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All you can eat oder 1 Euro zahlen Wer nicht aufisst, zahlt Strafe!

Restaurant
All you can eat, mit Betonung auf "all". Wer im "Yuoki" in Stuttgart nicht aufisst, zahlt Strafe ... Das hat einen guten Grund!
© Felix Sauter
Einige asiatische Restaurants verlangen jetzt Geld, wenn man sich am Büfett zu viel nimmt. Die Branche schaut gebannt zu.
Von Rolf-Herbert Peters

Taste 120“, so hat Guoyu Luan sein besonderes Menü genannt. 120 Minuten lang kann man bei ihm Sushi essen, Maki, Nigiri oder Yaki, so viel man will, all you can eat. Ein Büfett suchen die Gäste in seinem Restaurant vergeblich, sie bestellen über ein iPad, das er ihnen an den Tisch bringen lässt. Alle zehn Minuten dürfen die Gäste fünf neue Gerichte bestellen. 23,95 Euro verlangt er dafür – wenn am Ende die Teller leer sind. Wenn nicht, bittet Luan ein zweites Mal zur Kasse: Er will dann einen Euro zusätzlich für jedes nicht verzehrte Gericht. "Wir wollen unbedingt Lebensmittelmüll vermeiden", sagt er.

Bevor der studierte Informatiker Ende 2014 das Restaurant "Yuoki" in Stuttgart eröffnete, hatte er schon mehrere Betriebe geführt. Dabei war ihm aufgefallen, wie die Deutschen seine Büfett-Anrichten abräumten, als drohe eine Hungersnot.

"Die Verschwendung tat mir richtig weh"

Und wie sie Berge von Fisch und Fleisch unangetastet auf den Tellern ließen. "Die Verschwendungsrate war sehr, sehr hoch, das tat mir richtig weh", sagt Luan. Er stammt aus einer armen Familie, er wuchs in einem chinesischen Dorf auf, zu siebt saßen sie damals um eine Schüssel und kämpften um jeden Happen. So wie die Leute hier essen, kann es nicht weitergehen, dachte er. Und führte die Strafgebühr ein.

Bundesweit versuchen immer mehr Restaurants, gierige Gäste zu disziplinieren, beobachtet man beim Deutschen Hotel und Gaststättenverband. Vorreiter sind asiatische All-you-can-eat-Lokale wie das "Yuoki", das "Mahlzeit" in Hamburg, das "Okinii" in Düsseldorf oder das "Himalaya" im sauerländischen Menden. Die Strafen fallen unterschiedlich hart aus: Das "Yangtse" im rheinischen Hürth verlangt zwei Euro pro 100 Gramm Überfüllung, das Kölner "Sushi am Ring" bis zu sechs Euro pro Portion, die zurückgeht. Allerdings gibt es hier kostenlose Probierversionen – falls es mal nicht schmeckt.

Im "Yuoki" in Stuttgart bestellt man die Gänge übers iPad
Im "Yuoki" in Stuttgart bestellt man die Gänge übers iPad
© Felix Sauter

Alle Wirte sagen, sie treibe ihr ökonomisches wie ökologisches Gewissen. In Deutschland werden jedes Jahr rund zehn Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Rund ein Drittel davon stammt aus der Gastronomie, umgerechnet 23,6 Kilogramm pro Gast und Jahr. "Früher landeten in meinem Restaurant jeden Abend sechs bis sieben Prozent der Speisen in der Tonne", sagt Luan.

Inzwischen kommen an seinen 140 Plätzen höchstens noch anderthalb Kilo zusammen – erheblich weniger. Die Strafgebühr wirkt also. Und rechtlich ist sie einwandfrei. In deutschen Gaststätten gilt Vertragsfreiheit: Der Gast stimmt mit der Bestellung den Geschäftsbedingungen zu. Er muss allerdings klar auf die Klausel hingewiesen werden, etwa in der Speisekarte.

Nicht alle Gäste sind begeistert

Natürlich sind nicht alle Kunden mit der Androhung einverstanden, obwohl Luans Angestellte sie tolerant handhaben, wie er sagt. "Einmal schimpfte ein Gast: Was ihr hier macht, ist Abzocke! Da habe ich ihm geantwortet: 'All you can eat' heißt nun mal nicht 'All you can wegschmeißen'." Der Besucher zahlte, aber Luan ist sich des Risikos durchaus bewusst – er will seine Gäste ja nicht vergraulen. Ob die asiatischen Sanktionen akzeptiert werden, verfolgen auch die Manager von Spitzenhotels mit großem Interesse.

An ihren Frühstücksbüfetts kennen sie die Verschwendung ebenfalls. Bei der Steigenberger- Gruppe etwa wächst der Nahrungsmüll seit zwei Jahren deutlich; damals erweiterten die Betreiber das Angebot um vegetarisches und veganes Essen. Bei einem Test im Steigenberger Frankfurt Airport fanden sie heraus: Auch hier landen fünf bis sieben Prozent der Speisen im Müll. Nun gibt es unter anderem keine fertigen Rühreiberge mehr, sondern nur noch Einzelportionen auf Bestellung.

Die Maritim-Gruppe wiegt in vier Hotels jeden Marmeladenrest und Brötchenkrümel mit einer "Feedbackwaage". Forscher der Uni Stuttgart werten die Daten aus und entwickeln Strategien, um Einkauf und Portionsgrößen zu optimieren. Vor Strafen scheuen sie allerdings noch zurück. "Yuoki"-Chef Luan ist dagegen überzeugt, dass jeder Gast ein wenig Druck verträgt – wenn man gute Argumente liefert. "Wir spenden die Strafgebühr an Tafel und Kirche“, sagt er. "Da kommen 60 bis 70 Euro im Monat zusammen."


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