylische Steinzeithöhle: Das Interieur des "Sauvage" in Prenzlauer Berg, Berlin.

Wild und elegant

"Sauvage" ist französisch und bedeutet "wild". Das Restaurant spielt auch optisch mit der Steinzeit-Symbolik, ohne dabei aufdringlich zu sein. Die Inneneinrichtung ist rustikal und stellenweise dunkel gehalten, erinnert an eine Höhle, mit Geweihen an den Wänden, in dickes Leder geschlagenen Speisekarten und von der Decke baumelnden Tischlämpchen mit Lederrock. Hinten im Laden hängen große Lampen aus Fischhaut. Das alles sieht trotz alledem auch stylish aus, wir sind hier in Prenzlauer Berg.

Nach einer Weile kamen wir mit einem der beiden Betreiber ins Gespräch, Boris Orlando Leite. Der Belgier hatte im Mai 2011 mit seinem Partner die "Sauvage Paleothek" in Neukölln eröffnet; das zweite Restaurant, die "elegante Schwester" in Prenzlauer Berg, wo wir jetzt saßen, kam 2013 dazu. Leite selbst lebt mittlerweile seit sechs Jahren nach der Paleo-Ernährung und sagt, er fühle sich besser als je zuvor.

Artischocke gefüllt mit Ratatouille und pochiertem Ei.

Artischocke gefüllt mit Ratatouille und pochiertem Ei.

Wunsch nach mehr Muskeln

Zu Paleo kam der 27-Jährige eher durch Zufall, nicht wegen seiner Gesundheit wie so viele andere Paleo-Anhänger, obwohl er immer schon zahlreiche gesundheitliche Beschwerden hatte. "Ich kam als Frühchen zur Welt und die Ärzte sagten mir, mein Immunsystem sei schwächer als das anderer Menschen und werde es bleiben", sagt er. Früher litt er an starkem Asthma, hatte Ekzeme, war anfällig und daher oft krank.

Damit hatte er sich aber abgefunden, das war kaum mehr ein Thema für ihn. Leite wollte irgendwann einfach besser aussehen, einen muskulöseren, definierteren Körper haben, Muskelmasse aufbauen. Das wollte ihm trotz großer Bemühungen nicht so recht gelingen, obwohl er vieles ausprobierte, Fett sparte, Kohlenhydrate sparte, jede Kalorie zählte, alles exakt abwog, sich bald fast sklavisch an die offiziellen Ernährungsempfehlungen hielt und dazu viel Ausdauer- und Krafttraining betrieb, bis zum Exzess. Irgendwann ging dann nichts mehr. Sein Asthma hatte sich verschlimmert, er litt an Schlafstörungen, hatte depressive Schübe, Angstzustände, entwickelte eine Essstörung. "Das war alles andere als gesund", sagt er heute.

Zu viel Energie für einen Bürojob

Der Wendepunkt kam 2008, als er den Blog "Mark's daily apple" entdeckte, betrieben von dem Amerikaner Mark Sisson, einem Pionier in Sachen Paleo. Leite probierte Paleo aus, las viel darüber - und blieb dran, weil er sich nach einigen Wochen schon wesentlich besser fühlte, entspannter, erholter, kraftvoller. Außerdem war seine Bauchmuskulatur plötzlich sichtbar, was ihn nach den Mühen beeindruckte und ungemein motivierte. Es ging noch weiter: "Nach einigen Wochen hatte ich so viel Energie, dass ich meinen Job im Callcenter kündigte. Das Herumsitzen im dunklen, künstlich beleuchteten Raum hielt ich nicht mehr aus", sagt er.

Der krönende Abschluss eines Schlemmermenüs: Erdmandel-Kastanien-Maniok-Pfannkuchen mit Kakao Nibs, Ahornsirup und Obst.

Der krönende Abschluss eines Schlemmermenüs: Erdmandel-Kastanien-Maniok-Pfannkuchen mit Kakao Nibs, Ahornsirup und Obst.

Damals entstand die Idee für das Restaurant. Ein halbes Jahr verging, bis ihm auffiel: In den vergangenen Monaten war er kein einziges Mal krank gewesen, nicht einmal erkältet, trotz des nasskalten Winters in Berlin. Mehr noch: Sein Asthma bereitete ihm keine Probleme mehr, die Ekzeme waren verschwunden. Leite hatte überhaupt keine Beschwerden mehr, keine Gelenkschmerzen, keine Kopfschmerzen, kein Unwohlsein oder keine sonstwie gearteten Wehwehchen, die wir alle kennen. Er hatte auch sein Wohlfühlgewicht erreicht, zehn Kilogramm mehr als zuvor, reine Muskelmasse, kein Fett. "Ich bin davon überzeugt, dass die Ernährung der Schlüssel zu guter Gesundheit ist", sagt er heute.

Das erzählen Paleo-Anhänger immer wieder: Dass sie sich wohler fühlen, mehr Energie haben, nach längerer Krankheit endlich gesund geworden sind, nachdem sie ihre Ernährung umgestellt haben. Noch kann ich das nicht bestätigen, ich bin mittendrin, wobei das mit dem etwas besseren Schlaf schon bemerkenswert ist. Aber es sind ja auch nur knapp drei Wochen, die Auf und Abs seien völlig normal, bestätigte Leite - er habe damals tagsüber auch oft Hunger gehabt.

Die Sache mit der Gesundheit schauen wir uns noch einmal genauer an, hier nur so viel: So viel Energie steckt an, vor allem, wenn man in einem Tief steckt. Vom Abbrechen ist zumindest heute keine Rede mehr. Was ich ansonsten noch mitnehme: Vielleicht muss ich etwas mehr backen. Bevor wir gingen, kauften wir noch ein helles Paleo-Brot, das die nächsten zwei Tage sehr gut tat. Mit Brotersatz geht es mir mit dieser Kostform vielleicht deutlich besser, weil dann solche Verzweiflungsmomente gar nicht erst auftreten.

Sie können Sonja Helms hier auf Twitter folgen: @shelmss.