VG-Wort Pixel

Plastik zum Dinner Das Braten-Experiment: So viel Mikroplastik steckt in unserem Essen

Bunte Mikroplastikpartikel auf einem Löffel
Bis zu fünf Gramm Mikroplastik nimmt Mensch laut Schätzungen pro Woche über das Essen auf.
© Almost Green Studio / Getty Images
Plastik, Plastik, Plastik – es ist überall. Sogar in unserem Körper sammeln sich Mikropartikel davon an. Wir essen es schlicht mit. Wie viel, das zeigt ein Braten-Experiment.

"I'm a Barbie girl, in the Barbie world. Life in plastic, it's fantastic", so geht ein Lied der Band Aqua aus den 90ern. Auch wenn der Song das künstliche Leben einer Puppe beschreibt, ist der Mensch gar nicht so weit von der Verkunststofflichung entfernt, wie er vielleicht denken mag. Denn Plastik ist überall, eben auch in unserem Körper und das ist weit weniger fantastisch, als Barbie uns glauben machen will. Eine Aufnahmequelle für die winzigen Kunststoffteilchen: Essen. So können in einem einzigen Braten bis zu 230.000 Mikroplastikpartikel stecken, wie ein Forscherteam der Universität Portsmouth im Rahmen eines Versuchs mit dem TV-Sender "Good Morning Britain" herausgefunden hat. Würde man so eine Mahlzeit ein Jahr lang täglich verzehren, dann wäre das laut den Wissenschaftler:innen in Summe vergleichbar mit der Menge von zwei Plastiktüten. Bon Appétit.

Bei Mikroplastik handelt es sich um ein Gemisch verschiedener synthetischer Kunststoffe. Die Größenangaben für Partikel schwanken, sind aber unter fünf Millimeter groß. Unterschieden wird in primäres und sekundäres Mikroplastik. Primäres Mikroplastik ist industriell hergestellt, bei sekundärem Mikroplastik handelt es sich sozusagen um Zersetzungsprodukte von Makroplastik. Dieses wird als Haupteintragsquelle gesehen.

Mikroplastikpartikel sind überall

Um herauszufinden, wie viele solcher Kleinstkunstoffpartikel wir en passant übers Essen zu uns nehmen, wurde gekocht. Zubereitet wurden zwei Braten mit Huhn, Kartoffeln, Karotten, Brokkoli und Yorkshire-Pudding. Einer wurde mit Zutaten zubereitet, die hauptsächlich in Plastik verpackt waren, die Zutaten des anderen kamen größtenteils ohne Kunststoffverpackungen aus. Ein Unterschied, der sich im Ergebnis widerspiegelte. In diesem Fall griff die Regel: Je mehr Plastik im Außen, desto mehr Plastik auch im Inneren. Das Forscherteam fand in dem Braten zubereitet mit den in Plastik gehüllten Zutaten siebenmal mehr Mikroplastik als in dem anderen Braten. "Es scheint, dass der größte Teil des Mikroplastiks in unseren Lebensmitteln aus den Plastikverpackungen stammt, in die sie eingewickelt sind", zitiert die DailyMail Fay Couceiro, Expertin für Umweltverschmutzung an der Universität Portsmouth.

Allerdings: Kunststoff ist überall. Und je mehr von ihm produziert wird, desto mehr Mikroplastik landet in der Umwelt – zum Beispiel durch achtlos weggeschmissene Plastikflaschen oder synthetische Textilien, aus denen Mikroplastik beim Waschen gespült wird. Dazu kommen Kunststoffpartikel, die gezielt industriell hergestellt werden und beispielsweise in Kosmetikartikeln Anwendung finden. Das Problem: Sind die Partikel einmal im Abwasser, bekommt man sie dort nur schwer wieder heraus. Die Kläranlagen schaffen das nicht vollends und so werden die Partikel Teil des Wasserkreislaufes. Auch im Meer sind die Auswirkungen sichtbar, dort bilden sich inzwischen riesige Plastikinseln. Schätzungsweise bis zu 21 Millionen Tonnen Plastikmüll landen jährlich weltweit in den Gewässern, wo es in Mikroplastikpartikel umgewandelt wird, die dann von Tieren ungewollt aufgenommen werden.

