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Küchenhelfer: Hilfe, ich bin infiziert! - Mein Abend auf der Thermomix-Party

Ich hatte vorher noch nie von der Wunderwaffe aller gestressten Hausfrauen gehört. Doch ein Abend mit fluffigen Brötchen, leckerem Brokkolisalat und perfektem Himbeereis reichte, um mich süchtig zu machen. Süchtig nach dem Thermomix.

Das ist zwar nicht die Autorin, aber sie sah während ihres Abends mit dem Thermomix sogar noch glücklicher aus

Das ist zwar nicht die Autorin, aber sie sah während ihres Abends mit dem Thermomix sogar noch glücklicher aus

"Ihr kennt das vielleicht, man kommt abends von der Arbeit und hat keine Lust mehr zu kochen. Dann bestellt man sich eine Pizza und hat hinterher ein schlechtes Gewissen, weil man sich ja eigentlich gesünder ernähren wollte." Ich nicke, solche Abende gibt es bei mir sehr oft. Die freundliche Vorwerk-Frau spricht weiter: "Das muss aber nicht so sein! Der Thermomix ist perfekt, um schnell und gesund zu kochen. Ihr werdet überrascht sein, wie sehr er euer Leben vereinfacht."

Plötzlich klingt der Thermomix wie die Lösung all meiner Probleme. Man kennt diese Technik von Sekten: Anhand von Kleinigkeiten, die dir selbst gar nicht auffallen, erstellen die Menschenfänger ein Persönlichkeitsprofil und erwischen dich dann genau an deinem wunden Punkt. Die Verkaufsagentin von Vorwerk hat anscheinend denselben Kurs wie die Scientology-Vertreter gemacht. Ein Blick reicht und sie weiß, dass ich mir regelmäßig erfolglos vornehme, unter der Woche gesünder zu essen und mehr zu kochen. Doch wie hat sie das gemacht? Hat sie sich Einblick in das Kundenregister des benachbarten Pizzalieferdienstes verschafft? Sind meine Haare stumpf geworden durch zu wenig Vitamine?

Küchenmaschine im Test - das Fazit: Einen Thermomix für 1100 Euro braucht kein Mensch, aber ...


Ich bin auf meiner ersten Thermomix-Party. Das Prinzip ist das gleiche wie bei Tupperpartys. Eine Vertreterin der Firma führt das Gerät in der heimeligen Atmosphäre eines bereits überzeugten Käufers vor, der wiederum ahnungslose Freunde eingeladen hat, damit er selbst hinterher einen Rabatt auf das Gerät erhält. Bis zu diesem Abend hatte ich keine Ahnung, was ein überhaupt ist. Die Firma Vorwerk brachte ich mit Staubsaugern und nicht mit Küchengeräten in Verbindung. Ich bin wegen der Gratis-Getränke da und nicht weil ich Interesse an einer Küchenmaschine für über 1000 Euro habe. Drei Gänge später sieht das jedoch ganz anders aus.

Alles geht so einfach! Und so schnell!

Die nette Frau von Vorwerk betont, dass sie uns natürlich zu nichts überreden will. Sie möchte uns einfach nur zeigen, was der Thermomix so alles kann und warum Vorwerk weltweit Millionen solcher Geräte verkauft. Jeder ist für ein Gericht zuständig, ich darf Brötchen backen. Mithilfe eines Rezepte-Chips sagt mir der Thermomix Schritt für Schritt, was ich tun soll und innerhalb von Minuten ist der Teig fertig. Ohne einen Berg an schmutzigem Geschirr und Mehlspuren in der gesamten Küche. Schon toll, denke ich. Dann machen wir einen Salat mit Brokkoli und Tomaten - auch das innerhalb weniger Minuten. Wir stellen Pasten und Dips her, mixen unsere eigenen Drinks, machen unfassbar leckeres Himbeereis. Selbst Puderzucker stellen wir selbst her!

Ich sehe mein neues Leben vor mir: Wenn ich einen Thermomix kaufe, werde ich nie wieder ungesund essen. Ich werde gesünder und fitter sein. Und viel mehr Zeit für mich haben, da all meine Mahlzeiten innerhalb von Sekunden zubereitet werden. Mein Leben wird genauso perfekt sein wie das von den glücklich dreinblickenden Menschen in der Thermomix-Broschüre.

Der harte Entzug

Ich wache am nächsten Morgen auf und mein erster Gedanke ist: "Ich brauche einen Thermomix." Ich lese mich durch Erfahrungsberichte im Internet und - wie bei allen Glaubensfragen - gibt es überzeugte Jünger, die seit dem Kauf ein besseres, gesünderes und stressfreieres Leben führen, und Ungläubige, die so ein Teufelsding nie in ihre Küche lassen würden. Gerade unter Müttern tobt eine hitzige Debatte darüber, ob die Aufzucht eines Kindes mithilfe eines Thermomixes erlaubt ist oder nicht. Schließlich sei das doch kein Kochen mehr, wenn die Maschine die ganze Arbeit mache.

Nur sehr langsam endet mein Trip. Ich brauche viele Gespräche mit Nicht-Infizierten und einen realistischen Blick in meine kleine Küche und auf mein Konto, bis ich wieder clean bin. Fast zwei Wochen dauert es, bis ich den Wunsch, meinen eigenen Puderzucker herzustellen, komplett aus meinem Kopf verbannt habe. Es war knapp, fast hätten sie mich erwischt. 

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