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Serie "9 Milliarden. Wie werden alle satt?": Das neue Gesicht des Hungers

Hunger gibt es nicht nur in Drittweltländern. Auch in den USA knurrt vielen Menschen der Magen - weil die Löhne so geschrumpft sind. Selbst die Mittelschicht ist davon betroffen.

Von Tracie McMillan

An diesem Morgen schickt Christina Dreier ihren Sohn Keagan ohne Frühstück in die Tagesstätte. Sie weiß, dass der Dreijährige die kostenlose Mahlzeit dort oft verweigert. Aber sie denkt, dass er vielleicht doch zugreift, wenn sie ihn mit knurrendem Magen in die Kita schickt. Dann wäre er mittags weniger hungrig - und es bliebe mehr übrig für die anderen. Alltagssorgen einer Familie in Mitchell County im US-Bundesstaat Iowa.

Die Angst, ihre Kinder nicht satt zu bekommen, überschattet den Alltag von Christina Dreier. Immer versuchen ihr Mann und sie, etwas zurückzulegen, um Dinge kaufen zu können, die sie nicht mit den staatlichen Lebensmittelgutscheinen bekommen, den "food stamps". Diese Form der Sozialhilfe aus Washington wurde vom Kongress im vergangenen Jahr um fünf Milliarden Dollar gekürzt. Die Dreiers erhalten seitdem pro Monat nicht mehr 205, sondern nur noch 172 Dollar auf einer Bezugskarte für Lebensmittel gutgeschrieben, umgerechnet etwa 125 Euro.

Hunger heißt heute Nahrungsunsicherheit

Hunger in einer Mittelschichtsfamilie in den USA? Bei jemandem wie Christina Dreier, die weiß, verheiratet, ordentlich gekleidet, sogar ein wenig übergewichtig ist? "Dies ist nicht der Hunger, den unsere Großeltern kannten", sagt die Soziologin Janet Poppendieck von der City University of New York. "Heute leiden erwerbstätige Leute und ihre Familien Hunger, weil die Löhne so geschrumpft sind."

2006 ersetzte die US-Regierung das Wort "Hunger" durch "Nahrungsunsicherheit". Die gilt für Haushalte, in denen sich im zurückliegenden Jahr Mitglieder zeitweise nicht ausreichend ernähren konnten. Die Zahl dieser Menschen hat sich in den USA dramatisch erhöht und ist bis 2012 auf 48 Millionen gestiegen. Das sind fünfmal so viele wie Ende der sechziger Jahre.

Natürlich liegt bei Familien, die Lebensmittelhilfe erhalten, die Frage nahe: "Wieso seid ihr übergewichtig, obwohl ihr zu wenig zu essen habt?" Das sei kein Widerspruch, sagt Melissa Boteach, Vizepräsidentin der Denkfabrik "Center for American Progress". "Hunger und Übergewicht sind zwei Seiten einer Medaille", erklärt sie. "Die zusätzlichen Pfunde sind ein Nebeneffekt schlechter Ernährung."

Die Not der Familie ist nicht offensichtlich

Jacqueline Christian aus Houston hat eine Vollzeitstelle, sie fährt eine komfortable Limousine und macht mit ihrer Kleidung Eindruck. Ihr älterer Sohn, der 15-jährige Ja’Zarrian, trägt Markenschuhe. Die Not der Familie ist nicht offensichtlich, doch die Kleidung der Mutter stammt aus Discountläden, für seine Sneakers hat Ja’Zarrian einen Sommer lang den Rasen anderer Leute gemäht, die Christians wohnen in einer Obdachlosenunterkunft, und sie beziehen jeden Monat 325 Dollar Lebensmittelbeihilfe.

Nun holt sie Ja’Zarrian und den siebenjährige Jerimiah von der Schule ab. Als die Neonreklame eines Schnellrestaurants an der Straße sichtbar wird, quengelt der Kleine. Er möchte eine Portion frittierte Hühnermägen. Das Menü kostet 8,11 Dollar, doch drei Kreditkarten werden nacheinander zurückgewiesen. Jacqueline Christian ruft ihre Mutter an, die in der Nähe wohnt. Sie legt den Betrag aus. Jacqueline Christian gibt zu, dass diese Ernährung nicht gesund ist.

Stark subventioniert: Mais und Soja

Dabei ist es möglich, sich gut und gleichzeitig preisgünstig zu ernähren. Kyera Reams aus Iowa hat es sich selber beigebracht. Die Hausfrau mit Highschool-Abschluss betreibt einigen Aufwand, ihre sechsköpfige Familie gesund zu ernähren - auch mit Lebensmittelspenden und den 650 Dollar Beihilfe, die ihr monatlich zustehen. Als sie erfuhr, dass man die Beihilfe auch verwenden kann, um Gemüsesetzlinge zu kaufen, legte sie im Garten zwei Beete an. Iowas Böden gehören zu den fruchtbarsten in den USA, etwa ein Sechstel der gesamten Mais- und Soja-Ernte des Landes kommt von hier.

Die US-Regierung subventionierte den Anbau im Jahr 2012 landesweit mit elf Milliarden Dollar. Der Ertrag landet in Form von Würstchen aus dem Fleisch mit Mais gefütterter Rinder, als Softdrink mit Maissirup oder als Frittieröl für Hähnchennuggetts auf Christina Dreiers Küchentisch. Der Anbau von Obst oder Gemüse wird deutlich weniger gefördert.

Diese Prioritäten werden auch im Supermarkt deutlich: Obst und Gemüse kosten heute nach Abzug der Inflationsrate 24 Prozent mehr als vor 30 Jahren. Mit Maissirup gesüßte Softdrinks dagegen sind im gleichen Zeitraum 27 Prozent billiger geworden.

Das System unterstützt gesunde Nahrung nicht

"Wir haben ein System geschaffen, das zwar die Lebensmittelpreise insgesamt niedrig hält, gesunde Nahrung aber wenig unterstützt", fasst der amerikanische Welternährungsexperte Raj Patel zusammen. Nur wenn die Beihilfezahlung kommt, greift Christina Dreier beim frischen Gemüse zu und leistet sich auch mal eine Tüte Bio-Weintrauben und einen Beutel Äpfel. "Die Kinder lieben Obst", sagt sie.

Meistens, sagt Christina Dreier, habe sie gerade so genug Lebensmittel in ihrer Küche. "Wir verhungern hier nicht", sagt sie. "Aber an manchen Tagen knurrt der Magen schon."

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/ernaehrung

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