Ist Mikroplastik im Körper schädlich?

In den Mensch können diese Partikel über verschiedene Wege gelangen: über die Luft, übers Wasser, über Lebensmittel. Mikroplastik könnte auch über den Boden in die Nahrung kommen, beispielsweise in das Gemüse oder in das Futter von Nutztieren. Das Braten-Experiment fand unter Alltagsbedingungen statt, gekocht wurde in einer Küche, nicht im Labor. Zudem wurden die Zutaten nicht einzeln untersucht, sondern das Gesamtpaket, also das Essen wie es auf dem Teller landet, bewertet. Laut Couceiro ist davon auszugehen, dass das Mikroplastik über verschiedene Wege ins Essen gekommen ist, es stamme "wahrscheinlich aus einer Kombination von Lebensmitteln, Verpackungen, Kochutensilien und der Luft". Allein mit dem Essen nehme jeder Mensch in der Woche rund fünf Gramm Mikroplastik auf, hat Lukas Kenner, Pathologe am CBmed-Zentrum in Graz, errechnet. Er erforscht die Auswirkungen von Mikroplastik auf den Darm. "Aus Tierversuchen wissen wir, dass es die Zusammensetzung des Mikrobioms verändert", sagte er dem stern. Und: "Wir müssen herausfinden, ab welcher Dosis Mikroplastik dem Körper schadet und welche Kunststoffe besonders problematisch sind."

Vergiften wir uns mit Mikroplastik nach und nach selbst? Davon geht nach jetzigem Wissensstand weder die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit noch das Bundesinstitut für Risikobewertung aus. Mikroplastikpartikel in Lebensmitteln stellen demnach kein gesundheitliches Risiko dar, da diese zum überwiegenden Teil vom Körper wieder ausgeschieden würden. Ähnlich schätzt die Weltgesundheitsorganisation die Lage für Mikroplastikpartikel in Trinkwasser ein. Eine Einschätzung mit Vorbehalt. Denn, so schreibt das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV): "Für eine abschließende Risikobewertung von Mikroplastikpartikeln in Lebensmitteln bedarf es jedoch weiterer Forschung und dazu der Erhebung von verlässlichen Daten."

Dennoch wurde zuletzt immer deutlicher, dass das Problem Mikroplastik im Körper keines ist, was unterschätzt werden sollte. So konnten Wissenschaftler:innen Mikroplastik in verschiedenen Teilen des Körpers nachweisen wie im Blut und in der Lunge. Zudem weisen Versuche mit Zellkulturen und Versuchstieren ebenfalls auf negative Effekte hin. "Die mit Mikroplastik beladenen Zellen zeigen Entzündungsreaktionen", so die Humanbiologin Ann-Kathrin Vlacil zum stern. Ablagerungen der Partikel wurden außerdem im Leber- und Milzgewebe gefunden.

Auch wenn die Forschung über die tatsächlichen Auswirkungen zu wenig weiß, steht fest: Mikroplastikteilchen im Körper sind nicht gesünder als keine Mikroplastikteilchen im Körper. Ein Weg, die Aufnahme zu minimieren, ist, auf Kunstoff(-verpackungen) möglichst zu verzichten. Auch bestimmte Lebensmittel  und Kosmetikartikel sollten mit Bedacht verwendet werden. So saugen Muscheln beispielsweise Mikroplastik auf wie ein Schwamm. Weitere Produkte, in denen sich Mikropartikel verstecken, finden Sie in der Fotostrecke oben.

Quelle: DailyMail, Portsmouth News, Mirror, BMUV, Lebensmittelchemisches Institut

Mehr zum Thema

Newsticker